Rauchverbot Zecher ohne Zigaretten

Kölsch ohne Zigarette: Seit Dienstag ist Rauchen auch in den Kneipen Thüringens und Nordrhein-Westfalens verboten. Doch wie haben sich die Wirte auf die Neuerung eingestellt? Und was sagen die Besucher? stern.de war in der Kneipenstadt Köln unterwegs und hat nachgefragt.
Von Matthias Lauerer, Köln

In der Kölner Kneipe "Alt Neppes" steht Bernd Westig in brauner Lederweste und dunklen Slippern am Holz-Tresen. Vor ihm liegt eine rote Schachtel "Winston"-Zigaretten, daneben stehen ein halb volles Glas Kölsch und ein kleines Glas Schnaps. Der 59-Jährige kommt seit 1980 in die urige Eckkneipe auf der Neusser Straße und vetreibt sich die Zeit bei Zigarette und Kölsch. Doch dieser Zeitvertreib ist nun bedroht. Denn seit heute gilt auch in den Gaststätten, Eisdielen, Cafés und Bars Nordrhein-Westfalens und Thüringens das neue Nichtraucherschutzgesetz.

Dieses Verbot gilt dabei unabhängig von der Größe des Lokals, nur in Fest-Zelten und Bier-Gärten darf weiter geraucht werden. Weitere Ausnahme: Raucher-Räume, die "vollständig von Wänden umschlossen und abschließbar sind". Ansonsten drohen den Wirten Geldstrafen in Höhe von bis zu 1000 Euro.

Von der Stammkneipe in den Raucherclub

Zurück in Köln-Nippes: Raucher Westig ist ein freundlicher Mensch. Doch wenn man ihn auf das Rauchverbot anspricht wird der Mini-Jobber mit weißem Bart wütend: "Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Raucher. Das, was hier stattfindet, ist doch eine Bevormundung der Leute. Wir Raucher werden vom Staat gegängelt."

Seit 0.00 Uhr stehen keine Aschenbecher mehr auf den Tischen der Einraum-Kneipe und Raucher Westig muss seine Zigaretten nun auf dem Bürgersteig rauchen. Und da ihm das nicht so recht schmeckt, wurde aus dem Raucher Westig vor ein paar Tagen das Raucherclub-Mitglied Westig. Denn diese Ausnahme gewährt das Gesetz in NRW. Gibt es "Räume, deren ausschließlicher Zweck der gemeinschaftliche Konsum von Tabakwaren ist", so ist das Rauchen dort auch weiterhin gestattet. Mit seiner Clubkarte darf Westig nun in der Weidenpescher Kneipe "Zur alten DM" weiter rauchen und bleibt wohl seiner erklärten Lieblings-Kneipe auf der Neusser Straße künftig fern.

Acht Stunden rauchfrei

Das "Alt Neppes" ist eine der Eckkneipen, die das Verbot hart trifft, denn "90 Prozent unserer Gäste sind Raucher", wie Petra Heidel schätzt. Seit einem Jahr arbeitet sie hinter der Theke des "Vereinslokals der FC Geißböcke, Freunde und Schluckspechte" wie auf einem alten Papp-Schild an der Wand steht. Ein Kölsch kostet hier nur einen Euro - genauso wie der dazu passende Schnaps.

Aber nun muss die 49-Jährige Petra Heidel ohne die gewohnten Zigaretten hinter dem Tresen arbeiten. "Ich als Raucherin soll nun acht Stunden ohne Zigaretten bei der Arbeit auskommen? Ein Witz, denn ich kann die Kneipe ja nicht einfach verlassen", sagt sie. Bereits seit 35 Jahren raucht die zierliche Blondine und will sich deshalb nicht mit der neuen Regelung anfreunden, schüttelt immer wieder den Kopf und sagt dann: "Unsere Geselligkeit geht doch verloren, wenn immer einer aus der Gruppe vor die Tür rennt, um zu rauchen."

Mitleid von den Großen der Branche

Solche Sorgen kennt Alexander della Marina nicht. Der Betriebsleiter des "Gaffel am Dom", eines 1600 Quadratmeter großen Brau- und Wirtshauses, weist 130 Quadratmeter als einen separaten Raucherraum aus. Das Kölsch kostet hier 1,45 Euro, Tatar mit Reibekuchen gibt es für 10,90 Euro. "Wegen des Rauchverbotes haben wir fünf bis sechs Prozent Mehrkosten, da wir mehr Personal einstellen müssen", sagt Marina. Doch der Gastronom hatte Glück. Denn das Brauhaus, das Platz für 1200 Gäste bietet, öffnete erst im Frühjahr 2008. Und so stellte man sich hier bereits während der Bauphase auf das neue Gesetz ein und verbaute eine stärkere Lüftungsanlage.

Persönlich findet es Betriebsleiter Marina besonders "für die Kollegen in den eher kleinen Kneipen problematisch. Die sind wirklich hart vom Rauchverbot betroffen." Dann fügt der 37-Jährige an: "Wir profitieren von unserer Größe."

Hoffen aufs Bundesverfassungsgericht

Dem Argument des Gastronomen stimmt die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststätten Verbandes Dehoga, Ingrid Hartges, im Prinzip zu: "Die Verlierer sind Ein-Raum-Betriebe. Wir warten auf die Entscheidung des Bundesverfassunggerichtes und wünschen uns in dieser Frage Rechtssicherheit", sagt die 48-Jährige. Damit spielt sie auf die Ende Juli erwartete Entscheidung des obersten deutschen Gerichtes an.

Mit Unterstützung des Dehoga hatten eine Berliner Kneipenbesitzerin, ein Heilbronner Clubbetreiber und ein Wirt aus Tübingen Klage gegen das Rauchverbot vor dem Bundes-Verfassungsgericht eingelegt. Der Präsident des obersten deutschen Gerichts, Hans-Jürgen Papier, hatte die Klagen als "exemplarisch" bezeichnet.

Bundesweiter Raucherclub

Doch selbst wenn sich die Karlsruher Richter auf die Seite des Nichtraucher-Schutzes stellen sollten, so bieten die Raucherclubs einen möglichen Ausweg. Hinter dem "Deutschen Raucherclub" RCD verbergen sich zwei Paderborner Geschäftsleute, die vor drei Monaten mit ihrer Clubseite Online gingen. Dieter Böhden und Bernd Werner bieten nun im "DRC" eine Mitgliedschaft an. Sie kostet pro Jahr 9,95 Euro und beinhaltet eine "DRC-Card" und eine "Clubhaus-Suche im Internet". Wirte sollen laut DRC-Auskunft unter anderem von der "einheitlichen Optik der DRC-Schilder" und der "Werbemöglichkeit im DRC-Verbund" profitieren.

Weiter vertreibt das Unternehmen Schilder, die eine Gaststätte als Club-Mitglied auszeichnen. "Typ 1" lässt sich Online für 391 Euro bestellen, Typ 2 mit der Inschrift "DRC-Lounge" kostet 498 Euro. Diese "Lichtkästen" werden bundesweit an Wirte verkauft, die so ihre Häuser als Clubstätten ausweisen können. Bislang hat der "Deutsche Raucherclub" bundesweit 600 Mitglieder. Kaufmännisch rechnen soll sich das Projekt des Raucherclubs laut DRC nach 18 Monaten.

Der Wirt und der Denunziant

In der Kölner Kneipe "Alt Neppes" haben die Besitzerin Helga Faust und ihr Lebensgefährte Karl Werz ein Plakat aufhängen lassen. Darauf steht ein Zitat frei nach Kurt Tucholsky: "Und der schlimmste Mann im ganzen Land, dass ist der Denunziant." Streng nach dieser Maxime geht Werz nun vor. Raucher werden zunächst freundlich ermahnt und danach für die Zigarette vor die Tür gebeten.

Noch hofft der Kneipen-Wirt auf die Entscheidung des Bundes-Verfassungsgerichtes und hält persönlich nichts von Raucherclubs: "Das ist doch völlig unausgegoren."


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