Krieg in der Ukraine
Traumabehandlung: Mit VR-Brille zurück in den Schützengraben

Die Patienten werden langsam an die Behandlung mit VR-Brille herangeführt. Foto: Lilli Förter/dpa
Die Patienten werden langsam an die Behandlung mit VR-Brille herangeführt. Foto
© Lilli Förter/dpa
Um Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung in der Ukraine zu behandeln, setzt die Charité auf Hightech: Per VR-Brille versetzt sie Veteranen und Zivilisten zurück in den Krieg.

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Videospiel: Man sieht einen Schützengraben, den die allermeisten nur aus Film und Fernsehen kennen. Man sieht ihn nicht nur, man steht mittendrin. Dahinter liegt ein weites Feld. In der Ferne explodieren Bomben. Schaut man an sich herunter, sieht man Hände – die eigenen Hände. Und plötzlich knallt's. Der Blick folgt instinktiv dem Geräusch und nur knapp zwei Meter weiter fällt eine Person zu Boden. Ein Kamerad, erschossen. 

Am 24. Februar jährt sich der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine zum vierten Mal. Infolge des Krieges sind viele Ukrainerinnen und Ukrainer traumatisiert. Um ihnen zu helfen, wird in sechs ukrainischen Kliniken in Zusammenarbeit mit der Charité ein neuer Ansatz erforscht: die sogenannte VR-basierte Expositionstherapie. VR steht für Virtuelle Realität, die durch VR-Brillen erzeugt wird. 

Lebensmüde und depressiv

"Wir sehen in der Ukraine aktuell eine große Zahl an Menschen, die unter posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Und weil der Krieg nicht aufhört, werden es immer mehr", erklärt die ukrainische Psychiaterin und Psychotherapeutin Valentyna Mazhbits. Sie selbst floh im März 2022 mit ihren Kindern aus der Ukraine nach Deutschland und ist seither Teil des Forschungsprojekts.

"Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Erkrankung, die sich nach dem Erleben oder Beobachten eines traumatischen Ereignisses entwickeln kann, das mit Lebensgefahr, schweren Verletzungen oder Gewalt verbunden ist", sagt Mazhbits. PTBS verändere die Stimmung und das Denken der Betroffenen, löse Gefühle der Entfremdung, Depressionen und Lebensmüdigkeit aus. Auch typisch seien Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Das beeinträchtige das tägliche Leben erheblich, so die Psychiaterin. 

"Sie brechen zusammen"

Das Ziel jeder Expositionstherapie sei es, Betroffene ganz bewusst ihrem Trauma auszusetzen. Im Vergleich zum klassischen Ansatz, der über Gespräche funktioniere, ermögliche die neue Technik mit VR-Brille eine schnellere Konfrontation: Durch die realitätsnahen Bilder und Geräusche könne man die Patienten viel schneller in die Emotion zurückversetzen, in der das Trauma ausgelöst wurde. In zehn Sitzungen sollen die Patienten so bessere Kontrolle über ihre PTBS erlangen. 

Je nach Patient könne die VR-Brille mit verschiedenen Szenarien bespielt werden. Schritt für Schritt würden den Szenarien immer mehr Trigger hinzugefügt. Wer die Brille zum ersten Mal aufsetzt, sehe zunächst nur Landschaft. Schon wenige Minuten und kleine Trigger – etwa ein Schussgeräusch – würden bei den Betroffenen starke Gefühle auslösen: "Beim ersten Mal brechen die Patienten für gewöhnlich zusammen, weil sie das Gefühl haben, wieder im Kampf zu sein", erklärt Mazhbits. 

"Patienten lernen, den Triggern standzuhalten"

Sechs verschiedene Szenarien stehen aktuell zur Verfügung. Vier davon, Schützengraben und Panzerbeschuss, jeweils bei Tag und Nacht, dienen der Behandlung von Veteranen. Zwei weitere wurden mit Blick auf die traumatisierte Zivilbevölkerung entwickelt.

Zwar würden die Szenarien echt wirken. "Es ist ein Modell vom Schützengraben. Man sieht Tote, Blut, Bomben, die explodieren und man hört Schüsse", beschreibt die Psychiaterin. Von der Realität seien die Szenarien aber noch klar zu unterscheiden, um die Patienten nicht erneut zu traumatisieren. Das reiche vollkommen aus, um Betroffene in die Gefühlslage zurückzuversetzen.

Mit der Zeit trete ein Gewöhnungseffekt ein. "Die Patienten lernen, den Triggern standzuhalten und die Situation zu durchleben, ohne sie zu nah an sich heranzulassen", erklärt Mazhbits. 

Wem kann die Behandlung helfen?

Die Forschung ist Teil des Ukraine-Projekts "Solomiya", mit dem die Charité die psychosoziale Versorgung in der Ukraine unterstützen will. Noch laufe die Studie zwar. Schon jetzt sei aber zu beobachten, dass sich der Zustand der Patienten dank der neuen Technik schneller verbessere. Aktuell werden 15 Personen mit Hilfe von VR behandelt, in einem halben Jahr sollen es 200 sein. Die Umstände in der Ukraine – ständige Stromausfälle, fehlende Internetverbindung, Minusgrade ohne Heizung und regelmäßiger Bombenalarm – würden die Forschungsarbeiten allerdings erschweren.

Bislang wird die Methode nur an Erwachsenen erprobt. "Aber es gibt auch viele Kinder mit PTBS in der Ukraine", betont Mazhbits. Mit passenden Szenarien sei denkbar, dass in Zukunft auch sie von der neuartigen Behandlung profitieren könnten.

dpa