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Marina Abramović: Sexuelle Befreiung kam mit dem Alter

Marina Abramović zeigt eine neue Ausstellung in Berlin. (Archivbild) Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa
Marina Abramović zeigt eine neue Ausstellung in Berlin. (Archivbild) Foto
© Helmut Fohringer/APA/dpa
Performancekünstlerin Marina Abramović zeigt eine neue Ausstellung in Berlin. Hier erzählt sie, warum man sich unbedingt verlieben sollte - und weshalb sie auf keinen Fall wieder jung sein will.

Performancekünstlerin Marina Abramović will Frauen ermutigen, ihre sexuelle Lust auch im Alter zu leben. "Ich werde in diesem Jahr 80 und alle sagen, dass Frauen diese Gefühle schon nach der Menopause nicht mehr haben. Und ich möchte zeigen, dass das Unsinn ist", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Es stimme nicht.

Für sie gehe es auch darum, Lebendigkeit und Leichtigkeit in sich zu finden. Frauen gingen so viele Kompromisse für Männer und ihre Familien ein, so viele Kompromisse bei der Frage, "was wir wirklich tun wollen", sagte Abramović. Sie wolle Frauen zeigen, "dass wir die Amazonen sind".

"Wenn ich es tun kann, kannst du es auch", sagte Abramović, die mit ihrer Kunst weltbekannt wurde. Sie saß zum Beispiel im New Yorker MoMa Hunderte Stunden schweigend auf einem Stuhl und schaute Besuchern in die Augen. In Berlin zeigt sie nun eine neue Ausstellung - nach Angaben des Gropius Baus ist es die erste große Einzelausstellung in der Stadt seit den 1990ern.

Wie es ihr mit bald 80 geht

Selbst anreisen wird sie aus den USA nicht. Sie habe Probleme mit dem Blutdruck und lasse es langsamer angehen, sagte die 79-Jährige in einem Videotelefonat. Wenn sie selbst bei einer Vernissage auftauche, bekomme sie außerdem die ganze Aufmerksamkeit. "Alle wollen mit mir reden, Selfies machen, und dann sehen die Leute die eigentliche Ausstellung gar nicht."

Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" setzt sich mit Erotik, Kommunismus, Heidentum und der Folklore des Balkans auseinander. Abramović greift dabei alte Rituale auf. In einem Ritual etwa hätten Frauen zur Rettung der Ernte den Göttern ihre Vagina entgegengestreckt, um sie einzuschüchtern und den Regen zu stoppen, erzählte Abramović.

Sie habe lange gebraucht, um genug emotionalen Abstand zum Balkan zu bekommen, um das Projekt umzusetzen. "Man braucht die Weisheit des Alters", sagte Abramović, die in Belgrad geboren wurde und ihre Heimat später verließ. Wenn man jung sei, stecke man im Chaos und könne nicht klar sehen.

Warum Abramović nicht mehr jung sein will

Wäre sie selbst gerne nochmal jung? "Nein. Oh mein Gott, ich habe so viel gelitten", sagt Abramović. "Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt weiß, wäre mein Leben so viel besser gewesen." Aber in seiner Jugend sei man emotional unreif. "Man leidet höllisch wegen absolut idiotischer Gründe." Später verstehe man dann, dass man damit seine Zeit verschwendet habe.

Sie habe sich früher eingeschüchtert und hässlich gefühlt, habe kaum die Straße heruntergehen oder sprechen können, erzählte sie. Sie habe sich für ihren Körper geschämt. Als sie dann das erste Mal ihre Kleidung bei einer Performance vor Publikum abgelegt habe, sei das anders gewesen. "Es war mir egal, ob ich dick oder hässlich oder dünn oder was auch immer war."

Vielmehr sei es darum gegangen, den Körper als solchen zu zeigen, das Konzept des menschlichen Körpers, und das habe alles verändert. "Das hat mich befreit." Heute habe sie damit kein Problem mehr. Schwimmen geht sie am liebsten nackt. "Ich schwimme in meinem Pool nie mit einem Badeanzug."

"Habt keine Angst, euch zu verlieben"

Ihre Mutter habe ihr früher gesagt, dass Sex etwas Unanständiges sei, erzählte Abramović. "Alles war verboten." Sie habe auf dem harten Weg lernen müssen, sich davon zu befreien. Und wie macht man das? "Man macht es einfach. Habt keine Angst, euch zu verlieben." Wenn es dann nicht funktioniere, solle man sich trennen. Die jüngere Generation habe heute Angst vor Bindungen und Berührung. "Sie haben Angst, sich zu verlieben und den Schmerz zu spüren."

Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" habe dabei fast etwas Therapeutisches. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen man etwa mit der Erderwärmung und Kriegen konfrontiert sei, sei es wichtig, zu etwas Uraltem zurückzukehren. "Um zu erkennen, woher diese Energie eigentlich stammt und wie wir wieder Hoffnung und Überlebenswillen finden können."

dpa

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