Die Verwaltung in Schleswig-Holstein stellt schrittweise auf Open-Source-Lösungen um – ein Vorhaben, das Herausforderungen mit sich bringt und Kritik hervorruft. "Im Konzern Schleswig-Holstein mit seinen rund 60.000 Beschäftigten drehen wir die IT komplett auf links", sagte Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Die Open-Source-Strategie des Landes sei bisher einzigartig. "Dass damit Herausforderungen im Migrationsprozess verbunden sind, glaube ich, das weiß auch jeder."
So begann das nördlichste Bundesland bereits 2024 mit der Einführung von LibreOffice als Standard-Bürosoftware, und Anfang Oktober 2025 wurde das Mailsystem der Landesverwaltung vollständig umgestellt. "Wir haben 110 Millionen Kalendereinträge und E-Mails übertragen – das komplette Arbeitsgedächtnis der Mitarbeitenden haben wir in ein neues System gebracht", führte der Minister aus. Dass dies für die Mitarbeitenden nicht immer leicht ist, dafür habe er Verständnis.
Schrödter: Die Lösungen sind praxistauglich
Daher wird die Umstellung der Prozesse nach Schrödters Angaben begleitet - etwa mit Schulungsmaterialien, Austauschplattformen und auch Migrationsmanagerinnen und -managern, die die Mitarbeitenden in der Verwaltung beraten. Dennoch blieb die Kritik nicht aus.
So schrieben die Generalstaatsanwaltschaft und die Gerichtspräsidenten des Landes im September einen Brief an den Minister. Diese warnten darin vor einer "massiven Beeinträchtigung der Gerichte", wie mehrere Medien berichteten. Schrödter entschuldigte sich daraufhin in einem Schreiben an die Mitarbeitenden der Landesbehörden.
Gegenüber der dpa sagte der CDU-Politiker: "Wir hätten vielleicht von Anfang an noch stärker nach vorn stellen müssen, dass Oberflächen natürlich anders aussehen und die Schaltflächen an anderer Stelle sind." Die Lösungen seien allesamt praxistauglich und würden millionenfach eingesetzt.
Weitere Umstellungen stehen an
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Die Umstellung auf Open-Source-Lösungen ist bisher nicht zu Ende. Bei diesen Lösungen ist der Quellcode öffentlich und kann den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Nach Angaben der Staatskanzlei umfasst die Open Source Strategie des Landes auch weitere Bereiche der Landes-IT:
So soll etwa die Software Nextcloud Schritt für Schritt Microsoft SharePoint als zentrale Plattform für Zusammenarbeit ablösen. Diese werde bereits in zahlreichen Verwaltungen genutzt.
Auch werde der Einsatz des Betriebssystems Linux als Alternative zu Windows erprobt. "Das Jahr 2026 steht im Zeichen in der Modernisierung unserer Fachverfahren, sodass wir die Voraussetzungen dafür schaffen, einen Linux-Arbeitsplatz flächendeckend auszurollen", sagte Schrödter. "Allen voran brauchen wir eine Modernisierung unserer E-Akte-Lösung, die ich für Anfang des Jahres erwarte."
Schließlich sollen den Angaben nach auch Telefonsysteme umgestellt und mit einer Open-Source-Lösung betrieben werden. Dass mit Ende der Legislaturperiode Teile der Umstellung zurückgenommen werden könnte, befürchtet der Minister nicht: "Die Voraussetzungen sind hervorragend, dass das Thema der Sicherstellung der digitalen Souveränität in den nächsten Jahren weiter konsequent umgesetzt wird. Den Fahrplan dazu haben wir bereits geschrieben."
Einsparungen an Lizenzgebühren
Dabei diene die Umstellung nicht nur der digitalen Souveränität. "Als wir im Land begonnen haben, die Planung für den Umstieg auf Open-Source-Lösungen voranzutreiben, waren es vor allem wirtschaftliche Aspekte, die eine Rolle gespielt haben", sagte Schrödter. "Wir haben vor einigen Jahren gesehen, dass wir der monopolistischen Preisgestaltung schutzlos ausgeliefert sind."
Der Einsatz von Open-Source-Lösungen führten hingegen zu einer breiteren Anbieterlandschaft sowie mehr Wettbewerb und Innovation. "Mit Blick auf Schleswig-Holstein ganz konkret hat der jetzige Umstieg dafür gesorgt, dass wir 15 Millionen Euro an zusätzlichen Lizenzgebühren nicht ausgeben", erklärte der Digitalminister. Dabei würden die Mittel nicht vollständig wegfallen, sondern ebenfalls zur Stärkung des Digitalstandorts genutzt werden.
Gleichzeitig zeige sich auch im digitalen Raum eine Abhängigkeit, ähnlich wie bei der Energieversorgung. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir digitale Souveränität sicherstellen", betonte Schrödter. "Wir können als Staat nur souverän agieren, wenn wir Herr über die Betriebsprozesse unserer IT-Systeme und Daten sind."
Großes Interesse von Ländern und Wirtschaft
Zudem seien die digitale Souveränität und die Stärkung des Digitalstandorts zwei Seiten derselben Medaille: "Es macht keinen Sinn, mit unseren Lizenzgebühren länger den technologischen Fortschritt anderswo in der Welt zu finanzieren, wenn wir gleichzeitig mit unseren öffentlichen Budgets auch unseren Digitalstandort stärken können."
Überdies verfolgten den Umstieg nicht nur andere Bundesländer aufmerksam. "Weltweit ist das Interesse von anderen Verwaltungen ziemlich groß, in Europa ganz besonders", sagte der Minister.