Birgenair-Absturz Trauer nach Flugzeugabsturz: "Hab einfach nur funktioniert"

Melanie Klinke-Moser hat bei dem Absturz ihre Eltern verloren. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Melanie Klinke-Moser hat bei dem Absturz ihre Eltern verloren. Foto
© Bernd Weißbrod/dpa
Ein Flugzeug stürzt vor 30 Jahren ins Meer, 189 Menschen sterben. Für Hinterbliebene wie Melanie Klinke-Moser verändert sich das ganze Leben – bis heute.

Melanie Klinke-Moser kann sich an den Moment, in dem sie hat erwachsen werden müssen, genau erinnern. Es war der 7. Februar 1996, etwa 16.00 Uhr, sie stand an einer roten Ampel einen Kilometer vor ihrem Elternhaus in Abstatt, war auf dem Heimweg von ihrer Ausbildung als Erzieherin. "Und ich hab dann im Radio gehört – es gab ja noch kein Internet, Handy, es gab ja sonst keine Verbindungen –, dass ein Flugzeug abgestürzt ist", sagt sie. "Und ich wusste sofort, dass es das Flugzeug meiner Eltern ist. Das war so ein Gefühl."

Sie war gerade 20 Jahre alt geworden. Zwei ihrer Geschwister waren 17 Jahre alt und der jüngste Bruder gerade einmal neun. Von jetzt auf gleich hatte Klinke-Moser die ganze Verantwortung. Als sie von dem Flugzeugabsturz im Radio hörte, war es schon mehrere Stunden her, dass die Boeing 757 der Fluggesellschaft Birgenair kurz nach dem Start in Puerto Plata vor der Dominikanischen Küste ins Meer gestürzt war. Alle 189 Menschen an Bord starben. 164 deutsche Urlauber waren in dem Flieger, der in Berlin-Schönefeld und am Flughafen Frankfurt landen sollte. Jetzt jährt sich der Absturz zum 30. Mal.

"Ich hab einfach nur dann funktioniert"

"Dann bin ich heimgefahren und zu Hause war unser ganzes Haus schon voll mit Bekannten und Verwandten", erinnert sich die heute 50-Jährige. Es seien immer mehr Leute gekommen und alle seien mit Getränken versorgt worden. "Ich hab einfach nur dann funktioniert. Irgendwie war klar, ich bin jetzt die Älteste bei uns", sagt sie. "Dann haben wir die ganze Zeit Fernseher geschaut und versucht, irgendwie an Informationen zu bekommen."

Die Ausbildung sei ihr in der damaligen Zeit zugutegekommen. "Weil ich dann zu Hause Wochenpläne geschrieben habe und alles organisiert habe, wer welche Aufgabe übernimmt und wie wir das alles managen", sagt Klinke-Moser. Irgendwann habe das Jugendamt vor der Tür gestanden und gesagt, dass die Kinder dringend einen Vormund bräuchten. "Das konnte ich nicht sein, weil ich noch keine 21 Jahre alt war." 

"Wir konnten uns nicht verabschieden"

Ihre Tante habe den Vormund für ihren neunjährigen Bruder übernommen, eine andere Tante für die Zwillinge. "Aber wir konnten alle zu Hause bleiben", sagt sie. "Zuerst waren wir alle so unter Schock, also es ist so eine Schockphase und man funktioniert und alles läuft ab wie ein Film. Und das hat sehr lange eigentlich gedauert, sehr lange."

Ihre Mutter sei irgendwann identifiziert worden. Aber Klinke-Moser und ihre Geschwister durften sie nicht mehr anschauen, weil sie durch den Absturz natürlich nicht mehr aussah wie früher. "Also wir konnten uns nicht verabschieden", sagt sie. Ihr Vater wurde nicht geborgen. In ihrer Heimat Abstatt haben die Eltern Monika und Walter ein Doppelgrab, eine Hälfte ist leer.

"Meine Eltern sind nicht so alt geworden wie ich"

"Wenn man sich nicht verabschieden kann, dann ist das so schlimm, weil man es nicht glaubt", erzählt sie. "Das kann nicht sein. Das kann nicht sein. Und das ist alles nur ein Traum." Sie habe oft geträumt, dass die Eltern wieder mit dem Koffer da seien und sagten: "Das war ein Missverständnis." Oder: "Wir haben doch den anderen Flieger genommen." "Und das passiert, wenn man sich nicht verabschieden kann, dass man das nicht begreifen kann", sagt sie.

So kurz vor dem Jahrestag ist es für Klinke-Moser besonders schlimm. "Prägnant sind runde Jahrestage, weil ich da vorher Geburtstag hatte", sagt sie. Dieses Jahr wurde sie 50. "Und das war jetzt noch mal so Thema, weil: Meine Eltern sind nicht so alt geworden wie ich."

 "Am Gedenktag ist alles wieder ganz nah und tut enorm weh" 

"Der 30. Jahrestag ist für die Angehörigen ein sehr schmerzhafter Tag", sagt Sybille Jatzko von der Stiftung Katastrophen-Nachsorge. Sie begleitet Betroffene seit dem Absturz in einer Gruppe, die sich zweimal im Jahr trifft. "Sie haben gelernt, mit dem Verlust zu leben. Aber am Gedenktag ist alles wieder ganz nah und tut enorm weh." 

Die Gruppe aus rund 40 Angehörigen gebe sich untereinander viel Kraft. "Es gibt bis heute einen großen Zusammenhalt und viele intensive Freundschaften", sagt die Trauma-Expertin, die die Nachsorge-Gruppe kurz nach dem Absturz ins Leben rief. Anfangs habe man auch besonders die vier Geschwister, die zu Vollwaisen geworden seien, unterstützt. 

"Eltern hätten nicht gewollt, dass wir in ein großes Loch fallen"

Zur Gedenkfeier am 7. Februar in Frankfurt hätten sich auch Angehörige angesagt, die seit Jahren nicht mehr gekommen seien. "Der 30. Jahrestag ist offensichtlich noch mal eine magische Zahl", meint die Psychotherapeutin im bayerischen Sonthofen. Beim Gedenken würden die Namen aller 189 Todesopfer vorgelesen.

Dann gehe man gemeinsam zum Gedenkstein für die Opfer auf dem Hauptfriedhof. Dort sei eine Urne eingelassen mit Überresten aus dem Meer geborgener Leichenteile. Man fühle sich verbunden: "Da ist ja irgendwie die Seele von all den Angehörigen drin", meint Jatzko.

Melanie Klinke-Moser wird am Samstag in Frankfurt auch dabei sein. Damals habe ihr geholfen, dass ihre Eltern sehr lebenslustig gewesen seien. "Und wir wussten, meine Eltern hätten jetzt auch nicht gewollt, dass wir jetzt da in ein großes Loch fallen", sagt sie. "Wir wussten, die wollten nicht, dass wir jetzt hier uns aufgeben, sondern dass wir für diesen Zusammenhalt kämpfen. Meine Geschwister und ich sind immer noch alle sehr eng." Sie seien nicht in der Trauer stecken geblieben - sondern gemeinsam weitergegangen.

dpa