Nach Konflikten, die in der Neuwahl des Oberbürgermeisters gegipfelt sind, haben sich die Wogen in Neubrandenburg nach Worten des aktuellen Rathauschefs geglättet. "Es ist wirklich ruhiger geworden. Ich bin sehr froh darüber", sagte Nico Klose (parteilos) der Deutschen Presse-Agentur.
Sein Vorgänger Silvio Witt (parteilos) hatte mit seinem Rücktritt bundesweit Aufsehen erregt. Der offen homosexuell lebende Kommunalpolitiker zog damals nach eigenem Bekunden Konsequenzen aus fortlaufenden Beleidigungen und mangelndem Rückhalt in der Stadtvertretung. Für Schlagzeilen hatte gesorgt, dass die Stadtvertreter zuvor per Beschluss die Regenbogenfahne vom Bahnhofsvorplatz verbannt hatten.
"Zusammenarbeit würde ich wirklich gerade als gut beschreiben"
Was mit seinem Amtsvorgänger passiert sei, mache ihn betroffen, sagte Klose, der im Mai gewählt und Mitte Julie zum OB ernannt worden war. "Ich habe relativ schnell gestartet, nach Amtsantritt, das Gespräch mit allen Fraktionen zu suchen und das hat auch stattgefunden." Allein bei der AfD-Fraktion sei nach seinem Angebot ein entsprechender Termin bislang nicht zustande gekommen.
Der 39-Jährige tauscht sich nach eigener Aussage zu Sachthemen, aber auch zu anderen Themen viel mit den Fraktionen aus. Natürlich gebe es auch Scharmützel und Parteien müssten sich auch profilieren. "Das ist auch in Ordnung. Aber die Zusammenarbeit würde ich wirklich gerade als gut beschreiben."
Vom Dorfbürgermeister zum Chef großer Verwaltung
Der langjährige Versicherungsunternehmer war zuvor ehrenamtlich Bürgermeister einer Gemeinde bei Neubrandenburg. Vom Dorfbürgermeister zum Chef einer Verwaltung mit fast 500 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen - das sei für ihn eine Umgewöhnung gewesen. "Wenn Sie Oberbürgermeister einer Stadt wie Neubrandenburg sind, dann bekommen Sie natürlich ganz, ganz viel zugearbeitet." Man dürfe für sich selbst nicht mehr den Anspruch haben, "sich überall so reinzuhängen, weil sonst würde man das zeitlich nicht schaffen".
Die Stadt hat laut Klose mehrere Jahre von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. "Grundsätzlich haben wir in den letzten Jahren ein stetiges Wachstum in den Gewerbesteuereinnahmen gehabt. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, wohl wissend, dass sich das ändern kann die nächsten Jahre."
Im vergangenen Jahr hatte etwa der Autozulieferer Webasto einen deutschlandweiten Stellenabbau angekündigt, auch in Neubrandenburg, wo er zu den größten Unternehmen gehört.
Haushaltssorgen am Horizont
Die Entwicklung solch großer Unternehmen kann laut Klose Auswirkungen auf den kommunalen Haushalt haben. "Das ist schwierig für die Planung." Hinzu kämen andere Probleme auf der Einnahmenseite. Klose verweist etwa auf den letzten Zensus, der der Stadt etwa 5.000 Einwohner weniger beimisst als die eigene Zählung. Anhand der Einwohnerzahl würden aber bestimmte Mittel zugewiesen.
2026 sei das letzte Jahr gewesen, für das der Haushalt gut darstellbar gewesen sei, vor allem wegen der Überschüsse vergangener Jahre. Die seien nun aber ausgeschöpft. Damit stünde Neubrandenburg bevor, womit es andere große Städte schon länger zu tun hätten: "Es kann durchaus sein, dass wir 2027 im Haushaltssicherungskonzept landen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch."
Einzugsgebiet für Hunderttausende
Eine grundsätzliche Frage ergibt sich für Klose auch aus Trends der Zu- und Abwanderung. Die Stadt habe etwa 64.000 Einwohner, sei aber Einzugsgebiet für 400.000 Menschen. Gut verdienende junge Familien zögen raus aufs Land, weil es dort noch Bauplätze gebe. "Sie verlieren die Menschen, die Ihnen letztlich durch die Schlüsselzuweisung die Einnahmen bringen."
Dennoch wollten diese Menschen Infrastruktur und Angebote in der Stadt nutzen. "Sie wollen ja logischerweise trotzdem einkaufen, sie möchten ins Konzert, sie möchten ins Theater, sie möchten Kulturangebote genießen, sie möchten ins Museum", stellte Klose fest. Deshalb müsse man über die Verteilung der Finanzmittel nachdenken. Vergleichbare Oberzentren mit ländlichem Raum in der Umgebung gebe es in Ostdeutschland viele. "Da muss man natürlich gucken, wie kann man da auch in zehn Jahren als Kommune noch handlungsfähig sein."