In Rheinland-Pfalz hat ein Delikt zugenommen, das oft im Verborgenen geschieht und für Betroffene traumatisierend sein kann. Immer häufiger werden Menschen heimlich unter den Rock oder in den Ausschnitt fotografiert oder gefilmt. Was früher eher selten angezeigt wurde, taucht inzwischen öfter in Statistiken auf. Wie das Landeskriminalamt (LKA) mitteilt, stieg die Zahl von 34 (2021) auf 60 (2024) – ein Plus von etwa 76 Prozent.
Seit 2021 sind "Upskirting" und "Downblousing" strafbar. Bei einer "Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen" – wie es offiziell heißt – kann eine Geld- oder eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren verhängt werden. Unter dem offiziellen Begriff fasst auch das LKA die Zahlen zusammen. Allerdings sei ein Großteil den beiden Delikten "Upskirting" oder "Downblousing" zuzuordnen.
Tat oft schnell und verharmlost
Nach Einschätzung der Münchner Kriminalexpertin Esther Papp erstatten viele Betroffene keine Anzeige. Die Tat geschehe meist schnell, und Täter fliehen oft sofort – weshalb viele Opfer davon ausgehen, dass eine Anzeige keinen Erfolg hat. Zudem wüssten viele nicht, dass "Upskirting" ein Straftatbestand ist. Häufig werde das Verhalten im Umfeld verharmlost, etwa mit Aussagen wie "So schlimm ist das doch nicht" oder "Auf den Fotos sieht man eh nichts".
Die Einführung des Straftatbestands kann laut Papp dennoch abschreckend wirken. Besonders für Jugendliche, die solche Aufnahmen teilweise als "Spaß" verstünden und etwa auf Partys oder in der Schule machten, werde damit deutlich, dass sie sich strafbar machen. Bei Präventionsvorträgen in Schulen zeigt sich Papp zufolge, dass diese Information junge Menschen abschreckt.
Verboten – und dennoch verbreitet
Bei Tätern, die schon länger solche Fotos aufnehmen, könne sich eine Art Sucht entwickeln, meint die aus Rheinland-Pfalz stammende Expertin. Diese Menschen lassen sich weniger abschrecken, sondern werden eher vorsichtiger.
Prävention bei sexuellen Übergriffen bestehe vor allem aus Aufklärung, betont Papp. Gleichzeitig sei es für viele Frauen im Alltag Realität, auf bestimmte Situationen achten zu müssen, um nicht Opfer zu werden. Das sei eine traurige Tatsache, da damit oft Verantwortung auf Betroffene übertragen werde.
"Upskirting" betreffe Frauen jeden Alters. "Für Täter ist weniger das Alter oder Aussehen entscheidend als die Gelegenheit", sagt Papp. Häufig hielten sie sich an Orten auf, an denen entsprechende Situationen entstehen können, etwa an Treppen. Viele Betroffene würden erst von anderen darauf aufmerksam gemacht. Die Situation werde oft als entwürdigend und beschämend erlebt.
Zwischen Anzeige und Dunkelfeld
Als Täter würden häufig Männer mittleren Alters beschrieben, die von einem Gefühl der Machtausübung getrieben seien. Für sie gehe es um Dominanz, oft verbunden mit sexueller Erregung. Die Dynamik ähnelt laut Papp der eines Voyeurs: Selbst, wenn auf Bildern wenig zu erkennen sei, reiche für den Täter die Vorstellung der Situation oder eine "Sammlung", um Taten zu motivieren.
Grundsätzlich müsse sich das öffentliche Bewusstsein ändern, fordert die Expertin. "Upskirting" müsse klar als Sexualdelikt wahrgenommen werden. Ebenso wichtig sei es, Betroffene zu unterstützen. "Verharmlosungen oder Bewertungen können für sie eine erneute Demütigung darstellen."
Ähnlich sieht es der Frauennotruf Mainz. Eine Anzeige sei stets eine individuelle Entscheidung und könne emotional sehr belastend sein, betont die Beratungsstelle in der Landeshauptstadt. Zudem gebe es häufig persönliche Gründe – etwa, wenn die übergriffige Person aus dem eigenen Umfeld stamme. Hinzu komme, dass viele Betroffene nicht wüssten, dass es sich bei dem heimlichen Filmen oder Fotografieren unter den Rock oder in den Ausschnitt um sexualisierte Gewalt handele.
Ob Gesetze Täter ausreichend abschreckten, hänge auch von der gesellschaftlichen Haltung ab. "Gesetze und Gesellschaft beeinflussen sich gegenseitig", sagen Sabine Wollstädter und Emma Leonhardt vom Frauennotruf Mainz. Wichtig sei, dass die Taten in der Öffentlichkeit klar als sexualisierte Gewalt benannt würden. Erst wenn diese Sichtweise gesellschaftlich verankert sei, entstehe ein Klima, das Übergriffige abschrecke.
Wenn Privatsphäre verletzt wird
Bei der Prävention dürften mögliche Betroffene nicht in die Verantwortung genommen werden, fordern die beiden Expertinnen. Statt Verhaltensregeln für potenzielle Opfer brauche es vor allem mehr Aufklärung in der Gesellschaft über "Upskirting" und "Downblousing" und deren Strafbarkeit. Ebenso wichtig seien klare Botschaften an potenziell Übergriffige: Prävention könne nur wirken, wenn die Gesellschaft insgesamt sensibilisiert sei.