Wer im Chemiedreieck seinen Job verliert, hat nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit realistische Chancen auf einen neuen Job in der Region. "Das Qualifikationsniveau ist dort sehr hoch. Ich glaube schon, dass es möglich ist, zwischen den Firmen hin und her zu wechseln", sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen, Markus Behrens. Grundlegend sei die sich ähnelnde Ausbildung vieler Beschäftigter der Unternehmen dort - eine Chance, die genutzt werden sollte.
Die Chemie-Industrie, auch und vor allem die in Ostdeutschland, steht derzeit unter enormem Druck. So wird unter anderem für die drei Tochterunternehmen des belgischen Chemieunternehmens Domo Chemicals mit Standorten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg derzeit ein Investor gesucht. Der Konzern hatte Ende vergangenen Jahres mitgeteilt, seine Produktion wegen Insolvenz stoppen zu müssen. Daraufhin hatte das Land Sachsen-Anhalt per Anordnung entschieden, den Weiterbetrieb aufrechtzuerhalten. Grund dafür ist, dass die Anlagen derzeit nicht sicher heruntergefahren werden können.
Produktionsauslastung historisch tief
Neben Domo sind auch andere Chemieunternehmen betroffen. Schon länger ist klar: Ein Teil der Anlagen des großen US-Konzerns Dow Chemical soll stillgelegt werden. Die Ost-Chemie leidet momentan unter hohen Energiepreisen und schwacher Auslastung. Derzeit liegt die Produktionsauslastung dem Arbeitgeberverband Nordostchemie nach in der Chemie bei unter 70 Prozent und damit historisch tief.
Auch Bürokratie und hohe Arbeitskosten sorgen für weniger Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem ist die Nachfrage schwach. Im Vergleich zu 2018 wird Nordostchemie zufolge derzeit rund 20 Prozent weniger produziert. Auch bundesweit steht die Industrie unter Druck - auch wegen zunehmender internationaler Konkurrenz, unter anderem aus China.
Dominoeffekt denkbar
Im Chemiedreieck in Sachsen-Anhalt gibt es laut Behrens insgesamt 100 Firmen mit rund 10.000 Beschäftigten. Komme es dort dauerhaft zu Schließungen, "wäre das sicherlich ein Problem", sagte er. Eine wichtige Frage sei dann auch, ob es zu einem Dominoeffekt kommt. Weniger Produktion und Stilllegung haben immer auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Produktionskette, etwa auf Zulieferfirmen.
Was - vor allem mit Blick auf die Entwicklungen bei Domo - im Chemiedreieck passiere, sei momentan jedoch noch nicht absehbar, betonte Behrens. "Ich trage Hoffnung in mir, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich etwas anderes weiß."