Natur- und Tierschutz
Hilfe für Molch, Kröte und Co: viele Freiwillige aktiv

Anne Selle hilft in Chemnitz bei der Amphibienwanderung: "Ich finde die Tiere total niedlich." Foto: David Hammersen/dpa
Anne Selle hilft in Chemnitz bei der Amphibienwanderung: "Ich finde die Tiere total niedlich." Foto
© David Hammersen/dpa
Alljährlich im Frühjahr machen sich viele Amphibien auf den Weg zu ihren Laichgewässern. Damit sie dabei nicht von Autos platt gefahren werden, engagieren sich viele Freiwillige in Sachsen.

Die Sonne ist hinterm Horizont verschwunden, nun lassen einstellige Temperaturen frösteln. Doch davor hat sich Anne Selle mit einer dicken Jacke gewappnet und eine Warnweste übergezogen. Mit ihrer Taschenlampe leuchtet die Studentin eine Hecke am Straßenrand ab. Vor einigen Wochen haben Helfer hier im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein einen Amphibienzaun aufgestellt, damit die alljährliche Wanderung von Molchen, Fröschen und Kröten nicht jäh auf der Straße endet. Nun macht sich die 25-Jährige auf, die am Zaun eingegrabenen Eimer zu kontrollieren. 

Amphibienwanderung kommt in Schwung

Wenn die Temperaturen im Frühjahr steigen, erwachen Amphibien aus ihrer Winterstarre. Die kalten Monate haben sie in Hohlräumen etwa an Baumwurzeln und Löchern im Erdboden, unter Laub oder Holzstapeln verbracht. Jetzt zieht es sie zur Paarung in Tümpel und Teiche. Dabei legen sie je nach Art Strecken zwischen einigen 100 Metern und bis zu mehreren Kilometern zurück. Die Sonne sorgt zwar seit einigen Wochen für milde Temperaturen. Doch erst der jüngste Regen hat vielerorts in Sachsen die Krötenwanderung richtig in Schwung gebracht. 

So wird Selle an diesem Abend rasch fündig. Gleich im zweiten Eimer entdeckt sie im Schein der Taschenlampe zwischen welkem Laub mehrere Molche. Sie hat sich einen Handschuh übergestreift und entnimmt die Tiere behutsam. "Das sind Nördliche Kammmolche", erklärt sie nach einer kurzen Begutachtung, "alles Weibchen." Tierart, Zahl und Geschlecht vermerkt sie in einer Tabelle. Dann geht es zum nächsten Eimer. 

Der Weg zu ihrem Laichgewässer ist für Amphibien gefährlich. Nicht nur, dass sie leichte Beute für Räuber wie Waschbären sind. Häufig wird ihr Weg auch von Straßen versperrt. Mitunter gibt es spezielle Krötentunnel, die beim Straßenbau angelegt werden. Wo diese nicht vorhanden ist, bauen Kommunen und Naturschützer an Brennpunkten im Frühjahr Amphibienzäune auf wie hier in Chemnitz-Rabenstein. Doch müssen die Fangeimer dann zweimal am Tag kontrolliert und geleert werden - jeweils morgens und abends. 

Rekord an ehrenamtlichen Helfern in Chemnitz 

Ohne ehrenamtliche Helfer wäre dies nicht zu stemmen, betont der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, Jens Börner. Früher seien die knapp 20 Standorte im Stadtgebiet von Zivildienstleistenden betreut worden. Doch mit Aussetzen der Wehrpflicht brachen diese Helfer weg. Seither setzt die Stadt aufs Ehrenamt - und stößt damit auf wachsendes Interesse. Es gebe immer mehr Freiwillige, die sich für den Schutz der Amphibien engagieren. Dieses Jahr seien es 90 Helfer, erklärt Börner. "Das ist ein Rekord. So viele hatten wir noch nie."

Statt den Abend auf der Couch zu verbringen, hilft auch Selle lieber mit Taschenlampe, Kladde und Eimer gerüstet dabei, Molche, Kröten und Co zu schützen. Sie ist das zweite Jahr dabei. "Ich finde die Tiere total niedlich", erzählt sie. "Ich bin ein Frosch-Fan." Dass für diese Aufgaben Freiwillige gesucht werden, davon habe sie in der Straßenbahn gelesen. Vor ihrem Einsatz werden die Helfer entsprechend angeleitet. Zur Ausrüstung gehört neben Handschuhen auch Desinfektionsmittel. Damit soll verhindert werden, dass die Helfer Krankheitserreger, die den Tieren gefährlich werden können, verbreiten. 

"Der Amphibienschutz in Sachsen funktioniert vor allem dank des großen ehrenamtlichen Engagements", erklärt Robert Beske, Sprecher des Naturschutzbundes Nabu in Sachsen. Viele Teams hätten langjährige Erfahrung und kümmerten sich zuverlässig um Zaunaufbau und tägliche Kontrollen. "Ganze Familien, Schulklassen, Berufstätige und Rentnerinnen und Rentner packen gemeinsam an. Es macht sichtlich Spaß, zusammen etwas praktisch Sinnvolles für Tiere zu tun." So gebe es auch in Leipzig viele Freiwillige, die an 15 Standorten helfen, Amphibien sicher über Straßen zu bringen und zu zählen. "Die Gruppen organisieren sich meist unkompliziert über Messenger."

Amphibien leiden unter Verlust an Lebensräumen

Den Angaben zufolge setzen zunehmende Trockenheiten den Amphibien zu, ebenso wie der Verlust geeigneter Lebensräume. Hinzu kommt, dass Straßen wichtige Wanderwege der Tiere unterbrechen. Um sie vor dem Tod auf dem Asphalt zu bewahren, sollten Auto- und Motorradfahrer an markierten Straßenabschnitten besonders vorsichtig fahren, mahnen Naturschützer. Dazu sollten sie ihr Tempo auf unter 30 Kilometer pro Stunde drosseln.

Laut Nabu geben die Daten der vergangenen Jahre Anlass zur Sorge. Deutliche Rückgänge wurden zuletzt selbst bei den einst häufigen Erdkröten beobachtet. Dabei seien Amphibien wichtig fürs Ökosystem. Denn sie regulieren nicht nur Insektenbestände, sondern sind auch selbst Nahrung für viele Tiere. 

Neben Nördlichen Kammmolchen holt Selle mit ihrem Team an diesem Abend auch Teichmolche und etliche Erdkröten aus den Fangeimern. Die Kröten sind schon jeweils zu zweit huckepack unterwegs - das Weibchen trägt das Männchen. Mit menschlicher Hilfe wird ihnen die Wanderung abgekürzt. Die Helfer bringen sie direkt an ihr eigentliches Ziel in die Nähe des Riedteiches. Hier kann dann eine neue Generation an Molchen und Kröten heranwachsen, die sich dann im kommenden Jahr wieder auf den Weg dorthin machen.

Stadt Chemnitz zur Amphibienwanderung

dpa