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Bestatterin Sarah Benz "Wir haben Kaffee statt Erde ins Grab gestreut, weil der Verstorbene Kaffee so sehr mochte"

Sarah Benz, Bestatterin, Trauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin, steht in einem Garten
"Ich erlebe oft Zugehörige, die plötzlich ganz kreativ werden und tolle Ideen umsetzen", sagt die Bestatterin, Trauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin Sarah Benz
© privat
Sarah Benz ist Bestatterin, Trauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin. Mit ihrer Kollegin dreht sie Erklärvideos zu Sterben, Tod und Trauer und ist mit diesen Themen auch bei Twitter aktiv. Ein stern-Gespräch über alternative Bestattungen und warum Abschied nehmen so wichtig ist.

Frau Benz, was haben Sie übers Trauern gelernt?
Trauer ist individuell und sie braucht ihre Zeit. In meinen Trauergruppen ist oft zu spüren, dass Menschen sich von der Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlen, wieder zu funktionieren. Der Arbeitgeber rät einer Frau, ein halbes Jahr nach dem Tod ihrer Mutter eine Therapie zu machen, weil er es nicht "normal" findet, dass sie immer noch manchmal bei der Arbeit weint. Ich finde es bezeichnend, wie wenig Raum wir Trauer in unserer Gesellschaft geben.

Der stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" befasst sich ebenfalls mit dem Thema Sterben. Hören Sie hier alle Folgen:

Wir versuchen Trauer zu messen, indem wir Eckdaten, wie Lebensdauer, Krankheiten, Todesursache und Verwandtschaftsdaten abfragen in der Hoffnung, sie wäre dann greifbarer und erträglicher. Aber Trauer lässt sich nicht messen. Jeder Verlust steht für sich selbst. In meinem Trauercafé gab es Runden, da saßen Witwen, verwaiste Kinder und Freund*innen neben Menschen, die um ihre Katze getrauert haben.

Und der Austausch in dieser Runde hat funktioniert?
Ja. Das hat sehr gut funktioniert, was mich gefreut hat. Die Teilnehmenden haben ihre Erfahrungen geteilt und die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zusammen ausgehalten. Für viele Trauernde ist es so wichtig, dass sie so sein können, wie sie sind. Sie brauchen Menschen, die sie nicht reparieren wollen, sondern sie so aushalten wie sie sind. Oft kann zu viel Mitleid auch sehr anstrengend sein. Das merke ich immer, wenn ich Eltern begleite, die ein Kind verloren haben.

Inwiefern?
Viele gehen davon aus, dass Menschen den Verlust eines Kindes nie verarbeiten werden. Ja, dieser Schmerz ist schlimm, aber es kann einen großen Druck für Eltern aufbauen, wenn die Botschaft ist: Du kannst das eigentlich nicht überleben. Denn sie müssen ja mit diesem Verlust weiterleben und dürfen auch wieder glücklich sein. Ich habe ein Elternpaar begleitet, die so liebevoll ihre verstorbene Tochter angezogen und in den Sarg gebettet hat. Das hat ihnen viel Kraft gegeben und sie sind dankbar für die Zeit mit ihrem Kind, die sie in Ruhe nach all der Hektik der Intensivstation noch haben konnten.

Sie sprechen von Zugehörigen statt Angehörigen. Warum?
Weil Angehörige nur den engsten Familienkreis umfassen. Gerade im Rahmen der alternativen Bestattungen von queeren Menschen, geht es aber häufig um Wahlfamilien und Freundschaften. Und nur, weil man verwandt ist, heißt das nicht, dass man sich nahestehen muss. Familie kann so viel mehr bedeuten.

Was zeichnet alternative Bestattungen aus?
Es geht darum, dass Menschen ermutigt werden, ihre Abschiedsprozesse selbstbestimmt zu gestalten, etwas zu finden, dass zu dem verstorbenen Menschen passt und zu denen, die sich verabschieden wollen. Kürzlich haben wir bei einer Bestattung Kaffee statt Erde ins Grab gestreut, weil der Verstorbene Kaffee so sehr mochte. Dabei habe wir sein Lieblingslied gehört. Da haben viele Trauergäste gelächelt, weil es so passend war.

Wir bestatten auch immer wieder Menschen nach einem Suizid. Gerade dann kann es hilfreich sein, die Person nochmal zu sehen. Oft sind die Bilder, die wir im Kopf haben schlimmer als die Realität. Es kann guttun, dem Verstorbenen noch einmal nah zu sein und sich in Ruhe zu verabschieden. Verletzte Körperteile kann man versorgen oder abdecken. Durch eine Decke streicheln geht immer. Es muss dabei auch nicht immer alles heile Welt sein. Auch wenn das Verhältnis zum Verstorbenen schwierig war, kann zum Beispiel das Waschen oder Anziehen durch die Angehörigen ein wichtiger Prozess sein. Es kann angesprochen werden, was versäumt wurde.

Sie drehen gemeinsam mit Ihrer Kollegin die "Sarggeschichten", Erklärvideos zu Sterben, Tod und Trauer. Wie ist die Idee dazu entstanden
Wir haben bei unserer Arbeit festgestellt, dass es mehr Aufklärung braucht bei diesen Themen und vielen Menschen wichtiges Wissen fehlt. Trauernde werden nicht nach etwas fragen, von dem sie gar nicht wissen, dass es das gibt und Menschen brauchen Ermutigung, ihre Abschiede selbstbestimmt zu gestalten. Inzwischen haben wir 14 Folgen abgedreht zu Themen wie: "Was brauchen trauernde Kinder?" oder "Wie versorgt man einen Verstorbenen?". Wir finanzieren uns komplett über Spenden. Sobald wieder genug Geld da ist, können wir weitere drehen. Aus den Sarggeschichten heraus ist dann auch mein Twitter-Kanal entstanden.

Sie scheinen damit einen Nerv zu treffen. Ihr Twitter-Konto hat mehr als 25.000 Follower. Was sind die Reaktionen, wenn die Themen Tod und Sterben plötzlich in den Feeds und damit im Alltag der Menschen auftauchen?

Eine häufige Reaktion war: "Hätte ich das nur früher gewusst." Viele bedauern vertane Chancen im Umgang mit ihren Verstorbenen. Mittlerweile schreiben aber viele Menschen auch, was sie gestaltet haben, weil mein Kanal ihnen dazu Mut gemacht hat.

Können Sie Beispiele nennen?  
Eine Tochter schrieb, dass sie sich getraut hat, ihre verstorbene Mutter zu waschen. Eine andere Frau trug die Urne ihres Großvaters selbst zum Grab. Viele Menschen sind unsicher, wie sie mit Kindern und Trauer umgehen sollen. Sie hätten ihre Kinder eigentlich gerne bei der Beerdigung dabei, denken aber, dass diese Erfahrung die Kinder schädigen könnte. Dabei ist es für Kinder wichtig, dass sie bei so einem wichtigen Ereignis miteinbezogen werden. Erklärungen geben ihnen Sicherheit. Auch klare Sprache ist wichtig. Wenn jemand gestorben ist, muss es auch benannt werden. Euphemismen zu verwenden, wie "eingeschlafen" oder "von uns gegangen" sind unklar und machen Angst.

Was raten Sie im Umgang mit Kindern und Trauer?
Es ist wichtig, dass Eltern ihre Ängste anschauen können, die sie im Bezug auf ihre Kinder haben. Dann kann man darüber reden und oft verlieren sie dann ihren Schrecken. Wenn die Sorge ist, dass das Kind beim Abschied weint, frage ich, wie sie mit dem Kind umgehen, wenn es im Alltag weint. Denn ein Kind in den Arm nehmen und trösten, geht bei einer Beerdigung auch. Außerdem darf ein Kind ja weinen und traurig sein, wenn eine wichtige Person gestorben ist.

Es ist oft sinnvoll eine Bezugsperson mitzunehmen, die nur für das Kind da ist, damit auch die Eltern Raum für ihre eigene Trauer haben können. Zeit ist ohnehin sehr wichtig und die Möglichkeit, mitzugestalten, wenn die Kinder das gerne möchten.

Warum ist das so wichtig?
Der Tod ist eine große Ohnmachtserfahrung in unserem Leben. Wenn wir beim Abschied Dinge gestalten können, werden wir wieder handlungsfähig. Ich erlebe oft Zugehörige, die plötzlich ganz kreativ werden und tolle Ideen umsetzen. Eine Familie schmückt den Verstorbenen im Sarg mit vielen bunten Blumen. Ein Freundeskreis macht bei der Trauerfeier Fingerabdrücke auf die Urne. Viele sind überrascht, wie schön ein Abschied, trotz aller Traurigkeit sein kann. Bei manchen Begleitungen ist sehr spürbar, wie wichtig es für die Zugehörigen ist, noch Zeit bei ihren Toten zu verbringen. Es ist dann nichts anderes wichtig, außer da zu sein. Diese absolute Dringlichkeit eines Todes ist auch eine sehr besondere Qualität, die vermutlich nur die Geburt und das Sterben haben.

Wie ist es für Sie als Bestatterin, immer wieder solche Momente größter Dringlichkeit zu erleben, zumal im Leben von Fremden?
Es ist für mich sehr schön, Menschen in dieser Zeit zu begleiten, denn es hat eine große Sinnhaftigkeit. Ich arbeite auch als Dozentin für Kommunikation ohne Worte. Nonverbale Kommunikation ist sehr wichtig für den Umgang mit Menschen in Krisen, denn da sind unsere Informationsfähigkeit und die Fähigkeit, mit Wörtern zu kommunizieren, eingeschränkt. Ich gebe auch Workshops zu Themen rund um Sterben, Bestattung und Trauer. Daneben arbeite ich als Trauerbegleiterin und berate Menschen, die sich bestimmte Dinge in ihren Trauerprozessen nochmal anschauen wollen oder einfach Unterstützung suchen. Ich mag die Vielfältigkeit meiner Tätigkeiten und sie ergänzen sich gut.

Gibt es Regelungen mit Blick auf Bestattungen in Deutschland, die Sie gerne ändern würden?
Wir sollten den Friedhofzwang für Urnen aufheben und das Verbot der Ascheteilung. Ich verstehe nicht, warum Zugehörige nicht einen Teil der Asche behalten dürfen. Das lässt sich hygienisch nicht argumentieren. Und ich weiß, dass es vielen Trauernden helfen würde. Viele wünschen sich zum Beispiel, etwas Asche des Verstorbenen in einem Schmuckstück zu tragen. Der Hauptgrund für die aktuelle Regelung ist Geld. Friedhöfe sind für die Kommunen teuer. Ich finde Friedhöfe wichtige und schöne Orte. Ich möchte sie nicht abschaffen, im Gegenteil! Wir könnten zum Beispiel Spielplätze integrieren und sie zu grünen Oasen in den Städten machen, damit sie auch mehr ein Teil des Lebens werden.

Haben Sie bereits eine Vorstellung Ihrer eigenen Bestattung?
Ich habe ein paar Gedanken dazu mit meinen Liebsten geteilt, aber noch keinen festen Plan. Das finde ich auch in Ordnung so. Ich weiß, dass meine nahen Menschen einen Abschied in meinem Sinne gestalten werden, der auch für sie gut ist.

Neuer stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod"

Das Thema Sterben wird auch im stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" behandelt. In sieben Folgen begibt sich Host Lukas Sam Schreiber auf diese Suche für seine Mutter Claudia, die an Demenz erkrankt ist. Der Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" erscheint bei stern.de sowie bei AudioNow, SpotifyApple PodcastsAmazon Music und auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Hier erfahren Sie in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Sie Podcasts hören und abonnieren können.

Quellen: Sarggeschichten, Twitter

wue

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