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Bezahlbarer Wohnraum Wohnungsnot in Großstädten macht Studierenden immer mehr zu schaffen

Studierende beim Umzug
Zum Beginn des Wintersemesters standen 35.000 Studierende auf der Warteliste für einen Wohnheimplatz (Symbolbild)
© svetikd / Getty Images
Steigende Mieten, hohe Energiekosten und lange Wartelisten für Wohnheime – seit Jahren war die Lage von Studierenden auf dem Wohnungsmarkt nicht so prekär wie in diesem Herbst. Ein Programm der Ampelregierung könnte sie ab 2023 entlasten. 

Für viele junge Menschen ist der Semesterstart im Oktober der lang ersehnte Zeitpunkt, um aus der elterlichen Wohnung auszuziehen. Der Traum von den eigenen vier Wänden oder der ersten WG geht allerdings nur für wenige auf Anhieb in Erfüllung. Zudem melden auch die Studierendenwerke in diesem Herbst eine Notlage. Deutschlandweit befinden sich derzeit bis zu 35.000 Studierende auf der Warteliste für einen Wohnheimplatz. Viele Standorte melden Ausladungen von 100 Prozent. Hinzu kommen hohe Inflationsraten und Energiekosten. Die Ausgangslage für wohnungssuchende Studierende war zu Semesterbeginn wohl noch nie so prekär wie in diesem Jahr. Ein baldiges Ende ist jedoch nicht in Sicht.

Johanna Lahl ist vor einem Monat von Frankfurt nach Hamburg gezogen. Seit Oktober studiert sie Bildung und Erziehung in der Kindheit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie hat einen Wohnheimplatz ergattert, allerdings erst eine Woche nach ihrem Semesterstart. Bis dahin übernachtete die 21-Jährige im Hotel. Die Wohnanlage, in der Johanna unterkommen ist, liegt im Stadtteil Allermöhe im Hamburger Randbezirk Bergedorf. Auch wenn das Wohnheim direkt am Bahnhof liegt, braucht sie mindestens 30 Minuten zu ihren Seminaren. Was für Johanna zuerst wie eine Notlösung wirkte, entpuppte sich bald als Glücksgriff. Denn andere Unistädte melden Wartezeiten von bis zu drei Semester und vielen Studierenden fehlt in diesem Herbst eine langfristige Unterkunft.

Ihre Wohnheim-WG gefällt Johanna ganz gut, erzählt sie Anfang November am Tresen der hauseigenen Bar. Ihre erste Wahl war es aber definitiv nicht. Ursprünglich war der Plan, in eine WG zu ziehen. Nach Wohnungen hatte sie erst gar nicht geschaut. "Direkt nach meiner Studienzusage habe ich angefangen, Bewerbungen zu schreiben und auch ein paar Zusagen für WG-Castings bekommen", erzählt sie."Fünfmal bin ich von Frankfurt nach Hamburg gefahren. Kein einziges Treffen war erfolgreich."

Mieten für Studierende steigen stark an

Mit ihrer vergeblichen Suche nach einer studentengerechten Wohnung ist Johanna Lahl kein Einzelfall. Schließlich haben sich die Rahmenbedingungen für Studierende laut einem gemeinsamen Report des Finanzdienstleisters MLP und dem Institut der deutschen Wirtschaft im Jahr 2022 noch einmal deutlich verschlechtert. Über alle 38 untersuchten Standorte hinweg sind die Mieten qualitäts- und lagebereinigt um 5,9 Prozent gestiegen. WG-Zimmer verteuerten sich sogar um 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Den größten Zuwachs verzeichneten die Mieten in Berlin. Hier müssen Studierende im Vergleich zum Vorjahr 18,5 Prozent mehr bezahlen. Eine studentische Musterwohnung mit 30 Quadratmetern in der Hauptstadt kostet 718 Euro im Monat. Bundesweit ist das lediglich der dritte Platz hinter München (787 Euro) und Stuttgart (786 Euro). Die Zuwachsraten sind allerdings nicht nur in den Großstädten gestiegen. Auch Greifswald, Rostock, Leipzig, Heidelberg, Kiel und Bremen verzeichneten zweistellige Wachstumsraten. In Hamburg war der Anstieg mit 6,8 Prozent im Vergleich noch relativ moderat.

Die Probleme von Studierenden auf dem Wohnungsmarkt sind nicht neu. Aufgrund von Corona und Digitalunterricht entspannte sich die Lage in den letzten zwei Jahren jedoch deutlich. Nun, da die Universitäten wieder weitestgehend auf Unterricht vor Ort setzen, zieht es viele jungen Menschen zurück in die Nähe des Campus. Zu den üblichen Strömen von Erstsemestern gesellen sich auch Student:innen, welche die letzten zwei Jahre im Elternhaus oder in einer anderen Stadt verharrt haben.

Energiekriese wirkt sich vor allem auf Geringverdiener aus

Die schwierige Situation für die Studierenden wird in den letzten Wochen durch den enormen Anstieg der Energiepreise verschlechtert. Die Inflation trifft laut MLP vor allem Menschen mit geringem Einkommen, wie Studierende. Sie hätten oft keine finanziellen Rücklagen, sodass sich Preissteigerungen schneller und schmerzhafter bemerkbar machen. In der Corona-Pandemie sind zudem viele Minijobs und Werkstudenten-Stellen weggefallen. Somit hat sich laut Studentenwohnreport auch das mittlere Einkommen der Studierenden leicht verschlechtert.

Die hohen Energiepreise tragen jedoch ein weiteres Problem mit sich: Die Nachfrage verschiebt sich in Richtung kleinerer und günstigerer Wohnungen. Menschen, die bislang eine Eigentumswohnung erwerben wollten, gehen aufgrund von starken Zinssätzen eher auf Mietwohnungen. Somit verschärft sich der Konkurrenzkampf auf dem Wohnungsmarkt und die Mietkosten steigen. Schlussendlich finden die meisten Studierenden irgendwann doch eine Wohnung, die sie sich leisten können. Wer keine Hilfe von den Eltern bekommt, ist jedoch auf Arbeit angewiesen und lebt in der Regel von Zwischenmiete zu Zwischenmiete. Hinzu kommen lange Pendelfahrten und gegebenenfalls weitere Besichtigungen. Darunter leidet der Studienerfolg. Auch deshalb bemängelte der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW) erst im September: "Es kann nicht sein, dass wir eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bekommen, einmal die Studierenden aus vermögenden Familien, die in den teuren Hochschulstädten wohnen können, und dann die Studierenden aus weniger begüterten Familien, die dort studieren müssen, wo sie sich die Miete gerade noch leisten können."

Der kürzlich beschlossene Anstieg des Mindestlohns wird den Studierenden helfen und auch die Anpassung des Bafög kommt ihnen zugute. Allerdings reicht das in den seltensten Fällen. Der erhöhte Wohnzuschlag von 360 Euro im Bafög-Höchstsatz deckt die Miete in nur zwei Hochschulstädten ab: Chemnitz und in Magdeburg. In Ostdeutschland sind die Mieten tendenziell niedriger. Die durchschnittliche Warmmiete inklusive Nebenkosten in Höhe von 20 Prozent betragen in Chemnitz 224 Euro, in Magdeburg 303 Euro und in Leipzig 383 Euro. Weniger als die Hälfte im Vergleich zu Stuttgart und München.

Studenten konkurrieren mit kinderlosen Paaren

"Auf dem Wohnungsmarkt kommt es auf das Portemonnaie an. Als Student oder Auszubildender hat man es definitiv schwierig. Eigentlich bleibt nur eine Wohnung ganz weit außerhalb", konstatiert Julius Rummel. Auch er wohnt seit einigen Jahren im Studentenwohnheim in Allermöhe. Als Tutor hilft er anderen Studierenden beim Ein- und Auszug und kümmert sich um die Kommunikation mit dem Studierendenwerk. "Wenn du vielleicht noch ein Semester vor dir hast oder keinen festen Job, dann wird es schwierig, irgendetwas zu finden. Wir kriegen dann auch immer häufiger Anfragen auf Verlängerungen. Du darfst regulär vier Jahre hier wohnen bleiben. Gegebenenfalls wird der Aufenthalt um ein oder zwei Semester verlängert. Danach musst du ausziehen."

Genauso schwierig wie der Abschied aus dem Wohnheim ist es, in der Regel hineinzukommen. Eine Umfrage des DSW aus dem September ergab, dass in elf der größten deutschen Unistädten insgesamt 35.000 Menschen auf einen Wohnheimplatz warten. Ein Anstieg von 4000 Studierenden im Vergleich zu vor der Pandemie. Bundesweit werden rund 240.000 Wohnheimplätze öffentlich gefördert. Dies entspricht laut dem DSW nur knapp zehn Prozent aller Studierenden. Seit 2007 ist die Anzahl der geförderten Studienplätze um 52 Prozent gestiegen. Die Zahl der staatlich geförderten Wohnheimplätze wuchs im selben Zeitraum um lediglich sechs Prozent. Auf Anfrage des stern meldet auch das Studierendenwerke in Hamburg eine volle Auslastung. In der Hansestadt befinden sich insgesamt 1.662 Studierende auf der Bewerbungsliste für einen der 4400 Plätze. Wie lange sie warten müssen, ist unklar.

Bei Julius hat es neun Monate gedauert. Für sein WG-Zimmer mit eigenem Bad zahlt er 415 Euro. Es ist eines der begehrtesten im Sophie-Schoop-Haus in Allermöhe. Julius gefällt es hier. Der Wirtschaftsinformatik-Student bezeichnet das Wohnheim sogar als ein "kleines Hotel". Vor allem die Bar und das Fitnessstudio seien ein großes Plus. "Trotzdem muss man beachten, dass der runtergerechnete Quadratmeterpreis recht hoch ist. 21 Quadratmeter für 415 Euro, das ist schon Markstandard."

Irgendwann will auch Julius in der Stadt wohnen. Sein Nebenjob ist an der Alster, die Uni am Berliner Tor, seine Freunde trifft er in der Schanze. Trotzdem schläft er jede Nacht in Allermöhe. "Es gibt hier halt nichts. Du kannst nichts außerhalb des Wohnheims machen. Edeka schließt um 21 Uhr und ab 1 Uhr fahren keine Bahnen in die Stadt. Man ist schon ein bisschen abgeschnitten." In der Vergangenheit hat Julius Rummel schon einmal versucht, eine WG zu gründen – vergeblich. Auf dem Wohnungsmarkt konkurrierten er und seine Freunde stets mit ausgebildeten Pärchen ohne Kinder. Dass sie nicht in Betracht gezogen worden waren, macht ihn sauer: "Nicht jede WG steht für Party und Absturz. Wir wollen einfach günstig und effizient zusammenwohnen."

Julius Rummel und Johanna Lahl vor ihrem Wohnheim
Julius Rummel (links) und Johanna Lahl vor ihrem Wohnheim in Hamburg-Allermöhe
© Julian Schmelmer

Johanna zahlt für ihr Zimmer in der Vierer-Wohnheim-WG 20 Euro weniger als Julius. Zwei Jungs, zwei Mädchen – so sind hier die Regeln. Sie teilt sich das Bad mit ihrer Mitbewohnerin. Auch eine offene Küchenzeile und ein kleiner Balkon sind vorhanden. Über dem knallgrünen Sofa hängt ein geschmack- und charakterloses Bild einer Hängebrücke im Nebel. Sie kommt gut mit ihren Mitbewohner:innen aus, erzählt Johanna, während sie ihr Zuhause präsentiert. Manchmal wird sie sogar bekocht. Früher ist sie regelmäßig essen gegangen. Das ist aufgrund der Inflation nur noch selten möglich. Wenn es mit der WG in Hamburg nicht klappt, wäre Johannas Ziel eines der Einzel-Apartments im Wohnheim. Die kosten aber 425 Euro und sind so gut wie nie zu haben, erzählt sie.

Alle Bewohner:innen in der Wohnanlage zahlen eine Inklusivmiete, in der die Kosten für Strom, Heizung, Wasser und Internet bereits enthalten sind. Nur den Rundfunkbeitrag müssen sie selbst bezahlen. Laut DSW ist das in 90 Prozent der deutschen Wohnheime der Fall. In Zeiten von hohen Energiekosten geben die Pauschalmieten den Studierenden Sicherheit. Nicht zuletzt deshalb sind Wohnheime in diesem Herbst heiß begehrt. Mieterhöhungen sind möglich, aber nur innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Im Oktober hat das Hamburger Studierendenwerk die Mieten bereits um zehn bis 15 Euro erhöht. Geschäftsführer Sven Lorenz bestätigt gegenüber dem stern, dass bis zum Ende des Jahres keine weitere Erhöhung geplant sind. Dennoch schließt er steigende Mieten und auch einen kürzeren Abstand zwischen Mieterhöhungen nicht aus. Man müsse die Kostenentwicklung auf dem Energiemarkt im Blick behalten.

Bund will mehr Wohnheime bauen

Die Lage scheint verzwickt. Wie also stellen sich die jungen Studierende die Lösung für mehr bezahlbaren Wohnraum vor? Johanna Lahl und Julius Rummel sprechen sich für den Bau von mehr Wohnheimen aus. Besonders für den Anfang sei das eine gute Möglichkeit, Fuß zu fassen und neue Freund:innen kennenzulernen. Auch die regierenden Ampelparteien setzen anscheinend auf mehr Wohnheime. Das im Koalitionsvertrag verankerte Programm "Junges Wohnen" soll Investitionen von dreistelligen Millionenbeträgen bereitstellen, um zusätzlichen Wohnraum für Auszubildende und Studierende zu schaffen. Dies kündigte Bundesbauministerin Klara Geywitz in einem Interview mit dem DSW-Journal an.

Das Programm soll Anfang 2023 an den Start gehen. Wie die Gelder genau eingesetzt werden, liegt in der Hand der Länder. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der Bund wieder mit einem großen Förderprogramm den studentischen Wohnheimbau fördert, stellt DSW-Generalsekretär Anbuhl fest. Mittelfristig wäre dies definitiv ein Erfolg. Doch bis die neuen Wohnheime stehen, dürfte die so gebeutelte Generation der Corona-Studierenden längst exmatrikuliert sein.

Quellen: MLP-Studentenwohnreport, Deutsche Studentenwerke, DSW-JournalBundesbauministerium

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