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Umstrittenes Verbot Zwölf Monate keinen Sex? Homosexueller kämpft gegen diskriminierende Blutspende-Regeln

Sehen Sie im Interview: Zwölf Monate keinen Sex? Homosexueller kämpft gegen diskriminierende Blutspende-Regeln.








stern: Die Werbung vom Blutspende-Dienst kennt wahrscheinlich jeder. Händeringend werden Spender gesucht, denn Blutkonserven sind in Deutschland knapp. Aktuell ist es noch so, dass homosexuelle Spender so gut wie gar nicht in Frage kommen. Und das könnte sich nun aber bald verbessern. Lukas Hawrylak ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem SPD-Bundestagsabgeordneten und hat vor einem Jahr eine Petition gegen das Blutspende-Verbot für Schwule, Bi- und Transsexuelle gestartet. Hallo Lucas, wann hattest du denn zum ersten Mal das Gefühl, dass in unserem Blutspendesystem etwas nicht stimmt? 
Lucas: Da war ich 16/17, glaube ich, und alle meine Freundinnen und Freunde durften Blut spenden. Und ich weiß, damals sind sie halt zur Blutspende gegangen, weil es damals noch 25 Euro für gab und man hat sich dabei irgendwie so ein bisschen das Taschengeld sozusagen aufgebessert. Und mir war damals schon bewusst, dass ich das nicht darf, weil mir damals schon klar war, ich bin homosexuell und ich darf nicht Blut spenden. Und damals war es ja sogar noch so, dass ich überhaupt nicht Blut spenden durfte. Jetzt gibt es diese 12 Monatsfrist, die man abwarten muss und ich hab dann tatsächlich einfach ich. Da war ich auch noch nicht geoutet und hab mir eine Ausrede einfallen lassen. Aber ich musste meiner Mutter helfen. Ich muss da oder ich muss dies machen. Ich kann nicht mitkommen zur Blutspende. Das war ganz schön abenteuerlich. Aber ja, da war hab ich schon das erste Mal das Gefühl gehabt Oh, ich werde als homosexueller Mann hier benachteiligt. 
stern: In deiner Petition erklärst du Ich bin schwul, darf heiraten, Kinder adoptieren und Organe spenden. Aber mein Blut soll zu schmutzig sein zum Spenden. Genau was? Was macht es mit dir, dass Homosexuelle alle immer noch stigmatisiert werden, wenn es um wenn es ums Blutspenden geht? 
Lucas: Also zum einen ist die Rede komplett aus der Zeit gefallen, die stammt aus den 80er Jahren, aus der Höhe der HIV Pandemie. Man wusste nicht genau, wie man damit umzugehen hat und wusste auch gar nicht überhaupt medizinisch und wissenschaftlich, was das für Auswirkungen haben. Das war einfach nur ein Schutzmechanismus, um die Sicherheit der Blutspende sicherzustellen. Heutzutage, fast 40 Jahre später, sind wir auf einem ganz anderen wissenschaftlichen medizinischen Stand, können sexuell übertragbare Krankheiten und andere Infektionskrankheiten sehr schnell nachweisen im Blut. Das ist ein Zeitraum von sechs bis acht Wochen. Und also deswegen entsprechen diese zwölfhundert, die wir aktuell haben, überhaupt nicht mehr einem die basieren hat die nicht mal auf einer wissenschaftlich medizinischen Grundlage, die man noch erklären kann.
stern: Genau das ist jetzt angesprochen. Es gibt diese zwölf Monatsfrist, in der man als homosexueller Mann oder auch Transsexuelle oder Bisexueller keinen Sex mit einem anderen Mann gehabt haben darf. Genau. Und die Bundesärztekammer hat nun einen neuen Vorschlag veröffentlicht Alle Menschen dürfen Blutspenden, wenn sie seit mindestens vier Monaten ausschließlich mit einer anderen Person sexuell aktiv waren, egal welchen Geschlechts. Hintergrund ist der, dass spätestens nach vier Monaten eine Infektion mit HIV so sicher ausgeschlossen werden kann. Was hältst du von der Änderung? 
Lucas: Also ich finde, es ist ein ganz, ganz wichtiger, wichtiger Schritt in die richtige Richtung und man kommt auch gerade schon angesprochen hat wissenschaftlich endlich einen Zeitraum, den man auch wissenschaftlich erklären kann. Dennoch bin ich immer noch der Überzeugung, dass es da immer noch eine Art Diskriminierung gibt. Wieso nur monogame Paare? Wieso ist der Sex zwischen zwei Single Männern automatisch gefährlicher als der von zwei monogam lebenden Männern? Das erklärt sich mir nicht. Generell erklärt sich mir die Rückstand Frist von vier Monaten auch nicht, weil es andere Länder gibt, wo die Rückstand fast drei Monate beträgt. Und ich glaube, die haben zwar jetzt die Diskriminierung aufgeweicht oder Diskriminierung leid, aber wir sind noch nicht ganz von diesem, von dieser anders Behandlung von Männern, die mit Männern Sex haben weggekommen. 
stern: Also was ich da raus höre, die Regelung geht hier noch nicht weit genug. Was hast du da genau für weitere Ideen?
Lucas: Also es gibt gute Beispiele aus dem Ausland. Vor zwei Wochen hat England, Schottland und Wales eine Regelung eingeführt, die besagt, dass wenn eine Person wechselnde Geschlechtspartner einen innerhalb der letzten drei Monate hatte, dann muss sie zurückgestellt werden für drei Monate. Was total fair ist. Das aber die Formulierung auch im Blutspender Bogen so gemacht, dass es komplett neutral und diskriminierungsfrei ist. Und das wäre auch mein Wunsch für Deutschland, um nicht noch über irgendwelche Hintertürchen zumindest auch in der Sprache eine Diskriminierung zu haben, sondern dass wir wirklich komplett neutrale, diskriminierungsfreie Blutspender haben, egal ob hetero, homo, bi oder trans. [00:04:39][33.9]
stern: Wie realistisch hältst du diese Regelung? Weil im Prinzip ist kann ja niemand wirklich nachprüfen, mit wie vielen Geschlechtspartner man denn nun in den vergangenen Monaten Kontakt hatte. 
Lucas: Genauso das Problem. Diese Regelung gibt's ja auch schon seit. Seitdem es diese 12 Monate Regel gibt. Leute sagen mir ja, man kann ja auch lügen. Man kann ja auch sagen A Ich hab gar keinen Sex mit einem Mann gehabt. Deswegen kann. Nochmal Blut spenden. Aber rein theoretisch und mit dem Blutspende Diensten redet, ist klar, das wäre rein theoretischen Straftat. Es geht ja auch nicht darum, dass man lügen muss, um Blut spenden zu dürfen. Es geht ja darum, die Diskriminierung und die anders Behandlung von queeren Menschen bei der Blutspende endlich zu beseitigen. Auch auf dem Papier. 
stern: Genau. Letztendlich können die Angaben, die man beim Blut Schritten macht, im Fragebogen auch einfach falsch beantwortet werden. Was hältst du dann von solchen Menschen, die falsche Angaben machen, um Blut zu spenden? 
Lucas: Ich verurteile das überhaupt nicht. Ich kann das verstehen, wenn Leute, die selber verantworten können, dass sie das machen wollen. Natürlich. Aber man sollte wie gesagt keine Falschaussage bei dieser Sache machen müssen. Und meine Hoffnung ist, dass wir mit einer diskriminierungsfreien Blutspende endlich auch mehr Leute dazu bewegen, wirklich die Wahrheit zu sagen, nicht mehr lügen zu müssen und Blut spenden zu können und um so diese, diese ungute Situation einfach zu vermeiden. 
stern: Am 17. September könnte die Richtlinie dann nun offiziell beschlossen werden. Könntest du dir unter diesen Voraussetzungen denn auch vorstellen, dein Blut zu spenden? 
Lucas: Ja, definitiv. Ich meine, das war auch einer der Gründe, wieso ich die Petition gestartet habe, um endlich Blut spenden zu können. Und du hast es am Anfang angesprochen. Blut spenden werden dringend gebraucht. Ich werde mich immer, wenn ich irgendwie in Regionalzeitung gucke, Auroren, wenn ich mal meine Familie bin ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern und da irgendwie in die Zeitung schaue, DRK sucht oder andere Träger suchen dringend Blutspenden, Händeringen, Blut, Spenden und ich war dann mal so Ja, ich kann nicht. Und ich glaube, dass das natürlich nicht dazu führt, wenn man jetzt die Blutspende leichter macht für Menschen, dass es sich automatisch wahnsinnig vermehrt. Aber ich glaube, es wir trotzdem dazu beitragen, dass zum einen ist natürlich mehr Bereitschaft zur Blutspende gibt, eine Blutspende von queeren Menschen realistischer ist, weil es nicht mehr, weil man nicht mehr 12 Monate warten muss. Und gleichzeitig ist weniger Leute gibt, die eine falsche Angabe machen müssen, wenn es darum geht, ob sie Blut spenden dürfen oder nicht. Und das im Umkehrschluss auch dazu führt, dass Blut spenden sicherer sind, weil keiner mehr lügen muss und unter Umständen doch Blut gespendet hat. Was vielleicht doch mit infiziertes mit der Krankheit?
stern: Ja, vielen Dank fürs Gespräch Lucas. Schön, dass du bei uns sehr gerne und machs gut. 
Lucas: Gerne. Sehr gerne. 

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Lange durften Schwule, Bi- und Transsexuelle kein Blutspenden. Seit 2017 gibt es eine Frist von zwölf Monaten, in der sie keinen Sex mit einem anderen Mann gehabt haben dürfen. Die umstrittene Richtlinie könnte nun gekippt werden. Aktivist Lucas Hawrylak dazu im stern-Interview.

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