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Ärzte-Appell

Günther Jonitz: Mediziner prangert Missstände in Kliniken an: "Eine Gratwanderung an der Grenze zum Betrug"

Günther Jonitz ist Präsident der Ärztekammer Berlin. Hier erklärt er, wie das Fallpauschalen-System in Kliniken vor allem die besonders Schutzbedürftigen benachteiligt: Kinder, alte und chronisch kranke Patienten. 

Günther Jonitz, 61, Präsident der Ärztekammer Berlin

Dr. med. Günther Jonitz, 61, Präsident der Ärztekammer Berlin

Eine älterer Mann irrt nachts verwirrt durch die Straßen und wird vom Rettungsdienst in die Notaufnahme gebracht. Das passiert täglich hunderte Male. Alte Menschen vergessen oft zu trinken, was zu Verwirrtheitszuständen führen kann. Früher, als Krankenhäuser nach Aufenthaltstagen bezahlt wurden, war das ärztliche Vorgehen einfach: Stationär aufnehmen, mit Flüssigkeit versorgen. Am nächsten Morgen fragten die Patienten erstaunt, wie sie hergekommen waren.

Seit dem Jahr 2003 wird pro Fall eine Pauschale bezahlt, die sich nach der Hauptdiagnose richtet. Nun sind solche Patienten ein Problem: Die Kassen könnten die Kostenübernahme verweigern, weil keine Krankheit vorliegt – oder zumindest Abschläge fordern, wenn der Aufenthalt unterhalb der "unteren Grenzverweildauer" liegt. Falls der Patient wirklich dement ist, vergehen Tage, bis die Stationsärzte Informationen zusammengetragen haben: Hausarzt, Medikamente, Erkrankungen, Angehörige, häusliche Versorgung. Viel Zeitaufwand, der nicht bezahlt wird. Die jungen Kollegen, die solche Patienten aufnehmen, erzählen mir, dass sie dann Ärger mit ihren Oberärzten bekommen. Natürlich kann man sich mit Tricks behelfen: Der Patient rechnet sich, wenn man ihm die Diagnose "Akutes Nierenversagen" verpasst und eine Blutwäsche durchführt. Auch das passiert.

Das Pauschalensystem ist auf gegenseitigem Misstrauen aller Beteiligten aufgebaut. Kassen unterstellen den Kliniken Betrug, und die retten sich, indem sie Diagnosen und Therapien "optimieren", eine Gratwanderung an der Grenze zum Betrug. Verlierer sind gerade die besonders Schutzbedürftigen, Kinder, alte und chronisch kranke Patienten. Der wirtschaftliche Druck unterhöhlt die Ethik der Medizin. Ich habe von Anfang an dagegen gekämpft.

Befürworter argumentieren, dass das System doch auch in Australien funktioniere, wo es erfunden wurde. Sie verschweigen, dass es dort nicht für die Vergütung genutzt wird, sondern fürs Controlling und die Verteilung von Krankenhausbudgets. In Australien nämlich dürfen Krankenhäuser Defizite machen, ohne dass Personal gekürzt wird oder gleich die Pleite droht. Deshalb würde man dort einen alten, verwirrten Mann ohne jede Diskussion stationär aufnehmen.

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Sollten Sie Beispiele beobachten, die zeigen, wie wirtschaftliche Zwänge ärztliche Entscheidungen beeinflussen, schreiben Sie uns gern auch dies. Wir nehmen dann vertraulich Kontakt zu Ihnen auf.

Protokoll: Bernhard Albrecht
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