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Ärzte-Appell

Unnötige Operationen: Mehr Eingriffe, weniger Patientenwohl: Arzt prangert wirtschaftlichen Druck in Kliniken an

Der Gynäkologe Achim Schneider warnt davor, dass durch den ökonomischen Druck in Kliniken das Patientenwohl vernachlässigt wird. Er sorgt sich um nachfolgende Ärztegenerationen, die in diesem Umfeld ihre Arbeit beginnen müssen.

Der Gynäkologe Achim Schneider

Achim Schneider, Gynäkologe

Brustkrebspatientinnen haben genug damit zu tun, ihre schwere Erkrankung zu verarbeiten. Unnötige Operationen sollte man ihnen möglichst ersparen. Brauchen sie zum Beispiel eine Chemotherapie, muss dafür ein Katheter in eine große Vene gelegt werden. Ein kleiner Eingriff, den wir früher, wann immer er angezeigt war, im Rahmen der Tumoroperation oder einer Lymphknotenentnahme durchführten. Die OP-Zeit verlängerte sich dadurch unwesentlich. Dann aber kam das Abrechnungssystem nach Fallpauschale.

Egal, ob wir Venenkatheter legten oder nicht, die Klinik verdiente das gleiche Geld, zahlte aber drauf für die Materialkosten, die nicht extra erstattet wurden. "So machen wir Verluste", ließ mich die Krankenhausverwaltung wissen. Niemand sprach es konkret aus, aber es war klar, welche Konsequenz ich zu ziehen hatte: keine Venenkatheter mehr legen. Meine Patientinnen mussten sich also fortan nach der Entlassung aus der Klinik ambulant noch mal bei einem Gefäßchirurgen auf den OP-Tisch legen.

Das ist nur eine von vielen Situationen, die ich in meiner Zeit als Krankenhausarzt nach der Einführung der Fallpauschalen erlebte, in denen die ökonomischen Interessen des Hauses dem ethisch Vertretbaren im Weg standen. Was mir Angst macht: Bald werden alle unsere Kliniken von Ärztinnen und Ärzten geführt, die es gar nicht mehr anders kennen, weil sie in dieses System hineingewachsen sind.


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