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Allergie und Psyche: Stress kann die Symptome verstärken

Die Bedeutung der Psyche bei allergischen Erkrankungen ist nach wie vor umstritten. Nach derzeitigem Stand werden Allergien nicht vorrangig durch psychische Faktoren verursacht.

Entspannung kann helfen, Allergiesymptome zu lindern

Entspannung kann helfen, Allergiesymptome zu lindern

Allergiker berichten immer wieder davon, dass Stress, Angstzustände, depressive Verstimmungen und schwelende emotionale Konflikte in der Partnerschaft, Familie oder im Beruf ihre allergischen Symptome verschlimmert oder sogar ausgelöst hätten. Die klassische Schulmedizin tut sich mit diesem Thema aber nach wie vor schwer. Die Auffassungen reichen von der weit verbreiteten Lehrmeinung, eine Allergie sei in erster Linie eine rein körperliche und keine seelische Erkrankung, bis hin zu der Position, dass viele Allergien psychische Ursachen hätten.

Neuere Untersuchungen zeigen zumindest, dass vor allem bei Neurodermitis, Nesselsucht und allergischem Asthma psychische Prozesse auf den Krankheitsverlauf mehr Einfluss haben, als die Experten lange angenommen haben. So hatten Heuschnupfenpatienten während der Pollensaison vor allem dann verstärkt Beschwerden, wenn sie in dieser Zeit auch psychische Konflikte zu verarbeiten hatten. Und bei Neurodermitis kann negativer, emotional belastender Stress nachweislich Krankheitsschübe auslösen und die Erkrankung teilweise erheblich verschlimmern. Studien haben belegt, dass typische allergische Beschwerden wie Hautrötungen, Atemnot oder Schleimhautschwellungen durch Suggestion, klassische Konditionierung und unter Hypnose hervorgerufen, im Gegenzug aber auch positiv beeinflusst werden können.

Haut reagiert oft als Überdruckventil der Seele

"Mindestens ein Viertel aller allergischen Reaktionen hat auch wesentlich mit psychischen Problemen zu tun", schätzt Uwe Gieler von der Universitätsklinik in Gießen. Der Mediziner ist einer der wenigen international anerkannten Psychodermatologen und erforscht seit beinahe 30 Jahren die Sprache der Haut. Sein wissenschaftlicher Ansatz ist der aller Psychosomatiker: Der Körper drückt durch Erkrankungen emotionale und psychische Konflikte aus, die der Geist nicht verarbeiten kann oder will.

Gerade Haut reagiere häufig als "Überdruckventil der Seele", weiß Gieler aus seiner therapeutischen Praxis: Er beobachtete Frauen, bei denen sich unterdrückte Wut in Nesselsucht äußerte. Und Männer mit Angst vor Nähe, die mit einer leuchtend roten neurodermitischen Gesichtshaut ihren Partnerinnen unbewusst signalisierten, Sicherheitsabstand zu halten. Eine junge Frau, die halbherzig in ihre Ehe schlitterte, entwickelte ausgerechnet auf ihrer Hochzeitsreise eine Goldallergie gegen den Ehering. Und ein Medizinstudent bekam zum Examen von beiden Elternteilen eine nickelhaltige Uhr. Doch nur die Uhr der Mutter löste bei ihm ein durch Nickel bedingtes Kontaktekzem aus. Die Mutter hatte vor Jahren die Familie wegen eines anderen Partners verlassen, seither hatte der Student ein gespaltenes Verhältnis zu ihr.

So eindrucksvoll solche Geschichten sind - Uwe Gieler warnt vor "Hobbypsychologie", die in jeden Krankheitsverlauf einen seelischen Hintergrund hineininterpretiert. "Es gibt klare angeborene oder durch Kontakt erworbene Allergien, die bei jeder psychischen Verfassung auftreten und keinerlei Zusammenhänge mit seelischen Problemen aufweisen", sagt er. Entgegen früheren Annahmen von Wissenschaftlern existieren auch keine schlüssigen Hinweise, dass Allergiker typische Charaktereigenschaften besäßen, betont Gieler. Nicht alle Asthmatiker haben ein Nähe-Distanz-Problem mit ihrem Lebenspartner und nicht alle Neurodermitiker seien "emotional besonders dünnhäutig". So etwas wie eine "Allergiepersönlichkeit" gibt es nicht.

Vom Sinn der Allergie

Eine psychotherapeutische Behandlung im Rahmen einer Allergietherapie sei deshalb nur dann sinnvoll, wenn nachweislich starke Ängste oder emotionale Konflikte die Beschwerden aufrecht erhalten oder verstärken. "Um herauszufinden, ob psychische Faktoren eine Rolle spielen, sollten Arzt und Patient sich immer auch die Frage stellen, welchen Sinn die Allergie im Leben des Betroffenen hat und ob sich die Krankheit bei bestimmten Belastungssituationen verschlechtert", empfiehlt der Psychosomatiker.

Für manche Betroffenen ist es daher hilfreich, als ersten Schritt Allergiesymptome und Stressmomente in einem Tagebuch zu notieren. Vielleicht offenbart sich so der eine oder andere Zusammenhang, der im Alltag leicht übersehen wird. Auch Entspannungsmethoden und Stressmanagement, die Betroffene in einer Patientenschulung beigebracht bekommen, können das Leiden vieler Allergiker lindern. Das belegte eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums, die die Auswirkungen von Entspannungstechniken wie Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson auf Neurodermitiker untersuchte: Bei den meisten Teilnehmern ging die Entzündung der Haut deutlich zurück, der Juckreiz nahm ab, und es wurden wesentlich weniger Medikamente benötigt. Dieser Erfolg trete aber nicht sofort, sondern nach einigen Monaten regelmäßigen Übens ein.

Mentale Schutzmaßnahmen gegen Allergien

Noch weiter geht das sogenannte Hildesheimer Gesundheitstraining, das Psychologen der Fachhochschule Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen entwickelt haben. Ziel ist, dass Allergiepatienten ihre Selbstheilungskräfte aktivieren – mithilfe von Atem-, Körper- und Entspannungsübungen sowie mit Wahrnehmungsschulung, Visualisierung und Selbsthypnose. "Allergiker können wirkungsvolle mentale Schutzmaßnahmen gegen Heuschnupfen, Asthma, Hautausschläge oder Neurodermitis erlernen", sagt der Psychologe Klaus Witt aus Bargteheide bei Hamburg, der die Methode mit entwickelt hat.

Im Training könnten die Patienten potenziell bedrohliche Situationen "umdeuten" und ihrem Organismus durch Selbsthypnose neue Reaktionsmöglichkeiten beibringen. Der Psychologe ist überzeugt, man könne das Immunsystem so schulen, dass es etwa auf Graspollen überhaupt nicht mehr reagiert: "Der Allergiker kann sich unter anderem eine transparente Hülle oder eine Kraftquelle vorstellen, die ihn vor den Allergenen schützt. Das klingt vielleicht etwas platt, aber es hilft in vielen Fällen." Vielleicht, weil der Allergiker der Erkrankung nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert ist, sondern weiß, wie er ihr begegnen kann.

Rüdiger Braun
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