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NS-Ärzte: Asperger-Syndrom – tragen Hunderttausende von Kranken den Namen eines Nazi-Mörders?

Hans Asperger gilt als Pionier der Kinderpsychiatrie, von ihm stammen die grundlegenden Erkenntnisse zum Verständnis des Asperger- und des Autismus-Syndroms. Eine neue Studie behauptet, der Arzt sei tief in die NS-Programme zur Ermordung Kranker verstrickt gewesen.

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Asperger ist die angesagteste psychische Erkrankung – zumindest was Filme und TV angeht. Die Unfähigkeit, echten Kontakt mit der Umgebung aufzunehmen, wird für extrem unterschiedliche Filmfiguren genutzt. Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) verstört in der TV-Serie "Sherlock" seine Umgebung durch seine schroffe und abrupte Art. Dr. Gregory Houses (Hugh Laurie) haarsträubendes Verhalten in der Serie "House" wurde mit Asperger erklärt und entschuldigt. Ryan Gosling verschwindet im Film "Drive" förmlich in seiner Schweigsamkeit.

Beste und treffendste Darstellung eines Asperger-Patienten ist sicherlich das Leben des jungen Max in der Großfamilienserie "Parenthood". Die Erkrankung verwandelt seine Kindheit in eine einzige endlose Kraftprobe für seine Eltern.

Verwickelt in die "Aktion T4"

Benannt ist das Syndrom nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger. Glaubt man einer neuen Studie, ist es der Name eines Nazi-Arztes, der an fürchterlichen Mordaktionen beteiligt war. Wie viele andere Kinderärzte soll er das berüchtigte "Aktion T4"-Programm unterstützt haben. Diese Vorwürfe erhebt Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien in der Zeitschrift "Molecular Autism".

"T4" steht für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin: Tiergartenstraße 4. Dort wurde die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1945 koordiniert. 

Hans Asperger gilt als Pionier der Kinderpsychiatrie, von ihm stammen die grundlegenden Erkenntnisse zum Verständnis des Asperger- und des Autismus-Syndroms. Unterlagen über sein Wirken in der NS-Zeit waren in Archiven verschollen und wurden vor der Untersuchung Czechs von niemand eingesehen. Die aufgefundenen Patientenakten zeigen, dass der Kinderarzt seine kleinen Patienten als nicht "lebenswert" an die Klinik "Am Spiegelgrund" überwies. In dieser Einrichtung starben zwischen 1940 und 1945 fast 800 Kinder. Viele wurden im Rahmen des Euthanasie-Programms mit Spritzen ermordet, andere starben an den Folgen systematischer Vernachlässigung. Man verweigerte ihnen jede medizinische Hilfe oder ließ sie verhungern und verdursten.

Lebensunwertes Leben

Ein Fund in der Untersuchung: Die kleine Herta Schreiber starb in der Einrichtung an einer Lungenentzündung. Asperger überwies sie kurz zuvor in das Todeshaus, weil das Kleinkind als unheilbar galt und sie "eine unerträgliche Last für ihre Mutter" sei. Es haben sich keine Hinweise darauf gefunden, dass seine Überweisungen in die Todesklinik im Zusammenhang mit der Asperger-Forschung standen, schreibt Herwig Czech. 

Während des Dritten Reiches schaffte es Asperger sein Konzept der "Heilpädagogik" mit der NS-Ideologie in Einklang zu bringen. Geheilte Patienten sollten als wertvolle Arbeiter und Soldaten dem Volkskörper zugeführt werden, für Unheilbare und Erbkranke befürwortete der Arzt die "restriktiven Maßnahmen" des NS-Regimes. Nach dem Ende des Dritten Reiches gelang es ihm, diese Spuren zu verwischen und eine Legende vom besorgten Kinderarzt zu etablieren. Uta Frith schrieb noch 1991 in ihrem Buch "Asperger and His Syndrome", dass Asperger "seine Patienten unter großem persönlichem Risiko gegen das Nazi-Regime verteidigt habe".

Der Name ist kompromittiert

Dieses Vertuschen fiel damals leicht, weil viele Ärzte an NS-Programmen beteiligt waren oder ihnen zumindest zugeliefert hatten. Andere hatten von der Vertreibung und Ermordung jüdischer Kollegen profitiert. Vor diesem Hintergrund war die Bereitschaft, NS-Verstrickungen aufzudecken, in der Nachkriegszeit gering.

Großes Problem: Der Begriff Asperger wird von vielen Betroffenen mit Stolz verwandt. Er gilt nicht als Stigma, sondern als Zeichen, etwas Besonderes zu sein. Nun wird der Begriff leiden, weil der Namenspatron in die mörderische Euthanasie-Politik verwickelt war.

Kra

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