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"Ich kann einfach nicht mehr": Burnout mit 26: Janne, ihr Studium, und diese Müdigkeit, die einfach kein Ende nimmt

Schule, Bachelor, Master: Mit Bravour meistert Janne, 26, ihre Ausbildung. Ohne Zwischenfälle, ohne Pausen, ohne Fragen. Doch das Ende kommt schneller als gedacht: Ein Burnout holt sie auf den Boden der Tatsachen.

Von Gesa Holz

Mädchen denkt nach

Burnout ist zu einer Krankheit geworden, die schon Studenten betrifft

Unsplash

Eigentlich ist sie auf den Geburtstag einer Freundin eingeladen. Eigentlich sollte sie mal wieder zum Sport gehen. Und eigentlich hätte sie einkaufen müssen. Tja, eigentlich. In Wahrheit liegt sie im Bett. Liegt einfach so da und starrt an die Decke. Die Tür zu ihrem WG-Zimmer geht auf und ihre Mitbewohnerin fragt, ob sie Lust hat, etwas trinken zu gehen. Ist etwa schon wieder Wochenende? Statt sich anzuziehen und auszugehen, rafft sie sich auf und macht sich Dosenravioli, das einzige was sie noch zu Hause hat. Während das Essen kocht, muss sie sich setzen. Zu müde ist sie, um zu rühren. Zu müde eigentlich, um überhaupt was zu essen. Zu müde, um einen klaren Gedanken zu fassen. So geht das viele Wochen, immer müder wird sie, immer seltener verlässt sie die Wohnung. 

"Ich kann einfach nicht mehr"

Janne, 26, ist gerade fertig mit ihrem Jura-Studium in einer Großstadt im Norden Deutschlands. Auf Wunsch möchte sie nur bei ihrem Vornamen genannt werden. Eigentlich könnte sie zufriedener nicht sein – guter Abschluss, tolle Freunde, das erste Jobangebot. Aber da ist diese Müdigkeit, die einfach kein Ende nehmen will. Nichts macht mehr Spaß. Alles ist zu anstrengend. 

Je mehr Wochen vergehen, desto stärker werden ihre Rückenschmerzen – die hatte sie doch eigentlich im Griff. Doch statt ihre Übungen zu machen, starrt sie in den Computer. Bei jedem Blick in den Spiegel sieht sie eine Stirn, übersät mit Pickelchen - wahrscheinlich von schlechtem Essen und zu wenig frischer Luft. 

Als sie an diesem Abend die Enttäuschung in der Stimme ihrer Freundin hört, hält sie inne. So kann es nicht weitergehen. Mit zittriger Stimme macht sie einen Termin beim Arzt. Ein erster Versuch Klarheit zu schaffen. Drei Tage später der Termin, dann die Diagnose: . Janne zweifelt: "Ich? Ein Burnout? Ich bin doch erst 26!“   

Burnout, was ist das eigentlich?

Nicht jede Erschöpfung ist gleich ein Burnout. Das Burnout-Syndrom ist ein ernstzunehmender Krankheitszustand. Es kommt zu einer psychischen, körperlichen und emotionalen Erschöpfung. Anfänglich ist es oft ein Gefühl von nachlassendem Interesse am Umfeld. Betroffene entfernen sich vom Freundeskreis, sind häufig gereizt. Dazu kommen Müdigkeit und teilweise auch Depressionen.

Dass das Burnout als Krankheit einiger gestresster Manager gilt, ist Vergangenheit. Heute finden sich Studenten der ersten Semester in den Wartezimmern der Psychologen. Laut einer Studie der AOK fühlen sich ein Drittel der Studenten müde und erschöpft. 15 Prozent von ihnen geben an, sich ausgebrannt zu fühlen. Hauptbeschwerde: zu hoher Leistungsdruck. Immer verbreiteter sind junge Leute, wie Janne, die innerlich ausgelaugt sind, bevor sie überhaupt in die Berufswelt einsteigen. Schon das Studium verlangt die volle Aufmerksamkeit und Eigenverantwortung. Ein Nebenjob ist wegen des enormen Leistungsdrucks für viele unmöglich.

Eine derartige Identitätskrise bahnt sich meist über mehrere Jahre an. Der Zustand entsteht nicht von heute auf morgen. Die Totalerschöpfung und das Gefühl einer ausgebrannten Seele beginnen oft mit zu hohen Erwartungen. Anfängliche Motivation, Ehrgeiz und Perfektionismus enden häufig in Selbstausbeutung.   

Zu gut erinnert sich Janne an Erzählungen ihrer Familie vom Studium, der besten Zeit ihres Lebens. Das soll sie gewesen sein, die beste Zeit ihres Lebens? Je öfter sie den Satz hört, desto mehr beginnt sie, an sich selbst zu zweifeln. Studenten sollten ausgehen, in Cafés am Laptop arbeiten, herausfinden was sie interessiert. Wenn es akzeptiert ist, dass jemand gelassen und vielleicht auch mal faul ist, dann Studenten. Aber wie sollte sie faul sein, wenn die Hausarbeiten sich türmen?

Nach der Begeisterung kommt die Erschöpfung

Anfangs war Janne begeistert vom Studium. Alles war neu und aufregend. Endlich alleine leben, endlich etwas lernen, was sie interessiert. Doch ihre Energie lässt schnell nach. Jeden Tag sitzt sie in Vorlesungen, die trockener nicht sein könnten. Ist sie nicht in der Uni, schreibt sie Hausarbeiten in der Bib. Gruppenarbeiten zerren an ihrer Geduld. Täglich lernt sie zwischen 10-15 Stunden, vieles davon einfach nur auswendig. Dass sie kaum noch Zeit mit anderen verbringt, merkt sie gar nicht.

Mit jedem Tag fühlt Janne sich gefangener in einem Studium, welches einem anspruchsvollen Job gleicht. Gefangen in einem Meer aus Möglichkeiten, von denen keine die richtige ist. Doch am meisten frustriert sie eins: Die Macht, mit der ihr das Studium eingeprügelt wird, nimmt ihr den Spaß am eigentlichen Thema. 

Janne ist nicht allein. Zusammen mit ihren Kommilitonen wacht sie morgens auf und wandert, wie ein Zombie, in die Bibliothek. Lernt für ein Examen, was sie nicht interessiert. Alles, worum es noch geht, ist der Kampf um gute Noten. Niemand ist mehr am anderen interessiert – man leidet zusammen, wird unnahbar zusammen. Auf keinen ist Verlass. Sie alle sind gelähmt von Zukunftsangst.

Wer ein hohes Ziel hat, fällt ganz besonders tief

Mit jeder Klausur wird Jannes Prüfungsangst größer. Was, wenn sie nicht genug gelernt hat? Was, wenn es nicht zum Bestehen reicht? Irgendwann kann sie sich nicht mehr konzentrieren, lässt sich Beruhigungsmittel verschreiben. Ein Semester dran zu hängen, kommt für Janne nicht in Frage. Tief verankert hat sich, was die Gesellschaft vorschreibt: Nur wer in Regelstudienzeit fertig wird, ist bei den Unternehmen gern gesehen. Nur wer gute Noten hat, bekommt auch einen Masterplatz. In den Semesterferien wird in einer Kanzlei gearbeitet. Anstelle von Urlaub studiert sie ein Semester im Ausland. 

Dann ist es soweit: der langersehnte Abschluss. Schon dort, zwischen Glückwünschen und Abschlussparties, merkt Janne, dass sie nicht mehr kann. Sie ist gereizt, übellaunig und ungeduldig. Immer öfter flucht sie wütend, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Zuhause bricht sie in Tränen aus, als ihr das Essen anbrennt. "Vielleicht war das Studium doch ein bisschen viel", sagt ihre Mutter. Doch Janne sieht die Fehler nur bei sich. Andere schaffen das Studium schließlich auch.

Diagnose: Burnout - im Alter von 26 Jahren

Der Besuch beim Arzt hat sie erschöpft. Das hat sie jetzt davon, denkt sie– Burnout mit 26. Zuerst kränkt sie die Diagnose. Sie fühlt sich als Versagerin. Janne braucht lange, um sich einzugestehen, dass sie allein nicht weiterkommt. Doch mit der Akzeptanz kommt auch ein Gefühl der Befreiung. Endlich weiß sie, was mit ihr los ist. Jetzt kann sie anfangen, sich um sich selbst zu kümmern. 

Gefährdet ist, wer die Erwartungen an sich selbst zu hoch setzt und damit an seine Grenzen kommt. Um sich von einem Burnout zu erholen ist es mit einer Auszeit nicht getan. Zuerst gilt es, den Stress zu verringern. Alltag und Leistung gehören in den Hintergrund, soziale Kontakte sind wichtig. Kurzfristig mag eine Erholungspause hilfreich sein, doch auf Dauer muss der Arbeitsrhythmus geändert werden um einem Rückfall vorzubeugen. Häufig muss das Leben eine neue Struktur bekommen – eine Therapie kann dabei hilfreich sein. Eine erste Anlaufstelle ist der Hausarzt oder auch ein Uni-Psychologe. Zusammen kann nach einer geeigneten Therapieform gesucht werden. Hilfe und weitere Informationen finden sie hier.

Bis jetzt weiß Janne aber nur eins: Kein Kurs, keine Prüfung, kein Praktikum war dieses Burnout wert. Für sie ist es ist an der Zeit, sich helfen zu lassen, die Freude am Leben wieder zu finden.


gho
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