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Burnout im Jugendalter: Die erschöpften Kinder

Burnout - das galt lange als typische Managerkrankheit. Doch der Psychologe Michael Schulte-Markwort behandelt mittlerweile immer häufiger Kinder mit Erschöpfungssyndrom. Schuld, sagt er, sei unser Leistungsdenken.

Von Anika Geisler

Ein Junge sitzt erschöpft auf einer Treppe

Ich kann nicht mehr! Immer häufiger wird schon bei Kindern und Jugendlichen Burnout diagnostiziert.

Herr Schulte-Markwort, mein Kind ist gestresst. Was mache ich falsch?

Stress ist nicht per se schlecht. Es gibt guten, und es gibt schlechten. Mit genügend Regenerationsphasen kann sich das Kind wieder erholen. Aber wenn es dauernd angestrengt ist, läuft etwas falsch. Dann müssen Sie sich das Leben Ihres Kindes genau anschauen - aber auch Ihr eigenes. 

Beim Stichwort Burnout denkt man an überarbeitete Manager. Sie stellen immer häufiger bei Kindern die Diagnose. Wie passt das zusammen?

Früher dachte ich auch: Burnout - das ist eine Krankheit von Erwachsenen, die im Arbeitsleben stehen. Aber seit fünf Jahren beobachte ich, dass in meiner Sprechstunde vermehrt ausgelaugte Kinder und Jugendliche sitzen. Sie können nicht schlafen, haben Schmerzen in Kopf, Rücken oder Bauch, ziehen sich von den Freunden zurück. Das sind klassische Symptome einer Erschöpfungsdepression - Burnout ist nur ein anderes Wort dafür.

 Wie alt sind diese Patienten?

Die jüngste war acht. Manchmal beginnen die Symptome am Ende der Grundschulzeit. "Wenn ich den Übergang aufs Gymnasium nicht schaffe, ist mein Leben gelaufen", höre ich dann. Ansonsten sind es hauptsächlich Jugendliche: Die meisten gehen aufs Gymnasium, viele haben 50 bis 60 Wochenstunden: Schule, Hausaufgaben, ein Instrument, eine Sportart.

Was sind die Ursachen für die Erschöpfung? Überambitionierte Eltern, die ihre Kinder zum Chinesischkurs schleppen?

Nein. Die Eltern fragen mich oft: "Wie schaffe ich es, dass mein Kind weniger macht?" Aber dennoch tragen sie ihren Teil bei. Die Kinder haben den Druck, sehr gut sein zu müssen, verinnerlicht. Sie haben das, was wir vorleben, mit der Muttermilch aufgenommen: das Renditedenken; dieses Es-muss-immer-mehr-Werden; das Gefühl, nie zu genügen. Das wichtigste Prinzip unserer Gesellschaft haben sie gelernt: Wer nichts leistet, hat verloren.

Wie viele Kinder leiden unter einer Erschöpfungsdepression?

Schätzungsweise drei Prozent, das ist die Größenordnung von Essstörung oder ADHS. 

Welche Rolle spielen die Mütter, welche die Väter?

 

Oft sind beide Elternteile angestrengt; dieses Gefühl überträgt sich auf die Kinder. Die Mütter zerreißen sich: Sie arbeiten nach der Babypause schnell wieder, machen den Haushalt, helfen bei den Hausaufgaben. Die Väter sind häufig beruflich in einer Mühle, aus der sie eigentlich rauswollen: Arbeitsverdichtung, Effektivitätssteigerung. Viele Väter reden nicht gern über Gefühle - die nehmen die Beschwerden der Kinder nicht ernst.

Bei Erwachsenen mit Burnout meinen viele: Das sind Weicheier, die sollen sich nicht so anstellen.

Ich muss gestehen, dass ich das früher auch dachte: Burnout - das haben Erwachsene, die nicht so belastbar sind. Auch bei den Kindern dachte ich anfangs: Die sind besonders empfindlich. Aber mit der Annahme, dass stressresiliente Menschen nie ein Burnout bekommen, beginnt der Irrtum. Denn: Wer sich immer mehr auf die Schultern packt, kann irgendwann nicht mehr regenerieren. Am Ende kann man jeden ins Burnout treiben - da sollte sich keiner darüber erheben. 

Die Eltern könnten doch sagen: "Lass mal Fünfe gerade sein."

Der Ratschlag ist zynisch. Die Kinder sehen ja, dass die Eltern auch nicht langsamer machen. Sie sind an einem Punkt, dass nur die 100-prozentige Leistung zählt. Die Ermunterung, nur 60 Prozent zu bringen, ist wie eine Aufforderung zu einer schlechten Note. Bei meiner Tochter im Jahrgang, die gerade Abi macht, gilt ein Schnitt von 1,7 als schlecht, weil man bestimmte Fächer nicht studieren kann. 

Wie behandeln Sie Ihre Patienten?

Manchen gebe ich anfangs ein leichtes Antidepressivum, damit sie überhaupt wieder schlafen können und fähig sind, eine Psychotherapie zu machen. Ich spreche mit den Eltern, manchmal sogar mit den Großeltern. Gemeinsam mit den Kindern schaue ich mir den Wochenplan an: Was ist wie wichtig? Was kann man weglassen? Wir erarbeiten zusammen Lernpläne. In der Gesprächstherapie geht es oft um das Selbstwertgefühl: Wer sind meine Vorbilder? Was passiert, wenn ich scheitere? 

Sind die bürgerlichen Statusattribute - Ballett, Geige - Stressfaktoren, von denen wir uns trennen sollten?

 Musik und Sport sind gut. Ich finde es nur schrecklich, wenn den Kindern durch das Übenmüssen die Freude an dem Instrument ausgetrieben wird. Besser sollten sich Musiklehrer und Eltern darauf verständigen, dass eine Stunde Unterricht pro Woche reicht. 

Ist Kinder-Burnout ein Problem der höheren Schichten, wo man unbedingt Medizin oder Jura studieren will?

Nicht ausschließlich. Ich habe auch andere Fälle, den zwölfjährigen Felix etwa: Die Eltern sind Einzelhändler, er wurde wegen seiner Tollpatschigkeit in der Klasse ausgegrenzt und kam bei schriftlichen Arbeiten nie mit der Zeit hin. Der IQ-Test ergab, dass er eine Teilleistungsstörung hat - das war der Grund für die Angestrengtheit.

Teilleistungsstörung - was bedeutet das?

Etwa fünf Prozent aller Kinder haben diese Beeinträchtigung eines spezifischen Teils ihrer Intelligenz. Bei Felix war es zum einen die  

Augen-Hand-Koordination, sodass er Schreibarbeiten langsamer erledigen konnte und beim Spielen ungeschickter war. Zum anderen war es sein akustisches Kurzzeitgedächtnis. Das sind die Kinder, zu denen Sie sagen: Hol mal das - und auf dem Weg wissen sie nicht mehr, was sie machen sollten. Die gelten dann als unkonzentriert und disziplinlos. In solchen Fällen rede ich manchmal mit den Lehrern. Denn diese Kinder brauchen mehr Unterstützung bei der Integration in die Klasse und in den Prüfungen mehr Zeit - das nennt man Nachteilsausgleich. 

Wie reagieren die Lehrer?

Vor 20 Jahren fragten sie: "Legasthenie, was ist das?" Heute sagen viele, dass Kinder mit einer Teilleistungsstörung nicht aufs Gymnasium gehen sollten. Die halten das Kind dann für global dumm - und das stimmt eben nicht. 

Kritiker werfen Ihnen Panikmache vor, Sie seien ein Kinderkrankmacher.

Eben hat mich der Direktor einer Schule, an die mich eine Lehrerin für einen Vortrag einladen wollte, wieder ausgeladen. Mit dem Hinweis, ich würde den Schülern einreden, dass sie Burnout haben könnten. Aber ich brauche keine neuen Patienten, die Wartelisten sind lang. 

In Ihrem Buch "Burnout-Kids" kritisieren Sie die Schulen und Lehrer harsch.

Ja. Schlechtes Schulklima ist auf unserem letzten Fachkongress als Risikofaktor für psychische Erkrankungen definiert worden. Ich höre seit 20 Jahren die Klagen der Kinder über die Schule. Ich kann einen Teil der Lehrer nicht vor der Kritik in Schutz nehmen. In Deutschland geht es meist um die Defizite des Kindes, selten um das, was es kann. In vielen Schulen herrscht eine Pädagogik aus Schuldzuweisung und Überforderung, es wird nicht Wissen vermittelt, sondern Disziplin. Aus den Jahrbüchern meiner Kinder, die auf ein altsprachliches Gymnasium gehen oder gingen, habe ich Lehrersprüche herausgeschrieben: "Beweg deinen Arsch hierher"; "Du bist dumm wie Brot"; "Bei mir gibt es keine Eins". Warum schämen sich diese Lehrer nicht? 

Aber es gibt auch moderne, gute Lehrer.

Ja, aber zu wenige. Tolle Lehrer lernen viele Schüler oft erst im Auslandsjahr kennen. Dann erzählen sie: Der hat sich bei mir entschuldigt, weil er etwas nicht gut erklärt hat. 

Als Chefarzt leben Sie doch auch selbst das Prinzip Leistung vor.

Dazu muss ich sagen: Im Abi hatte ich einen Schnitt von 2,5. Ich habe fünf Jahre auf meinen Studienplatz gewartet und in der Zeit unter anderem als Pflegehelfer gearbeitet. Aber es stimmt schon - ich bin ein typischer Vertreter der leistungsgetriebenen Generation, bei der der volle Terminkalender ausdrückt, wie wichtig man ist. Manchmal bin ich auch kein guter Chef. Wenn sich jemand mit einer Erkältung krankmeldet, kriege ich intuitiv einen verächtlichen Gesichtsausdruck. Leider. Ich schätze mich nicht dafür.

 Sind Sie ein guter Vater? 

Für meinen Sohn und meine Tochter bin ich vermutlich ein abschreckendes Beispiel. Sie sind damit aufgewachsen, dass das Leben zu einem Großteil aus Arbeit besteht. Ich war sicher zu wenig zu Hause. Inzwischen habe ich gelernt, Pausen zu machen, Dinge zu genießen - mit meiner Familie und für mich allein.

 Was raten Sie Eltern, die ihre Kinder vor einem Burnout bewahren wollen? 

Schauen Sie sich den Kalender des Kindes an: Was kann man weglassen? Kämpfen Sie für Ihr Kind in der Schule. Sagen Sie ihm, dass es Ihnen wichtig ist. Versuchen Sie, Inseln der Gemeinsamkeit zu schaffen: zusammen essen - ohne Handys am Tisch; spielen; nebeneinander sitzen und lesen. Leben Sie vor, dass es Entspannung und Genuss gibt. Wer selbst im Hamsterrad läuft und sagt, mach mal langsamer, ist für seine Kinder nicht glaubhaft.

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