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Sonntagsblues und Alltagsstress: "Wir Deutschen machen uns ziemlich viel Druck"

Sonntagsblues und Leistungsdruck - Psychologe Tim Hagemann sprach mit uns über Stress, seine Folgen, wann Druck kein guter Berater ist - und warum uns Deutschen etwas mehr Gelassenheit gut tun würde.

Von Mirja Hammer

Tim Hagemann forscht u.a. zum Thema Arbeits- und Gesundheitspsychologie und Burn-Out-Prävention. Sein Rezept gegen Stress: Probleme, die man lösen kann, zeitnah angehen - zu allen anderen Belastungen eine innere Gelassenheit aufbauen.

Tim Hagemann forscht u.a. zum Thema Arbeits- und Gesundheitspsychologie und Burn-Out-Prävention. Sein Rezept gegen Stress: Probleme, die man lösen kann, zeitnah angehen - zu allen anderen Belastungen eine innere Gelassenheit aufbauen.

Der gute alte Sonntagsblues: Herr Hagemann, wieso stresst viele der Gedanke an den Montagmorgen?

Sogenannte Sonntagsdepressionen betreffen vor allem jene, die sich nicht sicher sind, ob sie ihren beruflichen Anforderungen gewachsen ist. Stress entsteht, wenn man vor einer Situation steht, die als Herausforderung oder gar Bedrohung gesehen wird und auf die man reagieren muss - ohne zu wissen, ob man genügend Ressourcen wie Zeit, Kompetenzen oder Unterstützung hat. Allein der Gedanke an die bevorstehende Arbeitswoche kann erhöhten Blutdruck und Herzklopfen verursachen.

Da klingt der Sonntagsblues wie der Kampf ums nackte Überleben.

Gewissermaßen ja. Sobald wir auf eine Bedrohung stoßen - früher war es eher ein wildes Tier, heute sind es der Chef oder ein kompliziertes Projekt - sind wir im Alarmzustand: Stresshormone werden ausgeschüttet, woraufhin Gehirn und Muskeln stärker durchblutet werden, damit wir schneller laufen, stärker zuschlagen und fokussierter denken können.

Hört sich so an, als könnten wir besser arbeiten, wenn wir unter Stress stehen.

Zumindest erst mal konzentrierter. Die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol führt dazu, dass wir wacher und fokussierter sind. Doch Stress erzeugt auch einen Tunnelblick, alles Denken kreist dann nur noch um das zu lösende Problem. Evolutionär betrachtet macht es Sinn, bei einer Bedrohung alle Sinnesreize auf die Gefahr zu lenken. Doch in unserer komplexen Arbeitswelt schaffen wir es dann leider nicht mehr, andere Gedanken zuzulassen, die auch zu Lösungen führen könnten. In Krisenzeiten sind Unternehmen daher selten innovativ. Dauerstress hemmt die Kreativität und Problemlösungskompetenz. Und auch kurzzeitiger Druck führt nur dann zu guten Leistungen, wenn die Überzeugung herrscht, dass man die Aufgabe gut meistern kann.

Je selbstbewusster ich bin, desto weniger Stress habe ich?

Ja ganz klar. Man spricht vom Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit. Wenn der stark ausgeprägt ist, sind Sie gegen Stress immuner, weil Sie überzeugt sind, dass Sie Probleme lösen können.

Wie kann man den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit stärken?

Zum einen durch Erfahrung. Menschen, die beispielsweise als Schüler oder Studenten länger im Ausland waren, haben später weniger Stress, wenn sie beruflich ins Ausland gehen müssen. Sie wissen ja, dass sie es schaffen. Zum anderen durch soziale Unterstützung. Das beginnt damit, dass Eltern ihre Kinder darin bestärken, dass sie etwas können. Aber auch Führungskräfte können ihren Mitarbeitern Mut machen, neue Dinge auszuprobieren und sie darin unterstützen.

Immer öfter ist von stressbedingten Krankheiten und Burn-Out die Rede. Hat der Stress auf jeden Einzelnen zugenommen?

Was auf jeden Fall zugenommen hat, ist der Grad der Unsicherheit. Die Welt wird immer komplexer und dynamischer und die Einflussfaktoren auf jeden einzelnen werden immer zahlreicher. Wenn die Chinesen keine Lust mehr auf Luxusautos haben, bekommen wir in Deutschland ein Problem. Zudem hat der einzelne Mensch eine enorme Entscheidungsvielfalt bekommen. Als junger Mensch kann man unter mehreren hundert Ausbildungen oder mehreren tausend Studiengängen auswählen - im In- oder Ausland. Die Kehrseite dieser Multioptionalität: Scheitere ich beruflich oder privat, bin ich selbst verantwortlich - ich hätte ja auch einen anderen Weg einschlagen können. Früher hatte man bei allem weniger Auswahl. Das heißt nicht, dass es früher besser war, aber es kann natürlich Stress bedeuten, für alles was man tut, die Verantwortung tragen zu müssen. Die Handlungsspielräume sind zwar größer geworden, doch gleichzeitig ist die Zukunft ungewisser geworden. Die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, ist heute größer.

Die German-Angst…

Ja, man kann es schon als ziemlich deutsches Phänomen betrachten, wir machen uns sehr viel Druck. Wir haben Angst zu scheitern, den Job zu verlieren und nicht zu wissen, wie es weitergeht. In den USA ist die Mentalität eine andere. Da gab es nie diese Sicherheit, viele können von heute auf morgen gekündigt werden. Aber dort herrscht eine höhere Bereitschaft, sich auch unter der eigenen Qualifikation mit einem Job über Wasser zu halten oder eben auch wegzuziehen. Amerikaner haben über einen viel längeren Zeitraum gelernt, dass es schon weitergeht.

Die Deutschen sind da deutlich sicherheitsbedürftiger.

Ja, mit dem Thema Sicherheit konnte man in Deutschland lange Zeit Wahlen gewinnen. Das lässt sich natürlich aus unserer Geschichte erklären, die durch viele Kriege und Wirtschaftskrisen geprägt ist. Und auch Brüche im Lebenslauf werden noch immer kritisch gesehen - die aktuellen Rahmenbedingungen und die Mentalität passen in Deutschland nicht immer zusammen.

Mechanismen zur Stressvermeidung

Ab wann wird Stress problematisch oder gar pathologisch?

Dann, wenn er zum Dauerzustand wird. Bei Stress fließt die Energie vor allem in die Durchblutung der Muskulatur und des Gehirns, um unsere Leistungsfähigkeit zu steigern. Anderen Funktionen, wie der Verdauung oder dem Immunsystem, wird dagegen Energie entzogen. Zusätzlich hemmt das freiwerdende Cortisol die Immunantwort. In Stressphasen haben so gefährliche Erreger die Möglichkeit, sich im Körper zu vermehren. In Versuchen sterben Tiere mit Tumoren, die zusätzlich unter Stress gesetzt werden, schneller. Aber die Folgen von Stress lassen sich auch im Kleineren beobachten: Während einer längeren Stressphase, etwa in der Prüfungszeit, wird das Immunsystem geschwächt. Lässt der Stress nach, läuft es wieder auf "Hochtouren" und bekämpft die Erreger, die sich breit gemacht haben - dann wir fühlen uns oft matt und müde.

Wie kann man Stress vermeiden und seine Gesundheit schonen?

Es gibt zwei Mechanismen. Zum einen den Aktiven, dass man versucht die Probleme anzugehen, Kompetenzen aufzubauen und Probleme - gegebenenfalls durch Unterstützung - zu lösen. Etwa eine ungeliebte Aufgabe, wie einen unangenehmen Anruf, zuerst erledigen. Das verhindert, dass man sich den ganzen Tag mit dem Gedanken daran unter Stress setzt. Zum anderen gilt es, gedankliche Strukturen zu beleuchten und bestimmten Situationen den Bedrohungscharakter zu nehmen. Fragen Sie sich: Was kann im schlimmsten Fall passieren und ist dieser Worst Case wirklich so schlimm? Manchen hilft es auch, sich zu sagen: "Okay, ich falle vielleicht durch eine Prüfung. Aber was ist das im Gegensatz zu der Bedrohung, der sich Menschen in Kriegsgebieten ausgesetzt sehen?". Das mag zynisch sein, aber es hilft, sich klar zu machen, wie gut es einem geht - mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Das Auflösen solcher Angstketten schafft Beruhigung und eine Herausforderung kann so auch als Chance begriffen werden.

Wie können Arbeitgeber ein stressarmes Arbeitsumfeld schaffen?

Vor allem, indem sie ihren Mitarbeitern Orientierung bieten. Alle Beteiligten sollten möglichst genau wissen, was die Ziele sind, welche Strategien gefahren werden und was in fünf oder zehn Jahren sein wird. Ist diese Sicherheit nicht gegeben, sollte das ebenfalls kommuniziert werden. Am besten arbeiten Menschen in einem druck- und angstfreiem Umfeld, das Orientierung, Transparenz, Unterstützung, Feedback, Wertschätzung und Sinnhaftigkeit vermittelt.

Das hieße also für jeden Einzelnen: Wer sich Orientierung verschafft, hat weniger Stress.

Ja, da ist auch Selbstmanagement gefordert. Fragen Sie sich, was Ihnen wirklich wichtig ist. Stelle ich diese Frage Managern, nennen sie meist erst Familie und Gesundheit und dann ihren Beruf. Wenn ich frage, was sie im Einzelnen für ihre Prioritäten tun, dann zeigt sich, dass viele der täglichen Entscheidungen nicht zugunsten von Familie und Gesundheit getroffen werden, sondern für den Job. Einfaches Beispiel: "Arbeite ich jetzt noch länger oder gehe ich zum Sport?" Wenn man sich wirklich bewusst macht, was einem wichtig ist, dann setzt man seine Prioritäten leichter und nimmt eine kritische Rückmeldung auch besser hin. Übernehmen Sie also Verantwortung: überlegen Sie sich, wo Sie stehen, wo Sie hinwollen und in letzter Konsequenz dann auch, ob Sie in Ihrem Job wirklich glücklich sind, wenn Sie immer nur gestresst oder schlecht drauf sind. Flüchten ist manchmal besser als wie das Kaninchen vor der Schlange in einer Stresssituation zu verharren.

Mirja Hammer
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