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Gesundheitsrisiko Einsamkeit: Fünf Gründe, warum Freunde wichtig sind

Zusammen ist man nicht nur weniger allein, sondern auch weniger krank. Einsame Menschen leben ungesünder und sterben häufiger an Herzleiden. Zeit, dass wir Freunden einen neuen Stellenwert beimessen.

Zusammen ist man weniger allein - und krank.

Zusammen ist man weniger allein - und krank.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das andere Menschen wie die Luft zum Atmen braucht. Wir brauchen Austausch, Zuneigung, Verständnis, Trost - und auch schlichtweg einen Partner zur Fortpflanzung. Soziales Verhalten trägt bis heute dazu bei, dass es uns als entwickelte Spezies gibt. Und gleichzeitig ist der Einzelne so ausgestattet, dass er auf Gemeinschaft gepolt ist: Wir haben neuronale, hormonelle und genetische Mechanismen entwickelt, die dafür sorgen, dass wir uns in Beziehungen, Gemeinschaften und Gesellschaften organisieren.

Doch der Lebensstil moderner Gesellschaften fördert eine Kultur von Einzelgängern und lässt soziale Strukturen bröckeln. Vereinsamung - vor allem im Alter - ist ein zunehmendes Problem westlicher Industrienationen. 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung gelten als chronisch einsam.

Dass wachsende Einsamkeit eine Gesellschaft vor neue gesundheitliche Herausforderungen stellt, darin sind sich Wissenschaftler heute einig. Schon 1984 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als "mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit" definiert. Menschen mit wenigen emotionalen Bindungen haben eine halb so hohe Überlebenswahrscheinlichkeit wie jene mit engen Freunden.

Einer, der seit Jahrzehnten erforscht, wie sich Einsamkeit körperlich und seelisch auswirkt, ist der Neurowissenschaftler John Cacioppo von der Universität Chicago. "Soziale Isolation verringert die Lebenserwartung von Taufliegen, Menschen und allen dazwischen einzuordnenden sozialen Tierarten", schreibt er in seinem Buch Einsamkeit. Woher sie kommt, was sie bewirkt, wie man ihr entrinnt. "Allein zu sein ist nicht nur gefährlich, es ist tödlich."

Die Wege, auf denen Einsamkeit krankt macht, sind dabei verschiedene - allen gemein ist, dass sie über lange Zeit unsichtbar sind und sich schleichend entwickeln. Cacioppo beschreibt sie als "zermürbende Verschleißprozesse". Gemäß seinen und anderen Studienergebnissen lassen sich im Wesentlichen fünf Gründe herausfiltern, warum chronische Einsamkeit krank macht.

1. Einsame geben weniger Acht auf sich

Menschen, die sich einsam fühlen, neigen eher zu einem gesundheitsgefährdenden Lebensstil als gut eingebundene Menschen. Psychologen um Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith von der Brigham Young University analysierten 148 Studien mit insgesamt 308.000 Menschen, die sich mit dem Zusammenhang von sozialen Netzwerken und dem Sterberisiko beschäftigen. Das Ergebnis: Menschen mit einem guten Freundeskreis haben eine bis zu 50 Prozent höhere Chance alt zu werden. Fehlten dagegen soziale Bindungen, habe das ähnliche Auswirkungen wie 15 Zigaretten am Tag oder Alkoholismus und sei fast doppelt so schädlich wie Fettleibigkeit. Die Autoren erklären den Zusammenhang damit, dass Menschen in Gruppen verantwortungsvoller seien, was sich auf den Umgang mit sich selbst übertrüge.

Cacioppo beobachtete ebenfalls einen Zusammenhang zwischen sozial zufriedenen Menschen und einer gesunden Lebensweise. Er differenzierte dabei noch zwischen sozialer Isolation und dem Gefühl, sozial isoliert zu sein. Ältere, sozial zufriedene Menschen waren körperlich rund 40 Prozent aktiver als jene Älteren, die sich alleine fühlten. Einsame aßen zudem fetthaltiger.

Gesundheitsfördernde Maßnahmen wie Sporttreiben oder eine gesunde Ernährungsweise bedürften einer gewissen Willenskraft, die durch ein soziales Netzwerk verstärkt - durch Einsamkeit aber eher unterminiert würde, so Cacioppo.

2. Einsame empfinden mehr Stress

Cacioppo beobachtete, dass die Anzahl der Stressoren, also jene Faktoren, die uns Stress machen, bei älteren einsamen Menschen deutlich erhöht waren. Bei jungen Menschen waren sie in etwa gleich hoch, egal wie einsam oder integriert sie sich fühlten. Cacioppo folgert daraus, dass das mit Einsamkeit einhergehende Selbstschutzverhalten (siehe Punkt 3) im Laufe der Jahre dazu führt, dass Einsame mehr soziale Probleme bekommen.

Häufig käme hinzu, dass einsame Menschen aufgrund ihrer "problematischen sozialen Reaktionen "in frustrierenden Jobs feststeckten, weil sie seltener gute Positionen und dadurch selten mehr Entscheidungsgewalt bekämen, so Cacioppo. Die Folge sei ein erhöhter Stresslevel bei der Arbeit.

3. Einsame sind weniger resilient

Menschen, die sich selbst als einsam beschrieben, fühlten sich in einem stärkeren Maße hilflos und bedroht - und das ganz unabhängig von der Menge der tatsächlich einwirkenden Stressfaktoren. Sie empfanden Belastungen stärker, erfreuliche, aufbauende Momente dagegen schwächer.

Fühlen sich Menschen einsam, wittern sie in jedem Stressor - etwa einer Streitsituation - eine Gefahr und nicht eine Herausforderung. Statt mit Optimismus und aktiv den Stressor anzugehen, oder sich emotionale Hilfe und Entlastung zu suchen, entwickelten sie viel mehr passive Vermeidungsstrategien oder legten Pessimismus an den Tag.

4. Einsamkeit schwächt das Immunsystem und schädigt das Herz-Kreislauf-System

Anhand physischer Parameter konnten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen dem Einsamkeitsgefühl und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer Schwächung des Immunsystems feststellen. Einsame Probanden hatten eine erhöhte Konzentration des Stresshormons Adrenalin im Urin. Dass Stress das Immunsystem schwächt, bewies zuvor eine Studie an Studenten, die während einer Prüfungsphase Stress ausgesetzt waren. Ließ der Stress nach, wurden die Studenten krank, weil das Immunsystem die während der geschwächten Phase verbreiteten Erreger bekämpfte. Einsame Studenten waren noch stärker betroffen.

Gaben die Probanden an, sich einsam zu fühlen, so war auch die Cortisol-Konzentration im Speichel erhöht. Cortisol ist jenes Stresshormon, das uns im Ernstfall abwehrbereit macht und unter anderem entzündungshemmend wirkt, um möglichen Verletzungen vorzubeugen. Zudem stellten die Forscher bei älteren, chronisch-einsamen Menschen eine Veränderung der DNA-Transkription fest. Die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Cortisol war dadurch geschwächt. Entzündungen konnten daher nicht gelindert werden und wurden chronisch, was Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. Auch Forscher der Harvard Universität stellten 2012 fest, dass Menschen, die alleine leben, ein 24 Prozent höheres Risiko haben, an einem Herzleiden zu sterben, als jene, die in Beziehungen leben.

Doch Einsamkeit wirkt sich auch anderweitig auf das Herz-Kreislauf-System aus, stellten die Forscher der Chicago Universität fest. Bei Probanden, die passive Bewältigungsstrategien an den Tag legten, verengten sich die Blutgefäße mit steigendem Stresspegel. Bei chronischer Einsamkeit, erhöhte sich somit auch der Blutdruck dauerhaft. Gleichzeitig, so Cacioppo, seien die Betroffenen weniger dazu imstande, auf stressreduzierenden Effekte wie etwa Trost oder Nähe zurückzugreifen.

5. Einsam schläft es sich schlechter

Lianne Kurina von der Universität in Chicago sowie Cacioppo haben den Einfluss von Einsamkeit auf die Schlafqualität untersucht. Das Resultat: Je einsamer die Teilnehmer sich fühlten, desto schlechter schliefen sie. "Schlafmangel hat , wie wir wissen, Auswirkungen auf die metabolische, neuronale und hormonelle Regulation, die sehr der Wirkung des Alterns ähneln", so Cacioppo.

Ein Auftrag an uns und die Gesellschaft

Als Konsequenz aus diesen Befunden fordern Forscher schon seit längerer Zeit die Anerkennung eines schwachen sozialen Umfelds als Gesundheitsrisiko. Dass fehlende soziale Beziehungen ein Risikofaktor für einen frühen Tod seien, sei weder bei Gesundheitsbehörden noch in der Öffentlichkeit bekannt genug, kritisierten Holt-Lundstad Smith bereits 2010. Ärzte und andere Gesundheitsexperten sollten das soziale Umfeld ebenso ernstnehmen wie Tabakkonsum, Ernährung und Sport.

Sobald uns bewusst würde, dass Einsamkeit denselben Stellenwert wie andere Risikofaktoren habe, sollten wir uns vermehrt motivieren, unsere soziale Zufriedenheit zu steigern - auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene, fordert auch Cacioppo.

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