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Suizid-Verhalten in Deutschland: Einsamkeit und falsches Ehrgefühl

10.000 Suizide jährlich, betroffen sind meist Männer oder Ältere. Was sagt das über unsere Gesellschaft und was kann sie dagegen tun? Ein Gespräch mit Georg Fiedler von der Deutschen Suizidprävention.

Von Mirja Hammer

Es sterben mehr Menschen durch eigene Hand, als durch die Hand anderer - also durch Krieg, Mord oder Totschlag. Allein in Deutschland nehmen sich jährlich 10.000 Menschen das Leben - weitere 100.000 versuchen es. Von jedem Suizid sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als sechs weitere Personen betroffen – nicht selten sind sie danach selbst auf Hilfe angewiesen.

Experten sind sich einig: Viele Suizide könnten verhindert werden, wenn den Betroffenen nur rechtzeitig geholfen würde und der Zugang zu Suizidmethoden (Waffen, Medikamente, Chemikalien, Bauwerke) erheblich eingeschränkt würde. Daher erinnert die WHO jährlich am 10.September, dem Welttag der Suizidprävention, die nationalen Präventionsmaßnahmen zu verstärken. In Deutschland setzt sich bereits die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention dafür ein, die Zahl der Selbsttötungen bis 2020 um 10 Prozent zu reduzieren. Der stern sprach mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Georg Fiedler über das Suizidverhalten der Deutschen, den Tod von Robin Williams und die Rolle von Medien und Regierung bei der Prävention.

Herr Fiedler, in Deutschland sterben durch Suizide rund doppelt so viele Menschen wie bei Verkehrsunfällen. Welche sind die häufigsten Ursachen von ?

In 90 Prozent der Fälle liegt wohl eine psychische Erkrankung zugrunde, wie Anpassungsstörungen, Psychosen oder Suchterkrankungen. Doch auch krisenhafte Zuspitzungen können eigentlich gesunde Menschen in den Suizid treiben. Eine psychische Krankheit ist aber keinesfalls eine notwendige oder hinreichende Voraussetzung für Suizidalität. Meist entwickeln sich suizidale Gedanken aus Verlusterlebnissen, etwa den Verlust einer wichtigen Bezugsperson, von körperlichen Fähigkeiten oder von Unabhängigkeit.

Von solchen Verlusten sind ja vor allem ältere Menschen betroffen. Jede zweite Frau, die sich hierzulande das Leben nimmt, ist über 60…

Ja das stimmt. Dass sich Menschen höheren Alters häufiger umbringen, ist vor allem in mitteleuropäischen Kulturkreisen weit verbreitet. In den ist das Suizidaufkommen in der weißen Bevölkerung vom Alter her ähnlich verteilt wie bei uns. Bei der schwarzen US-Bevölkerung dagegen gibt es keinen deutlichen Anstieg im höheren Lebensalter - vermutlich aufgrund eines stärkeren familiären Zusammenhalts.

Aber auch unter Jugendlichen ist Suizid nach Unfällen die häufigste Todesursache. 15 bis 25-Jährige weisen die höchste Rate an Suizidversuchen auf. Woran liegt das?

In diesem Alter sind Suizidgedanken sehr häufig, aber selten pathologischer Natur sondern vielmehr ein entwicklungspsychologisches Phänomen. In der Adoleszenz beschäftigen sich viele mit Fragen um Leben und . Junge Frauen unternehmen daher die meisten Suizidversuch. In diesem Alter sind suizidale Gedanken in der Regel nicht lebensgefährlich. Beschäftigt sich jemand aber nur noch mit seinem Problem, etwa einer psychischen Erkrankung oder traumatischen Erlebnisse und zieht sich zurück, so kann natürlich ein Suizid stattfinden. Davon sind überwiegend männliche Jugendliche betroffen.

Männer bringen sich generell deutlich häufiger um, als Frauen. Warum?

Das hängt mit unserer Sozialisation zusammen - das Credo "Männer lösen ihre Probleme selbst" ist bei vielen noch immer verankert. Frauen suchen eher Hilfe, reden über ihre Probleme. Bei Suizidgedanken ist das Sprechen ein präventiver Faktor. Aber es gibt einen Wandel, es kommen schon mehr Männer in die Beratungsstellen als noch vor 10 Jahren.

Aus welchen Gründen verüben Männer Suizid?

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist der Grund, verlassen geworden zu sein, auffällig häufig. Der Mythos "She dies for Love, he dies for Glory" stimmt so also nicht. Männer verkraften es sogar weniger gut, wenn sie verlassen werden als Frauen. Alte Männer sterben daher häufig nach dem Tod der Frau, und vor allem ältere Witwer haben ein gesteigertes Suizidrisiko. Partnerschaftsverluste können Männer schlechter kompensieren. Altern geht bei Männern oft mit dem Verlust von Macht, sozialen Kontakten und letztlich auch Potenz einher. Frauen dagegen haben auch im Alter meist ein gutes soziales Netz. Kinder sind ein protektiver Faktor - bei Frauen bis die Kinder 18 Jahre alt sind, bei Männern dagegen nur in den ersten zwei Jahren.

Die Regierung muss dringend mehr Verantwortung übernehmen

Stimmt es, dass eine hohe Arbeitslosigkeit Suizide begünstigt?

Es gibt Untersuchungen, die auf einen Zusammenhang hinweisen. Hinzu kommt natürlich, dass psychisch kranke Menschen eher von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Aber Arbeitslosigkeit an sich macht nicht suizidal. Es ist das Verlusterlebnis, das dahinter steht: der Verlust von Kontakten und Ansehen. Suizid ist immer eine Reihe verschiedener Einflussfaktoren. Es reicht nicht zu sagen, "die Freundin hat mich verlassen", oder "mein Beruf stresst mich". Die nennt rund 30 Einflussfaktoren, darunter biographische, biologische und gesellschaftliche, die zusammenwirken. Deshalb sind vereinfachte Erklärungen wie im Falle von Robin Williams, er habe Depressionen gehabt, unsinnig und auch gefährlich.

Durch den Fall Robin Williams sind die Medien wieder in den Fokus der Suizidprävention gerutscht. Glauben Sie, dass die Berichterstattung zu Suizid-Nachahmungen führt?

Ob Folgesuizide stattfinden, hängt vom Identifikationspotenzial ab. Wie hoch das hierzulande mit Robin Williams ist, bleibt abzuwarten. Sehr gut bei der Berichterstattung war, dass sie sich überwiegend in Trauer ausgedrückt hat und nicht etwa in heroisierenden, den Suizid romantisierenden Darstellungen. Aber ein sehr großes Problem war die schnelle Zuschreibung einer Ursache: Depression, seine Suchtbiographie und schließlich noch Parkinson. Was davon mit seinem Suizid zu tun hat, weiß man letztlich nicht. Solche vereinfachten Zuschreibungen sind insofern gefährlich, als dass sich Menschen mit ähnlichen Erkrankungen selbstgefährdet sehen: Wenn Robin Williams das nicht schafft, dann schaffe ich es womöglich auch nicht.

Seit einem Hoch in den 1980er Jahren sind die Suizide in rund um die Hälfte zurückgegangen. Wie kam das?

Das hat verschieden Einflussfaktoren. Zum einen liegt es an einer besseren medizinischen Versorgung durch die Psychatriereform anfang der 80er. Seither gibt es viel mehr kleinere psychiatrische Krankenhäuser und Ambulanzen. Die psychologische und psychiatrische Versorgung ist näher an die Menschen herangerückt. Zudem gibt es bessere Medikamente gegen Depressionen oder Psychosen. Früher beschränkten sich Präventionsmaßnahmen darauf, Menschen aktiv vom Suizid abzuhalten. Heute hilft man Menschen, sich aus den Krisen herauszubewegen, indem man ihnen Angebote macht. Letztlich ist die Öffentlichkeit sensibler geworden, es wird mehr darüber gesprochen und Suizid zunehmende enttabuisiert. Das trägt entscheidend zur Prävention bei.

Was muss sich noch ändern im öffentlichen Bewusstsein?

Es muss als gesellschaftliche Aufgabe begriffen werden, sprich die Politik muss sich auch stärker in der Verantwortung sehen. Im Rahmen der WHO-Staaten gibt es eine Selbstverpflichtung, die Suizidraten in den jeweiligen Ländern bis 2020 um 10 Prozent zu senken. Die Bundesregierung sollte alle Mittel, die sie zur Verfügung hat, nun auch einsetzen.

Was kann die Regierung denn gegen Selbsttötungen unternehmen?

Jede Menge. Sie kann Initiativen zur Suizidprävention fördern, oder den Ausbildungs-Lehrplan von psychosozialen Berufen beeinflussen. Sie kann gesetzliche Verordnungen erlassen, damit beispielsweise Gebäude abgesichert werden. Weiterhin kann sie dafür sorgen, dass es niedrigschwellige Angebote gibt. Deutschland hat als eines von wenigen Ländern ein nationales Suizidpräventionsprogramm, aber im Unterscheid zu anderen Ländern wird es hier ehrenamtlich betrieben. Die Mitarbeiter arbeiten überwiegend auf eigene Kosten und in ihrer Freizeit.

Mirja Hammer

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