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Burnout im Job: Jung, ehrgeizig, erschöpft

Unternehmen treiben ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen an. Gleichzeitig wollen sie verhindern, dass die Zahl der Gestressten immer weiter steigt. Ein Balanceakt, der nicht immer gelingt.

Von Katharina Zingerle

Noch immer ist Burnout in Firmen ein Tabu. Betroffene leugnen das Problem häufig, bis nichts mehr geht

Noch immer ist Burnout in Firmen ein Tabu. Betroffene leugnen das Problem häufig, bis nichts mehr geht

Sie war bereit, alles zu geben. "Als ich mich auf die Stelle beworben habe, wusste ich: Die gehört mir. Und so war es." Anna Müller (Name von der Redaktion geändert), 30, ging direkt nach der Hochschule als Personalreferentin zum Automobilzulieferer Bosch. Fünf Jahre ist das her. Sie hat gearbeitet, meist sehr lange. Sie hatte anfangs Spaß, dann immer öfter Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, sie schlief schlecht. Arbeit, auch wenn man sie mag, kann krank machen. Burnout ist ein Massenphänomen – ein schwerer Schlag für die Betroffenen und extrem teuer für die Wirtschaft.


Mehr als 14 Milliarden Euro, so schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, gehen allein aufgrund der geringeren Arbeitsproduktivität verloren.
Wenn das der Preis ist, den Unternehmen für die zunehmende Verdichtung und Entgrenzung der Arbeit zu zahlen haben, dann wird die Rechnung oft nicht aufgehen. Das haben auch Wirtschaft und Politik erkannt. Firmen etwa suchen nach Wegen, die Resilienz ihrer Mitarbeiter zu steigern – also deren Fähigkeit, mit Widrigkeiten umzugehen. Die Daimler und Benz Stiftung fördert seit diesem Jahr eine große Studie der Universität Bonn, die die genetischen und psychologischen Ursachen der Stress-Resilienz erforscht.

Mehr als die eigenen Kräfte hergeben

"Ich bin einfach über meine Kräfte gegangen" , sagt Anna Müller. Zum Sport hat sie es nicht mehr geschafft, ihre Freunde kaum noch gesehen. Konflikte in der Familie kamen dazu. Gemeinsam mit ihrer Chefin suchte sie nach Lösungen und verteilte Aufgaben neu. Aber es hat nicht gereicht. 2013 brach Anna Müller zusammen: "Es war wie immer spät, als ich nach Hause ging. Ich hatte die ganzen Probleme von der Arbeit noch im Kopf, und als ich im Bett lag, überkamen mich plötzlich Schreikrämpfe." Dennoch ging sie gleich wieder ins Büro, aus Angst, dass der Stapel dort sonst noch größer wird. Die Illusion, einfach so weitermachen zu können wie bislang, ließ sich jedoch nicht lange aufrechterhalten. Der Betriebsarzt schrieb Anna Müller schließlich für fünf Wochen krank.

Langwieriger als körperliche Leiden

Das ist ein ganz typischer Verlauf. Fünf Wochen – so lange sind die Betroffenen im Durchschnitt arbeitsunfähig; das ist doppelt so lang wie bei anderen Erkrankungen. Zudem steigt die absolute Zahl der Burnout-Patienten. Nach dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK und der Universität Bielefeld litten im Jahr 2014 rund 143.000 gesetzlich Versicherte an einem Burnout – das führte zu knapp drei Millionen Fehltagen am Arbeitsplatz. Mehr als jeder siebte Ausfalltag wird mittlerweile durch eine psychische Erkrankung ausgelöst, so die Ergebnisse einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer.
Kay Funke-Kaiser, Sprecher der Kammer, sagt: "Wenn es gut läuft, stärkt und stabilisiert Arbeit die seelische Gesundheit. Wenn es schlecht läuft, Belastungen und Konflikte auftreten, dann macht Arbeit krank." Viele Firmen versuchen gegenzusteuern, indem sie über Burnout und psychische Gesundheit aufklären. Sie richten Beratungsstellen ein, wollen die Mitarbeiter für das Thema sensibilisieren und es aus der Tabuzone holen. Niemand soll sich wegen seiner Erkrankung schämen. Denn treffen kann es jeden.


Die Krankheit ist keine Schwäche

Bosch beispielsweise verteilt nun Merkblätter, organisiert Veranstaltungen sowie Kurse und schult seine Führungskräfte. Falko Papenfuß, Leitender Werksarzt bei dem Konzern, sieht es als Aufgabe der Vorgesetzten, Überlastungen zu erkennen. Schließlich sollen Betriebsärzte und Sozialberater den Mitarbeitern zur Seite stehen. "Heute wird die Krankheit oft als Schwäche angesehen. Dies verhindert, dass die Person Hilfe sucht." Burnout-Betroffene neigen ohnehin dazu, ihr Problem so lange zu verneinen, bis gar nichts mehr geht.

Wer letztlich die Verantwortung trägt, ist keineswegs geklärt. Die Sozialpädagogin Helen Heinemann leitet das Institut für Burnout-Prävention in Hamburg. Sie glaubt, dass nur die Mitarbeiter selbst sich schützen können. "Die Menschen müssen lernen, Nein zu sagen, sobald sie merken, dass alles aus den Nähten platzt." Das erfordert Mut, vor allem wenn der nächste Karriereschritt vom Gelingen eines Projekts abhängt.
Umstritten ist auch, ob Arbeit überhaupt allein verantwortlich für die Überlastung ist. Heinemann sagt: "Der Arbeitsplatz ist der Schauplatz, wo die Erschöpfung oft als Erstes sichtbar wird, ist aber nicht zwingend die Ursache." Konflikte, private Probleme und Mehrfachbelastungen könnten genauso der Auslöser sein wie Druck, Überstunden und Überforderung.

Mehr Vorbeugung nötig

Die Psychologin Julia Scharnhorst sieht das ganz anders. Sie berät Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement und sagt: "Burnout hat immer etwas mit Arbeitsdruck zu tun, und es gibt eine ganz große Verantwortung des Arbeitgebers. Die darf und kann man nicht wegnehmen." Es sei völlig unzureichend, was die Firmen bislang an Präventionsmaßnahmen anbieten. "Es reicht nicht, den Menschen einen zweitägigen Kurs in Stressmanagement anzubieten, wenn die Strukturen die Mitarbeiter dauerhaft unter Druck setzen."

Dass nicht nur Lärm oder Chemikalien am Arbeitsplatz krank machen können, sondern auch seelische Belastungen, hat auch die Bundesregierung inzwischen verstanden: 2013 wurde erstmals die psychische Gesundheit ins Arbeitsschutzgesetz aufgenommen. Seitdem sollen Firmen im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung die seelische Belastung ihrer Mitarbeiter bestimmen. Allerdings lassen sich Stress und Konflikte nicht so objektiv messen wie Lärm oder Umweltgifte. Sie sind subjektiv und werden von jedem unterschiedlich empfunden. Fragebögen, Beobachtungsinterviews oder moderierte Workshops sollen helfen, dennoch eine Einschätzung zu liefern. Beraterin Scharnhorst befürwortet grundsätzlich die neue Regelung, kritisiert jedoch, dass man lange auf Freiwilligkeit gesetzt hat. "Die Umsetzung müssten Profis kontrollieren, und es brauchte einen wirksamen Sanktionskatalog", so Scharnhorst. Sonst bleibe das Gesetz eine stumpfe Waffe.
Anna Müller hat vor allem die Unterstützung durch die soziale Beratungsstelle bei Bosch geholfen. Bereits vor ihrer Auszeit hat sie zusammen mit ihrem Ansprechpartner und ihrer Chefin Strukturen so verändert, dass sie nach ihrer Rückkehr nicht wieder dieselbe Arbeitslast zu tragen hat. Dies habe auch sehr gut funktioniert, so Müller. Vorerst. Denn bei allem Bewusstsein für die Gefahren des Burnouts haben alle, die ihren Job engagiert machen, einen natürlichen Begleiter: neue, zusätzliche Aufgaben.

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