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Geleakte Dokumente Corona-Epizentrum Wuhan: Bericht deckt Unstimmigkeiten bei offiziellen Zahlen auf

China, Wuhan: Medizinische Mitarbeiter schieben eine Leiche
Medizinisches Personal kümmert sich um die Leiche eines Patienten, der an Covid-19 verstorben ist - die Aufnahme entstand im Februar 2020 in Wuhan
© Uncredited/CHINATOPIX/AP / DPA
Unstimmigkeiten bei den Corona-Zahlen und langsame Diagnostik: Ein CNN-Bericht kritisiert das frühe Corona-Management in der chinesischen Region Hubei und zitiert aus geleakten Dokumenten. 

Anfang des Jahres blickte die Welt in die chinesische Region Hubei, genauer gesagt in die 11-Millionen-Metropole Wuhan. Dort häuften sich die Fälle einer zunächst rätselhaften Krankheit, die später Covid-19 genannt werden sollte. Ausgelöst wurde sie von einem bis dahin unbekannten Coronavirus, das sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten auf dem ganzen Erdball verbreiten sollte. Mindestens 64 Millionen Menschen weltweit haben sich seitdem mit dem Virus infiziert. Rund 1,5 Millionen Menschen starben.

Ein CNN-Bericht wirft nun ein Schlaglicht auf diese frühen Tage der Pandemie und lässt Zweifel an der Darstellung eines transparenten und effizienten Krisenmanagements aufkommen, mit dem sich China zuletzt immer wieder gerühmt hatte. So berichtet CNN unter anderem über Unstimmigkeiten bei der Anzahl der bestätigten Corona-Fälle. Der Nachrichtensender beruft sich dabei auf 117 Seiten geleakter Dokumente, die CNN von einem Whistleblower erhalten haben will. Wie der Sender angibt, wurden die internen Dokumente von Experten auf ihre Echtheit hin überprüft und für authentisch befunden. Die Dokumente beinhalten Informationen aus dem Zeitraum zwischen Oktober 2019 und April 2020 und sollen von der Gesundheitsbehörde der Region Hubei stammen.

Unterschiede in den Fallzahlen

Der Bericht zeigt: Intern kommunizierte Corona-Zahlen deckten sich nicht immer mit den Daten, die auch an die Öffentlichkeit gelangten. Als Beispiel nennt CNN den 10. Februar 2020. An diesem Tag meldeten die Behörden in der Region Hubei 3911 neue Corona-Fälle – darunter 2097 bestätigte Fälle und 1814 Verdachtsfälle. Intern kursierte an diesem Tag allerdings eine deutlich höhere Zahl von 5918 Fällen, die noch einmal in weitere Kategorien aufgeschlüsselt wurde. 2345 wurden als "bestätigt" gewertet, 1796 als Verdachtsfälle. Hinzu kommen "klinisch diagnostizierte" Fälle mit rund 1772 Patienten sowie fünf Patienten, die als "positiv getestet" aufgeführt werden. 

Warum diese Zahlen nicht auch in die veröffentliche Statistik eingeflossen sind, ist unklar. Yanzhong Huang vom Council of Foreign Relations bezeichnete die veröffentlichten Zahlen gegenüber CNN als konservativ. "Dies spiegelt wider, wie verwirrend, komplex und chaotisch die Situation war."

Tatsächlich war China bereits früh in der Pandemie für seine Falldefinition kritisiert worden. Vermutlich weil Testkapazitäten fehlten, gingen die Behörden zweitweise dazu über, Corona-Fälle unter anderem anhand von CT-Scans der Lunge zu diagnostizieren. In der Folge schnellten die Fallzahlen Mitte Februar stark nach oben. Als Goldstandard in der Diagnostik gilt allerdings der Nachweis des Erregers via PCR-Test. Die Testergebnisse liefern auch die Grundlage für die Zahlen der Gesundheitsämter in Deutschland.

Bereits 200 Fälle im Jahr 2019?

Auch eine weitere Zahl lässt aufhorchen: Wie CNN berichtet, gab es wohl bereits im Jahr 2019 mehr Corona-Verdachtsfälle als bislang bekannt. Die Rede ist von rund 200 Fällen. Anfang Januar hatten chinesische Behörden offiziell 44 Verdachtsfälle für das Jahr 2019 bei der Weltgesundheitsorganisation WHO gemeldet.

Auffallend ist auch der zeitliche Verzug bei der Diagnose von Fällen. Laut einem Bericht vom März, auf den CNN verweist, dauerte es nach Beginn der Symptome im Schnitt 23,3 Tage bis zur Diagnose. Zwar ist ein gewisser zeitlicher Verzug in der Diagnostik nicht zu vermeiden und kommt auch in westlichen Ländern vor. Experten beschrieben die Zeitverzögerung gegenüber CNN jedoch als ungewöhnlich lang und merkten an, dass der Zeitverzug die Schritte zur Überwachung und Bekämpfung der Krankheit behindert haben könnte.

Der Bericht weist auch anhand weiterer Beispiele Unstimmigkeiten zwischen internen Dokumenten und der offiziellen Darstellung nach – ein völliges Versagen oder gar der Versuch, die Zahlen zu verschleiern, kann den Behörden jedoch nicht zugeschrieben werden. "Die Berichte zeigen, dass China in den frühen Stadien der Pandemie mit denselben Problemen in Bezug auf Buchhaltung, Tests und Diagnostik konfrontiert war, die auch heute noch viele westliche Demokratien heimsuchen", heißt es in dem CNN-Bericht. Diese Probleme seien zudem durch den Umstand verschärft worden, dass es sich um ein "völlig neues Virus" gehandelt habe.

Ende Dezember 2019 hatte die "Wuhan Municipal Health Commission" erste Fälle einer zunächst unbekannten Lungenkrankheit gemeldet. Die Vorfälle wurden zunächst mit einem Tiermarkt in Verbindung gebracht. Der genaue Ursprung des Erregers ist allerdings bis heute unbekannt. Als wahrscheinlich gilt, dass das Virus ursprünglich von Fledermäusen stammt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Ende November verkündet, eine weitere Untersuchung mit einem internationalen Expertenteam anzuschieben, um den Ursprung des Erregers zu ergründen.

Quelle:CNN - "The Wuhan Files" / Johns Hopkins University

ikr

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