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Corona in Südamerika "Am Ende der Kräfte": Wie Argentinien mit umstrittenen Isolationszentren gegen die zweite Welle kämpft

Corona in Südamerika: "Am Ende der Kräfte": Wie Argentinien mit umstrittenen Isolationszentren gegen die zweite Welle kämpft
Sehen Sie im Video: Mit 745 Corona-Toten am Tag erreicht Argentinien einen traurigen Rekord in der Pandemie.




Die zweite Welle hat Argentinien schwer getroffen. Am Dienstag verzeichnete das südamerikanische Land einen traurigen Rekord in der Pandemie. 745 Todesfälle binnen eines Tages gab es noch nie. Innerhalb von 24 Stunden gab es über 35.000 positive Tests. Laut den von Reuters analysierten Daten befindet sich Argentinien unter den weltweit fünf am schlimmsten von Covid-19 getroffenen Ländern. Bürgerinnen und Bürger äußern ihre Meinung: "Wir verstehen das alles. Die Qual, eingesperrt zu sein, die Qual, die Kinder nicht zur Schule bringen zu dürfen. Das sind alles Maßnahmen, die notwendig sind. Ich glaube, dass sie sein müssen und wir sie als Gemeinschaft durchziehen müssen." "Die Regierung muss alle Polizeikräfte abziehen und hierhin bringen, um von uns den Mindestabstand und das Tragen von Masken einzufordern und uns gegebenenfalls zu bestrafen. Wir reagieren auf Druck. Wenn unsere Wirtschaft getroffen wird, lernen wird. Wenn wir aber sehen, wie der Präsident ohne Maske herumläuft, zweimal angesteckt wurde, Menschen umarmt, wenn es Menschenmengen gibt, Fußball... Was bleibt uns dann?" Präsident Alberto Angel Fernandez hatte vor ein paar Wochen ein Dekret unterzeichnet, das Ausgangsbeschränkungen und Unterrichtsausfall an Schulen vorsieht. Die Maßnahmen würden nach jetzigem Stand am Freitag auslaufen, doch es ist damit zu rechnen, dass sie verlängert oder gar strenger werden. Das Land kommt mit dem Impfen nur schleppend voran. Bisher sind lediglich 4 Prozent der Menschen vollständig geimpft. Seit Beginn der Pandemie im ersten Quartal 2020 hat Argentinien insgesamt 3,371 Millionen Infektionen und 71.771 Todesfälle registriert.
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Argentinien wird von einer zweiten Coronawelle überrollt. Nach Monaten des Lockdowns droht die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen. In der Provinz Formosa hat sich der Kampf gegen die Pandemie mittlerweile in einen autoritären Albtraum verwandelt.

In Argentinien sterben derzeit so viele Menschen an Covid-19 wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. In den Kliniken fehlen Betten und Sauerstoff, das Personal ist am Ende seiner Kräfte. "Gestern hatten wir keine Betten mehr", berichtet der Krankenpfleger Héctor Ortiz der "Buenos Aires Times". "Wenn eines frei wird, dann wegen eines Todesfalls." Ortiz arbeitet im Durand-Krankenhaus in der argentinischen Hauptstadt. Er weiß ganz genau, was Staatschef Alberto Fernández meint, wenn dieser vom "schlimmsten Moment der Pandemie" spricht.

Pünktlich zum Winterbeginn auf der Südhalbkugel wird das Land besonders hart von der zweiten Coronawelle getroffen: Im Mai stieg die durchschnittliche Zahl der täglichen Neuinfektionen auf 30.000, die der Toten auf 500. In der vergangenen Woche wurden sogar 41.080 Neuinfektionen gemeldet – der höchste Wert seit Beginn der Pandemie vor über einem Jahr. 

Wie konnte es soweit kommen?

Zu späte Maßnahmen und angespannte Stimmung

Seit Beginn des Jahres machen mehrere ansteckende Virusvarianten dem gesamten Kontinent stark zu schaffen. Ganz vorne mit dabei ist die brasilianische Mutante P.1., die deutlich aggressiver als der Ursprungserreger ist und inzwischen für die Mehrheit der Fälle in Argentinien verantwortlich ist. Hinzu kommt der klimatische Faktor: Auf der Südhalbkugel naht der Winter, die Temperaturen sinken, und Freunde und Familien treffen sich lieber drinnen als in Parks.

Gleichzeitig hat die argentinische Regierung wieder einmal zu spät reagiert. Während bereits Anfang Mai die Zahlen exponentiell zu steigen begannen, verhängte Staatschef Alberto Fernández erst am 22. Mai einen strikten Lockdown – und das auch nur für neun Tage. Grund dafür ist die angespannte Stimmung im Land: Nach den monatelangen Lockdowns im vergangenen Jahr liegen bei vielen die Nerven blank. "Ich bin am Ende meiner Kräfte", erzählt die 73-jährige Rentnerin Nadia Mariella der "Buenos Aires Times". "Ich musste zum Psychiater, weil ich es drinnen nicht mehr ausgehalten habe."

Die Menschen hätten sich trotz der Verbote getroffen, viele rebellierten gegen die Maßnahmen oder leugneten die Gefahr, sagt auch Elisa Estenssoro, eine Beraterin des Präsidenten. Auch dass die südamerikanische Fußballmeisterschaft Copa América nicht mehr wie geplant in Argentinien stattfinden kann, sorgt für großen Unmut. Vergangene Woche gingen in mehreren Städten Tausende auf die Straße, um gegen die Einschränkungen zu protestieren. Viele können sich diese ohnehin nicht mehr leisten, knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Der Lockdown spaltet das Land, das nach drei Jahren Rezession gerade begann, sich wieder etwas zu erholen. 

Umstrittene Isolationszentren in Formosa

Nirgendwo zeigt sich diese Spaltung deutlicher als in Formosa, einer ärmeren 200.000-Einwohner-Provinz an der Grenze zu Paraguay. Der Ort erlangte traurige Berühmtheit, als bekannt wurde, mit was für autoritären Maßnahmen die Regionalregierung die eigene Bevölkerung hinter Schloss und Riegel zwingt.

Wer in Formosa Verdacht auf Covid-19 hat, musste sich sofort in eines der 140 Quarantäne- und Isolationszentren begeben. Was passiert, wenn man sich dem widersetzt, erfuhr der junge Argentinier Gustavo Maza am eigenen Leib. Ein Video, das viral ging, zeigt, wie eine Spezialeinheit der Polizei mit mehreren Wagen vorfährt, zwei Dutzend Beamte die Haustür von Mazas Familie aufbrechen und ihn festnehmen.

Laut Gouverneur Gildo Insfrán sollen die aus Hotels, Vereinsheimen und Schulen umfunktionierten – und von der Polizei rund um die Uhr bewachten – Isolationszentren helfen, das Virus einzudämmen. Menschenrechtsorganisationen, wie Human Rights Watch, warnen jedoch vor dem Gegenteil: Mehr als 25.000 Menschen – darunter Positiv-Getestete, Kontaktpersonen und jene, die auf ihr Testergebnis warten –wurden zusammen in überfüllte Hallen gesteckt. Wer das Virus vorher noch nicht hatte, bekam es spätestens dort.

Viele mussten länger als die vorgeschriebenen 14 Tage unter teils katastrophalen hygienischen Bedingungen ausharren, auch gab es viel zu wenig medizinisches Personal. Eine ältere Diabetikerin, der die notwendigen Medikamente verweigert wurden, starb an den Folgen; eine schwangere Frau im dritten Monat verlor ihr Kind, weil ihre Hilfeschreie zu lange ignoriert wurden.

Nachdem mehrere dieser Fälle publik wurden, veranlasste der Menschenrechtsbeauftragte der Zentralregierung in Buenos Aires die Schließung der schlimmsten Isolationszentren. Doch noch immer ist in Formosa häusliche Quarantäne nur erlaubt, wenn die Wohnung gewissen Standards entspricht – weshalb die ärmere Bevölkerung nach wie vor in den umstrittenen Zentren landet. 

Hoffen auf Sputnik V

Ihre letzte Hoffnung setzen viele Argentinierinnen und Argentinier im Moment auf die Impfkampagne. Doch auch die kommt bisher nur langsam voran: Gerade einmal 21,9 Prozent der 45 Millionen Einwohner haben eine Spritze bekommen, 6,3 Prozent sind vollständig geimpft – die meisten mit dem russischen Impfstoff Sputnik V.

Dessen Herstellung soll in Argentinien nun im großen Stil anlaufen. Das Gamaleja-Institut in Moskau habe die von einer argentinischen Pharmafirma produzierten Test-Tranchen einer Qualitätskontrolle unterzogen und für gut befunden, erklärte Gesundheitsministerin Carla Vizzotti am Mittwoch. Dadurch erhofft sich die Regierung eine starke Beschleunigung der Kampagne.

Später soll Sputnik V auch in die Nachbarländer exportiert werden, wo die Lage ebenso dramatisch ist. Fünf südamerikanische Länder befinden sich derzeit unter den ersten Zehn der stärksten betroffenen Nationen dieser Pandemie. Auf keinem anderen Kontinent verbreitet sich das Virus gerade stärker.

Quellen: "Buenos Aires Times", Perfil, Human Rights Watch, mit AFP


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