VG-Wort Pixel

Coronavirus Neue Antigen-Tests sind wichtig im Kampf gegen die Pandemie – dabei haben sie eine große Schwäche

Antigen-Test Coronavirus
Proben von Patienten werden via Antigen-Tests auf das Coronavirus untersucht
© Sam Panthaky / AFP
Antigen-Tests sind die neue Hoffnung im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Dabei arbeiten sie weniger zuverlässig als bewährte PCR-Tests. Wie kann das sein?

Masken auf dem Schulgelände, Abstand halten auf dem Pausenhof und an Singen im Unterricht ist nicht einmal zu denken: Die Schul-Öffnungen nach den Sommerferien sind in Deutschland mit zahlreichen Hygienevorschriften verbunden. Doch was wäre, wenn hochinfektiöse Schüler und Lehrkräfte bereits vor Unterrichtsbeginn identifiziert und wieder nach Hause geschickt werden könnten? Neue und schnelle Antigen-Tests auf das Coronavirus stellen das in Aussicht und könnten auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens ein Stück Normalität einkehren lassen, hoffen Experten. Wie genau soll das gelingen?

Die neuen Schnelltests testen auf bestimmte Bestandteile des Virus, sogenannte Antigene, und funktionieren ähnlich wie Schwangerschaftstests. Nach einem Abstrich aus Nasen- und Rachen-Raum wird die Probe auf eine Art Teststreifen aufgetragen, der nach rund 15 Minuten ein Ergebnis anzeigt. Die Teststreifen sind deutlich günstiger, einfacher anzuwenden und liefern schnellere Ergebnisse als etwa der gängige PCR-Test, der sehr zuverlässig arbeitet und Erbmaterial des Erregers in einem Labor nachweist, aber als teuer gilt und mehr Zeit in Anspruch nimmt.

Antigen-Tests liefern Hinweise zur Infektiosität

Eine Schwäche hat die neue Testmethode allerdings: Sie ist weniger zuverlässig als der Nachweis via PCR. Wie soll sie dann bei der Eindämmung der Pandemie helfen? Die Antwort liefert eine Besonderheit der Tests: Zeigen sie ein positives Testergebnis an, stimmt es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch. Sie besitzen damit eine hohe Spezifität. Vor allem Proben mit einer hohen Viruslast werden mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt getestet. Antigen-Tests können also aus einer Gruppe von Menschen, etwa einer Schulklasse, diejenigen herausfiltern, die hochinfektiös sind und möglicherweise viele weitere Personen anstecken. Neue Infektionsketten könnten so verhindert werden, ehe sie entstehen.

Aus Untersuchungen ist bereits bekannt, dass die Viruslast bei Infizierten kurz vor Symptombeginn am höchsten ist und danach schnell abnimmt. Die neuen Schnelltests könnten daher bereits frühzeitig auf die Gefahr durch präsymptomatische Spreader hinweisen, so die Hoffnung. Die teuren und aufwändigen PCR-Tests werden meist erst nach Symptombeginn durchgeführt – also zu einem Zeitpunkt, ab dem die Person bereits viele weitere angesteckt haben könnte. Auch Tests auf Antikörper hinken dem Infektionsgeschehen eher hinterher. Sie zeigen lediglich an, dass eine Person in der Vergangenheit Kontakt zu dem Erreger gehabt haben muss und das Immunsystem entsprechend reagiert hat. 

In den USA ist ein Antigen-Test der Firma Abbott via Notfall-Erlaubnis bereits in der letzten Woche zugelassen worden. Und auch der Schweizer Pharmakonzern Roche plant, im laufenden Monat einen Corona-Antigen-Schnelltest in Europa auf den Markt zu bringen. Bei Markteinführung sollen laut Roche zunächst 40 Millionen Tests monatlich zur Verfügung stehen. Die Spezifität liegt laut Herstellerangaben bei 99,68 Prozent. Das bedeutet: 99,68 Prozent aller Tests werden korrekt als negativ erkannt. Nur 0,32 Prozent der Tests sind falsch-positiv. 

Schwachstelle negative Ergebnisse

Eine Schwäche der neuen Schnelltests sind allerdings negative Testergebnisse, was an ihrer vergleichsweise geringen Sensivität liegt. Das bedeutet: Fällt ein Testergebnis negativ aus, heißt das nicht, dass die Person nicht doch mit dem Coronavirus infiziert ist. Möglicherweise reicht die Viruslast zum Testzeitpunkt (noch) nicht für ein positives Testergebnis aus. Im Umkehrschluss würde das aber auch bedeuten, dass sie nicht als allzu ansteckend anzusehen ist.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde rät deshalb zu Vorsicht im Umgang mit Antigen-Tests. Ein negatives Ergebnis müsse immer im Kontext gesehen werden. Hatte die Person Kontakt zu einem Patienten mit Covid-19? Ist ihr Risiko durch andere Faktoren erhöht? Im Zweifelsfall müsse das negative Ergebnis durch einen PCR-Test bestätigt werden, heißt es in einer Mitteilung der Behörde.

"Die Tatsache, dass die FDA sagt, dass ein Test bei negativem Ergebnis möglicherweise wiederholt werden muss, spricht Bände", erklärt der Virologe Jonathan Ball im Gespräch mit dem Science Media Center. "Das heißt nicht, dass solche Tests möglicherweise keine Rolle bei der Kontrolle zukünftiger Coronavirus-Ausbrüche durch schnelle Überwachung und Prüfung und Rückverfolgung der Bevölkerung spielen." Es müsse schließlich nicht jede einzelne Infektion entdeckt werden, um einen Ausbruch einzudämmen und den R-Wert unter 1 zu halten. Doch speziell in Krankenhäusern und Pflegeheimen seien sensitive Tests wichtig, um Patienten auch die richtige Behandlung zukommen zu lassen. 

Antigen-Tests werden den bewährten PCR-Test folglich nicht ablösen, könnten künftig aber überall dort eine Rolle spielen, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, die Gefahr von Mehrfachinfektionen besteht und schnelle Testergebnisse gebraucht werden, etwa in Schulen oder Kindertagesstätten.

Quellen:FDA / Roche / Science Media Center


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker