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Deutschlands Ärzte: "Vom Heiler zum Händler"

Viele medizinische Behandlungen werden in Deutschland häufiger ausgeführt als anderswo, ein Drittel davon sind sogar völlig überflüssig, meint der Medizinjournalist Jörg Blech. Die Gründe dafür sind leider keine medizinischen.

Herr Blech, Sie haben festgestellt, dass Deutschland Weltmeister in Katheter-Untersuchungen ist. Sind wir ein besonders herzkrankes Volk?
Tatsächlich fällt im Ländervergleich auf, dass hierzulande sehr viel häufiger Herzkatheter-Untersuchungen durchgeführt werden als in anderen westlichen Staaten. Auch innerhalb Deutschlands gibt es ein starkes Gefälle: In Hamburg werden sehr viel mehr dieser Eingriffe vorgenommen als im Saarland. Einen medizinischen Grund dafür gibt es nicht.

Woran liegt es dann, dass diese Untersuchungen in Deutschland so beliebt sind?


Das hat historische Gründe. Überspitzt ausgedrückt: Katheter kommen bei uns vor allem deshalb so oft zum Einsatz, weil einfach so viele Geräte vorhanden sind.

Zahlt sich diese Vielzahl der Untersuchungen denn aus, sterben weniger Deutsche an Herzinfarkten als Engländer oder Franzosen?


Überhaupt nicht: Die Sterblichkeit liegt in den anderen Ländern nicht höher. Bei uns stellt man nach 30 Prozent der Untersuchungen fest, dass das Herz vollkommen gesund ist. Oft liegt kein vernünftiger medizinischer Indikator für eine Untersuchung vor.

Sie sagen, in Deutschland gibt es generell zu viele Behandlungen: Insgesamt sei bis zu einem Drittel der Medizin überflüssig.
Neben dem Ländervergleich gibt es noch einen weiteren Ansatz, um überflüssige Medizin aufzuspüren: Man muss die Ärzte fragen, welche Behandlungen sie an sich selbst durchführen würden. Da gibt es interessante Ergebnisse: Bei Mandeloperationen, Entnahmen der Gallenblase, Amputationen der Gebärmutter und Operationen von Hämorrhoiden sind die Ärzte bei sich selbst sehr viel zurückhaltender als gegenüber normalen Patienten.

Angeblich werden auch Anwälte seltener Operationen unterzogen.


Juristen sind in gewissem Sinne Risikopatienten: Hier läuft der Arzt viel stärker Gefahr, verklagt zu werden, wenn bei einer Operation etwas schief läuft. Offenbar überlegen da Ärzte zweimal, ob eine Behandlung wirklich notwendig ist.

Sind nach Ihrer Erfahrung finanzielle Interessen ein Grund für überflüssige Behandlungen?


Ich will nicht behaupten, dass Deutschlands Ärzte generell geldgierig seien. Hauptsächlich ist es das System, das sich seine eigene Nachfrage schafft. Um bestimmte Geräte, die einmal angeschafft wurden, rentabel betreiben zu können, müssen sie oft zum Einsatz kommen. Allerdings gibt es bei einigen Ärzten schon den Trend vom Heiler zum Händler. Einige versuchen, sich neue Einnahmequellen zu erschließen. Gerade bei scheinbar sanften Methoden, die vermutlich keinen großen Schaden anrichten, aber auch nicht helfen, ist die Versuchung groß, sie den Patienten ohne medizinischen Grund unterzujubeln.

Das deutsche Gesundheitssystem bedarf dringend einer Reform, die Kosten steigen ins Unermessliche. Was ist zu tun?
Es müsste eine Art Stiftung Warentest für die Medizin geben. Alles gehört auf den Prüfstand, auch vermeintlich bewährte Behandlungen. Wir müssen in jedem Fall prüfen: Gibt es einen Nutzen – und rechtfertigt er die Kosten? Natürlich müssen wir den medizinischen Fortschritt fördern, aber wir brauchen stets eine Ergebniskontrolle.

Wie könnte man die erreichen?


Ein Ansatz: Die Krankenkassen bezahlen den Einsatz teurer Geräte nur dann, wenn klinische Studien den Nutzen zweifelsfrei belegt haben. Zurzeit werden häufig neue Entwicklungen als der "letzte Schrei" gepriesen. Krankenhäuser und Ärzte wollen dann nicht zurückstehen, und die Behandlungen erhalten ungeprüft Einzug in unser Gesundheitswesen. Die so genannten "Robodocs" sind ein Beispiel: Während diese Maschinen in den USA nie zugelassen wurden, haben sie in einigen deutschen Krankenhäusern für einige Jahre bei bestimmten Behandlungen den menschlichen Operateur ersetzt. Dann mussten die 500.000 Euro teuren Geräte ausgemustert werden. Ihre Arbeit war nicht besser als die der Ärzte, im Gegenteil: Sie beschädigten viel häufiger Muskeln und Nerven. Nun vermodern die "Robodocs" in den Kellern der Krankenhäuser. Hier fehlt eine unabhängige Prüfinstanz, die Fehlinvestitionen vermeiden könnte.

Was ist Ihr Ratschlag an Patienten, um sich vor überflüssigen Behandlungen zu schützen?
Gesunde Skepsis ist immer angebracht. Ich würde dem Arzt konkrete Fragen stellen: Wo genau liegt der Nutzen in der vorgeschlagenen Operation? Welche Studien und Daten gibt es, die den Erfolg einer Behandlungsmethode belegen? Auch sollte man - bei geplanten operativen Eingriffen allemal - eine zweite und dritte Meinung einholen. Seriöse Ärzte haben damit kein Problem.

Die Fragen stellte Sönke Wiese

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