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Coronavirus Gesundheitsbehörde: Einwohner Stockholms könnten zu 40 Prozent immun gegen Corona sein

Menschen in der Stockholmer Innenstadt
Menschen in der Stockholmer Innenstadt
© Jonathan NACKSTRAND / AFP
Im Kampf gegen die Corona-Pandemie hoffen einige auf eine Herdenimmunität. Laut der Gesundheitsbehörde Schwedens könnten 40 Prozent der Hauptstadtbewohner immun gegen das Coronavirus sein. Doch es ist umstritten, ob es eine breite Immunität überhaupt geben kann.

Schweden galt während der noch andauernden Corona-Pandemie lange als Sorgenkind. Im Vergleich zu seinen skandinavischen Nachbarstaaten sind die dortigen Infektions- und Totenzahlen deutlich höher. Nach jüngsten Angaben der staatlichen schwedischen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten sind 77.281 Corona-Infektionen registriert worden, 5619 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben, annähernd 90 Prozent der schwedischen Corona-Toten sind 70 Jahre oder älter.

Aktuell scheint das Infektionsgeschehen aber zurückzugehen: Am Freitag wurden 404 neue Corona-Fälle im Vergleich zum Vortag registriert, die Zahl der neuen Intensivpatienten pro Tag ist seit Anfang Juli im einstelligen Bereich. Am Freitag wurden 26 weitere Corona-Tote im Vergleich zum Vortag gemeldet.

Möglicherweise bis zu 40 Prozent immun

Mit den zurückgehenden Zahlen stellen sich manche die Frage, wie es mit der Herdenimmunität in Schweden aussieht. Laut Johan Carlson, Generaldirektor der Folkhälsomyndigheten, kann der Anteil der Menschen mit Corona-Antikörpern in Stockholm zwischen 17,5 und 20 Prozent liegen. Andere Studien zur Wirkung von T-Zellen auf die Immunität würden nahelegen, dass dieser Anteil möglicherweise genauso hoch ist, schreibt die Zeitung "Dagens Nyheter". Im Rest des Landes sei es weniger als die Hälfte.

"Das ist natürlich sehr positiv. Dies ergibt ziemlich hohe Immunitätswerte, bei denen wir in Stockholm möglicherweise eine Immunität von bis zu 40 Prozent haben können, was wichtig ist, um die Ausbreitung zu verlangsamen", wird Carlson zitiert. Es gebe vieles, was darauf hindeute, dass dies der Fall sei.

T-Zellen spielen eine wichtige Rolle im menschlichen Immunsystem. Sie entstehen im Knochenmark, von wo sie in die Blutbahn gelangen. T-Zellen überwachen die Membranzusammensetzung von Körperzellen auf krankhafte Veränderungen. Sie greifen Antigene (Substanzen, die sich an Antikörper binden) direkt an und vernichten auch eigene Körperzellen die von Viren oder Mutationen betroffen sind. Es gibt verschiedene Typen von T-Zellen. So gibt es welche, die sogenannte B-Zellen aktivieren, die daraufhin Antikörper bilden. Antikörper sind für das Immunsystem ebenfalls wichtige Proteine, die als Reaktion auf bestimmte Stoffe (Antigene) gebildet werden.

Laufende Studie untersucht Antikörper

Bereits im Mai meldete die staatliche Gesundheitsbehörde, dass mehr als jeder fünfte Bewohner der schwedischen Hauptstadt Antikörper gegen das Coronavirus gebildet habe, wie das Zwischenergebnis einer noch laufenden Studie zeige. Demnach zeigte sich in Stockholm, dass 7,3 Prozent der Ende April mehr als tausend zufällig Getesteten über Antikörper verfügten. Bei der Hochrechnung des Bevölkerungsanteils mit Antikörpern wurde berücksichtigt, dass die Tests bereits einige Woche zurückliegen und dass es in der Regel einige Tage dauert, bis der Körper Antikörper gegen den Erreger entwickelt. In anderen Teilen des Landes lagen die Zahlen für die Antikörper-Träger niedriger. Im äußersten Süden waren es 4,2 Prozent, in der Region um Göteborg nur 3,7 Prozent.

Frühere Berechnungen unter anderem von Tom Britton, Professor für Mathematik an der Universität Stockholm, hätten gezeigt, dass die Herdenimmunität bereits 40 bis 45 Prozent erreichen könne, so die Zeitung. Staatsepidemiologe Tegnell habe zwar entgegengehalten, dass Herdenimmunität nicht die Strategie des Staates sei, auch wenn man dies auf lange Sicht erreichen könne.

Petter Brodin, Immunologe am renommierten Karolinska Institutet, sieht die Situation in Schweden optimistisch, so "Dagens Nyheter". Ihm zufolge sei es aber nicht möglich zu sagen, ob Stockholm schon eine Herdenimmunität erreicht habe: "Wenn man weiß, wie T-Zellen funktionieren, weiß man, dass alle Menschen T-Zellen für verschiedene Dinge haben. Es ist schwierig, Schlussfolgerungen zu ziehen, ob man die Infektion hatte oder nicht." Die Infektionsausbreitung würde zwar verringert, doch die Entwicklung würde nicht vollständig mit den Antikörperniveaus in der Bevölkerung übereinstimmen. 

Immunität nach Infektion mit Corona umstritten

Allerdings sind nicht alle Experten so optimistisch, was die Immunität gegen das Coronavirus angeht. Untersuchungen mit genesenen Covid-19-Patienten dämpfen die Hoffnung auf eine lang anhaltende Immunität und damit auch auf eine lange Wirksamkeit einer möglichen Impfung, wie die Deutsche-Presse-Agentur am Sonntag berichtete. Bluttests der ersten Corona-Patienten in Deutschland, die Ende Januar in der Münchner Klinik Schwabing behandelt wurden, zeigten ein deutliches Absinken der Anzahl von sogenannten neutralisierenden Antikörpern im Blut, berichtete Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Klinik für Infektiologie.

"Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper in einem sehr speziellen Test, der nur in einem Hochsicherheitslabor erfolgen kann", sagte Wendtner. "Inwieweit dies Auswirkungen für die Langzeitimmunität und die Impfstrategien hat, ist derzeit noch spekulativ, muss aber im weiteren Verlauf kritisch beobachtet werden." Es deute aber darauf hin, dass nach durchgemachter Krankheit eine Neuansteckung möglich sei.

Für die Langzeitimmunität sei neben der sogenannten B-Zell-assoziierten und über Antikörper gemessenen Immunität auch die sogenannte T-Zell-Immunität relevant. Wenn Patienten neutralisierende Antikörper verlören, könne letztere eventuell einen Schutz geben. T-Lymphozyten können virusinfizierte Zellen gezielt abtöten, wenn sie zuvor ihren Gegner einmal kennengelernt haben. 

Spanische Studie: Nur fünf Prozent mit Antikörpern

Wendtners Erkenntnisse reihen sich ein in Erfahrungen anderer Wissenschaftler und Studienergebnisse. Chinesische Forscher berichteten im Fachblatt "Nature Medicine", dass die Antikörper nach zwei Monaten vor allem bei Patienten mit symptomfreiem Verlauf stark zurückgingen, aber auch bei tatsächlich erkrankten Patienten fielen die Werte deutlich. Patienten mit wenig Symptomen hatten zudem weniger Antikörper und somit eine schwächere Immunantwort entwickelt.

Eine große Antikörper-Studie aus Spanien kam ebenfalls zu ernüchternden Ergebnissen, der stern berichtete. Es wurde vermutet, dass sich dort aufgrund des heftigen Infektionsgeschehens viele Menschen angesteckt hatten, bei denen Covid-19 mild oder symptomfrei verlaufen ist. Diese hätten – so die Vermutung weiter – dennoch Antikörper entwickelt und würden so zu einem Herdenschutz beitragen. Die Untersuchung von mehr als 60.000 Menschen zeigte aber, dass durchschnittlich nur fünf Prozent der spanischen Bevölkerung Corona-Antikörper entwickelt hatten.

Quellen: "Dagens Nyheter", SVT, Folkhälsomyndigheten, Nachrichtenagenturen DPA und AFP, Deutsche Gesellschaft für Immunologie, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

rw

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