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Energy-Sweets: Wie gefährlich sind Koffein-Gummibärchen für Kinder?

Energy-Gummibärchen statt Energydrinks? Supermärkte verkaufen neuerdings Süßigkeiten mit aufputschenden Zusätzen. Ein riskanter Trend.

Von Patrick Schwarz

Gummibärchen gibt es jetzt auch mit Koffein, und das für Kinder - ein gefährlicher Trend

Gummibärchen gibt es jetzt auch mit Koffein, und das für Kinder - ein gefährlicher Trend

Die leuchtend blauen Streifen erinnern an die Explosion eines Feuerwerkskörpers. "Booster", "Energy", "Power", schreit es von der Tüte. Im Süßwarenregal eines Hamburger Edeka-Markts sticht das Produkt aus der Vielzahl der Bonbons und Schokoriegel heraus. Die "Booster Energy Sweets" kommen in ihrer Form daher wie normale Fruchtgummis, sie sind aber mit Taurin und Koffein versetzt. Solche Zusätze finden sich schon lange in Energydrinks. Doch die Hersteller weiten nun ihr Geschäft aus. „Energy-Sweets“ – zu Deutsch "Energie-Süßigkeiten" – nennen sie die Wachmacher.

Bisher galt: Energydrinks schmecken nach Gummibären. Heute sind es die Gummibären, die nach Energydrink schmecken. Beim Edeka-Produkt sind die Bonbons sogar der Gestalt der Dosendrinks nachempfunden. Nur Handlängen von den Lieblingssüßigkeiten vieler Kinder entfernt platzieren die Händler die Packungen mit den blauen Streifen. In der Quengelzone vor der Kasse. Und das, obwohl auf der Rückseite der Hinweis steht: "Für Kinder und schwangere Frauen nicht empfohlen." Experten schlagen wegen der Zusätze Alarm: 30 Milligramm Koffein pro 100 Gramm enthält das Produkt – ungefähr so viel wie 100 Milliliter Energydrink. "Damit riskieren wir die Gesundheit unserer Kinder", sagt der Göttinger Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette, "Energy- Sweets gehören aus dem Verkehr gezogen."

Lebensmittel, die nicht nur süß schmecken, sondern auch fit machen sollen, sind nicht neu. Eine Berliner Firma entwickelte anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 "Scho-Ka-Kola". Die Süßigkeit wurde während des Zweiten Weltkriegs als Fliegerschokolade bekannt und soll dank hohem Koffeingehalt „leistungssteigernd“ und "belebend" wirken. Auch bekannte Markenhersteller hatten Energy-Sweets im Sortiment: Medikamentenhersteller Wick bot in Deutschland unter dem Namen "Wick Energy" Koffein-Bonbons an, ebenso gab es "Mentos Energy". Wrigley vertrieb im Ausland aufputschende Kaugummis, Snickers wachmachende Schokoriegel.

Die meisten Produkte werden nicht mehr verkauft. Doch die Industrie tut alles, um ihre Verkaufszahlen wieder nach oben zu treiben. Die Zielgruppe wird immer jünger, die Aufmachung reißerischer. Auffälligstes Beispiel sind süße Koffeinpulver, die sich mit Werbeslogans das Image illegaler Drogen verleihen: "Aufreißen – reinschütten – sofort auf Koks!"

Herzrasen und Kreislaufzusammenbrüche

Andrea Schauff hat für die Verbraucherzentrale Hessen 21 solcher Produkte getestet. Fazit der Lebensmittelexpertin: "Die koffeinhaltigen Süßigkeiten sind bestenfalls überflüssig." In Kombination mit körperlicher Anstrengung könnten sie aber die Gesundheit gefährden. "Herzrasen, Kreislaufzusammenbrüche und sogar lebensbedrohliche Zustände sind möglich“, sagt Schauff. Zwar wertet der Gesetzgeber den täglichen Konsum von drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht bei Heranwachsenden als unproblematisch. Demnach dürfte ein Kind, das 30 Kilogramm wiegt, jeden Tag eine Dose Red Bull oder etwas mehr als zwei Packungen der Energy-Sweets von Edeka zu sich nehmen. Kritiker halten die Vorgaben aber für viel zu lasch. "Kinder werden mit den Süßigkeiten schon im frühsten Alter an Koffein gewöhnt", sagt Kardiologe Hulpke-Wette. Auch er warnt vor Folgen wie Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck. "Bevor sich die Energy-Sweets weiterverbreiten, ist ein Verbot dringend notwendig", so Hulpke-Wette.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt die Bedenken: "Es ist aus Sicht des BfR kritisch zu sehen, wenn Süßigkeiten mit Koffein angereichert werden. Es ist davon auszugehen, dass Kinder die Warnhinweise nicht wahrnehmen beziehungsweise ignorieren und dass so ein Fehlgebrauch durchaus möglich ist", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem stern. Darüber hinaus könne – anders als bei den traditionellen Genussmitteln wie Kaffee und Tee – die Stärke von Koffein in Süßigkeiten nicht anhand des Geschmacks beurteilt werden. Edeka selbst verweist darauf, dass das Produkt "vollumfänglich" dem Lebensmittelrecht entspreche. Solange aufputschende Lebensmittel in Deutschland weiter frei verkäuflich sind, geht Kinderkardiologe Hulpke-Wette das Problem eben selbst an. Dem Filialleiter des Edeka-Marktes in seinem Ort erklärte er persönlich, wie gefährlich Energy- Sweets seiner Ansicht nach sind. Seitdem sind die Koffein-Gummis aus dem Süßwarenregal verschwunden. 

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