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Epidemie: Wenn Husten kritische Blicke auf sich zieht

Singapurs Ruf als Tigerstaat ist verblasst, anhaltende Konjunktursorgen plagen die Republik. Das mysteriöse Atemwegssyndrom SARS sucht den winzigen Stadtstaat zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt heim.

Wer derzeit in Singapurs Bussen, U-Bahnen oder Taxis einem Hustenreiz nachgibt, kann sich kritischer Blicke sicher sein. Seit Wochen gibt es auf der Tropeninsel kaum ein wichtigeres Thema als die mysteriöse Lungenkrankheit SARS, jeden Tag bringt die größte Zeitung "Straits Times" mehrere Sonderseiten zu dem Thema, der Krieg gegen den Irak findet weiter hinten statt. Die Bilanz bisher: vier Tote durch das Akute Schwere Atemwegssyndrom (SARS) und annähernd täglich steigt die Zahl der Krankheitsfälle. Panik scheint die Singapurer noch nicht befallen zu haben, nervös sind sie aber schon.

Kaum ein Ausländer in der glitzernden Handelsmetropole, der in den vergangenen Tagen nicht besorgte Anrufe von daheim bekommen hätte. "Busfahren ist für mich erst einmal gestrichen. Da haben heute so viele gehustet und geschneuzt", sagt ein Deutscher, der seit kurzem in Singapur lebt. "Man muss es ja nicht unbedingt heraufbeschwören." Doch sind Atemschutzmasken auf den Straßen oder in Supermärkten so gut wie gar nicht zu sehen, auf dem internationalen Flughafen Changi tragen sie, wie am Dienstag zu beobachten war, nur einige wenige ankommende Passagiere, die allermeisten von ihnen Asiaten.

SARS sorgt überall für Nervosität

Dass die Lungenkrankheit dennoch an den Nerven der Menschen zerrt, ist unübersehbar. Als vor wenigen Tagen in einem öffentlichen Aufruf nach einem unbekannten Taxifahrer gefahndet wurde, der eine SARS-Patientin vom Flughafen in die Innenstadt gebracht hatte, bekam es die ganze Branche zu spüren: An den Taxiständen bildeten sich ungewöhnlich lange Schlangen der blauen und gelbschwarzen Wagen, mit denen plötzlich niemand mehr fahren wollte. In einer Garküche, die in der Nachbarschaft eines Krankenhauses mit SARS-Patienten liegt, herrscht seit Tagen geisterhafte Leere, während andere "Foodcenter" nur leichten Publikumsschwund verzeichnen. Und wer dieser Tage nach Singapur fliegt, hat gute Chancen auf viel Platz im Flugzeug.

Das mysteriöse Atemwegssyndrom sucht den winzigen Stadtstaat zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt heim, da die Stimmung wegen anhaltender Konjunktursorgen ohnehin nicht die beste ist: Der Ruf als Tigerstaat ist verblasst, die Wirtschaft steht unter enormem Druck, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Gerade hatten die Singapurer wieder Hoffnung geschöpft, nachdem Analysten für 2003 ein Wachstum von fast vier Prozent vorausgesagt hatten. Damit ist es vorbei: Nicht nur durch SARS, auch wegen des Irak-Kriegs hat jetzt ein Brokerhaus die Prognose auf magere zwei Prozent nach unten korrigiert.

Frank Brandmaier

Wissenscommunity