HOME
Interview

Gefahren durch Keime: "Die Bakterien geben das Tempo vor – nicht wir"

Nur wenige Viren und Bakterien können dem Menschen tatsächlich gefährlich werden. Der Epidemieforscher Christian Drosten mahnt dennoch davor, die Winzlinge zu unterschätzen - und warnt unter anderem vor den Folgen von Impfmüdigkeit.

"Wir müssen an neuen Medikamenten forschen": Prof. Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologe an der Berliner Charité

"Wir müssen an neuen Medikamenten forschen": Prof. Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologe an der Berliner Charité

Herr Prof. Drosten - die großen Seuchen der Menschheit scheinen besiegt. Die Pest wütet kaum noch. Gegen die meisten gefährlichen Viren gibt es Impfungen. Sieht so aus, also wären wir in Sicherheit. Ist dem so?

Es ist leider nicht ganz richtig, dass es für die meisten Viren Impfungen gibt. Ein aktuelles Beispiel ist das Ebola-Virus. Ein Impfstoff wurde zwar getestet, dieser ist aber nur gegen eine einzige Art des Virus wirksam. Auch bei Medikamenten sieht es übrigens nicht gut aus. Es ist sehr schwer, für jedes Virus ein spezifisches Medikament zu entwickeln. Pandemien - also sich weiträumig ausbreitende Seuchen - bleiben ein unwägbares Risiko für die Gesellschaft, gegen das die Alltagsmedizin machtlos ist. Hier müssen Forschung und Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten.

Von welchen Erregern geht für Menschen derzeit die größte Gefahr aus?

Allgemein kann man sagen: Viren, die über die Luft übertragen werden. Sie passen sich im Sinne einer besseren Übertragbarkeit an. Dadurch wird ein Virus jedoch nicht unbedingt gefährlicher. Bessere Übertragbarkeit kann ein Virus beispielsweise auch dadurch gewinnen, dass es durch Mutationsvorgänge eher den Nasen-Rachenraum als die Lunge befällt. Der relativ lange Weg von Lunge zu Lunge kann dann abgekürzt werden. Für den Menschen ist das gut, denn dadurch wird aus einer schweren Lungenentzündung vielleicht eine harmlose Erkältung. Ob die nächste Pandemie nun durch ein Influenzavirus, ein Coronavirus oder etwas ganz Unerwartetes verursacht wird, kann man nicht vorhersagen.

Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit es zu einer Pandemie kommt?

Wo keine Immunität besteht, kann es zu einer Pandemie kommen. Besonders gilt das, wenn es sich um einen neuen Erreger handelt, der noch nicht bekannt oder verbreitet ist. In allen Fällen kommt es zur Eintragung eines neuen Virus aus dem Tierreich, bevor eine Pandemie beginnt. Virologen haben durchaus Vorstellungen davon, woher und wie neue Viren ihren Weg zum Menschen finden. Eine große Rolle spielt dabei die Massentierhaltung. Ein besonders verdächtiges Virus ist dabei der MERS-Erreger, ein Coronavirus, das im Mittleren Osten vorkommt und seine Quelle im Kamel hat.

Was macht das Virus als möglichen künftigen Pandemie-Auslöser so verdächtig?

Es ist ein Virus, von dem wir wissen, dass es seine Quelle im Nutztier hat, zum Beispiel eben in Kamelen. Besonders arabische Regionen sind auf das Kamel als Nutztier angewiesen. So kann eine Übertragungskette entstehen, bei der das Virus auf den Menschen übergeht und sich an ihn anpasst.

Gab es schon vergleichbare Szenarien in der Menschheitsgeschichte?

Influenza-Pandemien gab es in den Jahren 1918, 1957, 1968, 1977 und 2009. Besonders schwerwiegend waren die Pandemien 1918 und 1968. Influenzaviren kommen von Wasservögeln und nehmen meist den Umweg über das Hausschwein, bevor sie zum Menschen kommen. Das SARS-Virus, das im Jahr 2003 als beginnende Pandemie in Erscheinung trat, war ein neues Coronavirus, das in China von Wildtieren auf den Menschen überging. Das MERS-Virus, das seit 2012 im Mittleren Osten bekannt ist, ist ebenfalls ein Coronavirus. Es stellt eine Pandemie-Gefahr dar, da es immer wieder vom Kamel auf den Menschen übergeht und dann in Krankenhäusern von Mensch zu Mensch weiter übertragen wird. Dieses Virus ist sicherlich einer der aktuellsten und gefährlichsten Kandidaten, um eine Pandemie auszulösen.

Welche Anstrengungen müssten unternommen werden, um Pandemien zu verhindern?

Die medizinische Forschung ist größtenteils auf die Heilung von bekannten Krankheiten ausgerichtet. Forschung zu Pandemien ist hier im Nachteil, weil das Ziel die Verhinderung von Krankheiten ist, die - noch - nicht bestehen. Es ist also schwierig, den direkten Nutzen dieser Forschung nachzuweisen. Deshalb muss die Politik hier mit Sonderprogrammen eingreifen, um Forschungsinvestitionen zu steuern.

In Filmen und Serien werden regelrechte Untergangsfantasien gezeichnet. Beispiele hierfür sind der Film "I am Legend" oder die Serie "The Last Ship", die von einer verheerenden Viren-Pandemie handelt. Wie realistisch sind solche Szenarien?

Bei der Anpassung eines Virus auf den Menschen durch Mutation kommt es nicht zwangsläufig zur Verschlimmerung der ausgelösten Krankheitssymptome. Ein Virus, das alle Infizierten tötet, halte ich für unwahrscheinlich, denn das hätte Nachteile für die Viren selbst. Ein Virus braucht einen Wirt um zu überleben, und wenn alle Wirte sterben, kann das Virus nicht mehr übertragen werden. Dennoch muss man sich klarmachen, dass Pandemien Naturkatastrophen sind, die normale Regeln des Zusammenlebens außer Kraft setzen können.

Coronaviren unter dem Mikroskop

Coronaviren unter dem Mikroskop: Sie sind unter anderem Auslöser der Lungenerkrankung SARS


Auch gegen bereits kursierende Viren sind Menschen nicht immer ausreichend geschützt - Stichwort Impfmüdigkeit. Welche Gefahren birgt sie?

Die Zunahme der Weltbevölkerung - gerade in Ballungsgebieten - führt zu besseren Übertragungsbedingungen für Viren. Wir sehen die Auswirkungen der Impfmüdigkeit auch in Deutschland. Es hat in letzter Zeit neue Ausbrüche von Masern in Berlin und im Rheinland gegeben. Die Durchbrüche der Virologie in den vergangenen Jahrzehnten haben dazu geführt, dass große Teile der Gesellschaft sich in Sicherheit wägen und Lehrbuchwissen über Infektionserkrankungen verloren geht. Heute gibt es Kinderärzte, die Eltern von Impfungen ihrer Kinder abraten, weil sie grausame Krankheiten wie Kinderlähmung, Masern und Diphtherie in ihrer ganzen Karriere nicht gesehen haben. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn sich so etwas herumspricht und weite Teile der Bevölkerung keinen Sinn mehr in Impfungen sehen. Das könnte sich rächen.

Die Impfmüdigkeit ist derzeit nicht das einzige Problem. Auch Bakterien rüsten auf und werden zunehmend gegen gängige Antibiotika resistent. Die WHO warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung. Zu Recht?

Nach Jahrzehnten der Sorglosigkeit stellt die Medizin heute fest: Viele Bakterien sind extrem wandlungsfähig und werden resistent gegen Antibiotika - unsere bisher zuverlässigsten Waffen gegen Infektionen. Anscheinend reicht es nicht aus, das wichtige Thema der Antibiotika-Entwicklung den Kräften der Märkte zu überlassen und darauf zu hoffen, dass die Industrie in Forschung investiert. Die Universitäten und Forschungsinstitute sind heute wieder so gefordert wie in den Pionierzeiten der Mikrobiologie am Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir brauchen ganz neue Wirkprinzipien und nicht nur Abwandlungen von bekannten Medikamenten, die sich gut patentieren lassen. Hier ist die öffentliche Forschungsplanung noch viel zu zaghaft.

Was passiert, wenn alle zur Verfügung stehenden Antibiotika versagen?

Bakterien verbreiten sich nicht so rasend schnell wie Viren, die man als Pandemie-Erreger fürchtet. Antibiotika-Resistenz ist ein echtes Alltagsproblem: Jeden Tag gibt es tragische Fälle auch in deutschen Krankenhäusern, bei denen man Krankheitsverläufe wie vor 200 Jahren sieht, als Antibiotika noch unbekannt waren. Diese Fälle werden sich häufen. Die verbesserte Krankenhaushygiene kann hier nur Teillösungen bringen. Wir müssen an neuen Medikamenten forschen und uns daran gewöhnen, dass die Bakterien das Tempo vorgeben, und nicht wir. Wahrscheinlich wird die Infektionsforschung auch in Zukunft ein ständiger Kampf gegen die Evolution der Erreger sein.

Sendehinweis: Die Serie "The Last Ship" startet heute um 21.05 Uhr auf RTL II.

Wie sinnvoll sind antibakterielle Sprays und Handgele?


Wissenscommunity