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Fastenzeit: "Fasten ist mehr als nichts essen"

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, und noch heute folgen viele Menschen dem alten Brauch und fasten. stern.de sprach mit einer Ärztin über das Leben ohne Essen, volle Vorratsschränke und die Entzugserscheinungen von Kaffeetrinkern.

Viele Menschen wollen jetzt ihrem Körper eine Auszeit gönnen und heilfasten. Wie kann ich eine solche Entscheidung mit meinem Alltag vereinbaren?

Ich halte nichts davon, quasi nebenbei zu fasten. Nehmen Sie sich Urlaub, lassen Sie die Routine hinter sich. Fasten ist nicht so banal wie eine Diät; es ist mehr als die bloße Erkenntnis: "Ich kann leben, ohne zu essen". Das ganze Leben verlangsamt sich, wird intensiver. Wer dieses Gefühl erleben will, sollte seinen Alltag möglichst weit hinter sich lassen.

Wie lange sollte eine Fastenkur dauern?

In einem Zentrum mit medizinischer Begleitung dauert eine Fastenkur meist zwei bis drei Wochen. Ohne medizinische Begleitung sollte man auf keinen Fall länger als eine Woche fasten: Das reicht, um die Grenzen des eigenen Körpers kennen zu lernen. Ich bin aber ohnehin nicht fürs unbetreute Fasten.

Was machen Sie in der Fastenzeit?

Warum nicht?

Fasten ist zwar ein natürlicher Vorgang, aber unser Körper ist heute nicht mehr daran gewöhnt. Der gesamte Stoffwechsel stellt sich um, und diese Veränderungen im Körper haben auch Einfluss auf die Seele. Deshalb rät die Ärztegemeinschaft Heilfasten dringend dazu, in einer Gruppe mit fachlicher Begleitung zu fasten oder gleich in ein Fastenzentrum zu gehen, in dem Mediziner, Ernährungswissenschaftler, Psychologen und Bewegungstherapeuten die Kur betreuen.

Gibt es auch Menschen, für die Fasten nicht geeignet ist?

Auf keinen Fall fasten sollten alle, die Medikamente nehmen oder die akute oder chronische Krankheiten haben. Außerdem ist nicht psychotherapeutisch betreutes Fasten nichts für Menschen, die an einer Ess-Störung leiden oder andere psychische Probleme haben. Auch Menschen mit starkem Übergewicht sollten auf keinen Fall Do-it-yourself-Fasten, sondern nur mit ärztlicher Begleitung.

Warum ist Trinken während der Fastenkur so wichtig?

Normalerweise nehmen wir ja auch über die Nahrung Flüssigkeit auf. Wenn wir fasten, müssen wir diese Menge ersetzen. Man sollte deshalb jeden Tag zwei bis zweieinhalb Liter trinken, Wasser und Kräutertees. Beim Fasten nach Buchinger gibt es außerdem jeden Tag je einen Viertelliter Gemüsebrühe und frisch gepressten Saft.

Welchen Sinn hat das?

Mahlzeiten strukturieren den Tag, geben ihm einen Rhythmus. Das Ritual des regelmäßigen Essens fehlt manchen Menschen, wenn sie fasten. Ihnen tut es gut, wenn sie wissen: In einer Stunde bekomme ich meine Brühe. Der Saft enthält außerdem etwas natürlichen Zucker: Der kurbelt die Fettverbrennung an - ebenso wie übrigens auch Bewegung. Daher stehen beispielsweise in unserer Fastenklinik täglich zwei Stunden Wandern und zahlreiche Sportangebote auf dem Programm.

Ich soll also während des Fastens auch Sport treiben. Bin ich denn ohne Essen nicht geschwächt und schnell müde?

Nein, überhaupt nicht! Sie sind schließlich nicht ohne Essen. Sie ernähren sich zwar nicht durch den Mund, aber ihre Zellen bekommen Nahrung aus dem Fettgewebe. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Laden und kaufen etwas zu essen ein. Einen Teil Ihrer Einkäufe essen Sie gleich, den Rest legen Sie in den Vorratsschrank. Und irgendwann sagen Sie: "Ich gehe jetzt zwei Wochen lang nicht mehr einkaufen, sondern esse das auf, was ich im Schrank habe." So ähnlich funktioniert Fasten.

Mit dem Unterschied, dass ich beim Fasten nichts zwischen den Zähnen habe.

Das ist richtig: Was auf der Strecke bleibt, ist die sinnliche Erfahrung des Essens, der Genuss. Deshalb ist es wichtig, dass wir beim Fasten Raum schaffen für andere Genüsse.

Das heißt also, wenn ich ein Fastentief habe, sollte ich mir etwas Schönes gönnen?

Wenn es Ihnen erst einmal schlecht geht, ist es schon zu spät. Denn dann sind sie schon in das hineingeraten, was wir "die Dynamik des Mangels" nennen. Lassen Sie es am besten gar nicht erst so weit kommen; sorgen Sie dafür, dass es Ihnen gut geht, während Sie fasten. Gönnen Sie sich Musik, Bewegung, Natur, Lachen, Meditation - worauf sie eben einen Bedarf verspüren.

Welche Fastentage sind erfahrungsgemäß die schwierigsten?

Zu Beginn der Fastenkur muss sich der Körper umstellen, daher kann es zu Beschwerden kommen. Viele Kaffeetrinker bekommen beispielsweise Kopfschmerzen und wer sich vorher überanstrengt hat, ist oft müde. Aber nach drei Tagen geht das meist vorüber.

Und nach der Kur? Wahrscheinlich sollte ich nicht gleich am Tag danach ein Schnitzel mit Pommes essen, oder?

Nein, das würde den Körper überfordern. Jede Fastenkur endet mit mindestens vier Aufbautagen, in denen Sie sich langsam wieder an Nahrung gewöhnen.

Interview: Angelika Unger
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