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Kolumne Winnemuth Der beste Trip von allen

Meike Winnemuth hat das Fasten wiederentdeckt.
Viel bewegen, viel trinken: Meike Winnemuth hat das Fasten wiederentdeckt.
© lzf/istockphoto
Wie blau der Himmel erscheint, wie klar die Luft! Wie viel Energie durch den Körper schießt! Alles dank Fasten, dem Großreinemachen für die Seele.
Von Meike Winnemuth

Acht Uhr: Frühgymnastik. 9 Uhr: ein Schnapsglas frisch gepressten Saft. 10 Uhr: dreistündige Wanderung. 13 Uhr: ein Glas Saft, verdünnt mit warmem Wasser. 14 Uhr: feuchtwarmer Leberwickel. 15 Uhr: einstündige Wanderung. 17 Uhr: Vortrag über Fasten, basische Ernährung etc. 18 Uhr: ein Teller Brühe. 19 Uhr: Entspannungsübungen. Anschließend: tot ins Bett.

Das war's auch schon, mehr habe ich in der letzten Woche nicht gemacht. Jeden Tag dasselbe, ein minutiös durchgetaktetes Leerwerden, Leichtwerden. Für chaotische Menschen wie mich ist nicht das Fasten die Herausforderung, sondern der strenge Terminplan. Anfangs jedenfalls. Nach drei Tagen merkt man: Es ist mindestens so entlastend wie das Nichtessen, wenn man jeglicher Verantwortung für die Tagesgestaltung enthoben wird.

Für nichts zuständig zu sein außer für den Leberwickel und dafür, genügend zu trinken. Und dafür, nicht vor Lachen zusammenzubrechen, wenn man auf allen vieren auf dem Badezimmerboden kauert, derweil ein Liter lauwarmes Wasser in den Darm gluckert.

Man hört genauer, man riecht die Blumen

Fasten also. Das hatte ich zuletzt mit Mitte 20 gemacht, als Studentin. Damals war ich noch dünn und hatte andere Gründe fürs Nichtessen. Es ist ein erstklassiger Trip, völlig drogenfrei herzustellen: Man sieht die Welt farbiger, klarer, wie frisch gewaschen. Man hört genauer, riecht feiner, jede Blume ist ein Erweckungserlebnis. Boah, und dieses Blatt da – so … grün. So grüngrün.

Hinzu kam das erhabene Gefühl, einen Meter über der schnöden essenden Welt zu schweben. In meinem Bauch war nichts außer milder Verachtung für die anderen, bei Mittzwanzigjährigen ohnehin verbreitet und durch das Fasten noch verstärkt. Bäh, wie sich der Typ da am Imbiss die Wurst reindrückt! Diese genusslose Gier!

Leben mit Riesling und Weingummi ist vorbei

Ging ich in den Supermarkt, um Zitronen und Gemüsesaft zu kaufen, strich ich schaudernd an den Truhen mit transfettgetränkten Fertigprodukten vorbei, die ich eine Woche zuvor noch völlig unschaudernd in den Ofen geschoben hatte. Man wird nicht zur Heiligen durchs Fasten, ganz gewiss nicht.

Heute, 30 Jahre später, habe ich andere Motive. Zehn Klimakteriumskilo, das wäre schon mal das erste. Ich war mein Leben lang spargelig, jetzt hatte ich plötzlich diesen Vierzigtonner-Reifen um den Bauch, an den ich mich nicht gewöhnen mochte. Dann die nicht neue, aber nicht länger verdrängbare Tatsache, dass Riesling und Weingummi keine Grundnahrungsmittel sind und dass ich hin und wieder mal ein Vitamin in meinen Körper lassen sollte. Die Ahnung, dass ich einen Reset brauchte. Dieses "Das geht so nicht weiter"-Gefühl.

Fasten ist der preiswerteste legale Kick

Auch dieses Mal war das Fasten wieder ein Trip. Wie gut Bill Evans und Wladimir Horowitz klingen, wie jede Note an lang nicht berührte Stellen gelangt. Wie gut die Welt riecht. Wie blau der Himmel ist. Wie auf einmal Energie durch den Körper schießt, wie oft man einfach nur hüpfen möchte. Fasten ist der preiswerteste legale Kick, den ich kenne.Noch wichtiger aber ist das seelische Großreinemachen, die Klarheit und Entschlussfreude, die sich auf einmal im leeren Körper ausbreitet. Fasten legt einem ein schönes großes blütenweißes Stück Papier auf den Tisch, man fängt bei null an und schreibt sich sein Leben neu. Endlich wieder Ukulele spielen. 

Endlich die Kruschelecke hinterm Gartenhaus aufräumen. Endlich sich der eigenen Sterblichkeit stellen und Patientenverfügung und Testament machen. Ich fühle mich fit wie nie, aber auf der Welt gibt es reichlich Busse, vor die man laufen kann. Und endlich… ja, endlich wieder leichten Herzens und leichten Schritts weitergehen.


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