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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Wiedersehensfreude – irgendwie war früher alles viel größer

Tatsächlich, da steht es noch, das Restaurant von früher! Ich spüre Wiedersehensfreude. Das alte Schwimmbad! Die Pension "Adele"! Nur: Warum rührt uns das eigentlich?

Wiedersehensfreude – irgendwie war früher alles sehr viel größer

Wiedersehensfreude ist ein Gefühl, das schwer zu beschreiben und noch schwerer zu rechtfertigen ist.

Seit drei Tagen bin ich mit meinen Eltern in Büsum, einem verschlafenen Örtchen an der Nordsee, in dem wir uns von 1968 bis 1981 mit zwei befreundeten Familien ein winziges Ferienapartment geteilt haben. Jeder war zwei Wochen dran, dann kam die nächste Familie. Ich erinnere mich an zwei orangerot melierte Sofas, auf denen wir nachts schliefen, und einen Schwarz-Weiß-Fernseher, auf dem ich die Mondlandung sah, ich wurde extra geweckt. Das Haus hieß "Rainer", man konnte über den Deich ins Watt gucken, und in der Parallelstraße gab es eine Kneipe, die "Scholle satt" anbot, also so viele Schollen, wie man schaffte, nur Anfänger aßen Sättigungsbeilagen dazu. So war das mit dem Urlaub in den 70er Jahren.

Wiedersehensfreude ist schwer zu beschreiben

Alle Orte, die man nach Jahrzehnten wieder besucht, sind seltsam geschrumpft. Für das Kind war es die große Welt, für den Erwachsenen ist es eine Modelleisenbahn, auf die man aus großer Höhe schaut, mit leiser Zärtlichkeit. Und mit einem Blick, der ausschließlich das Bekannte sucht, was anderes will man gar nicht sehen.

Das ist in Büsum gottlob leicht. Die Pensionen heißen immer noch "Haus Adele" oder "Hoch am Wind", es gibt immer noch das Restaurant "Kolles Alter Muschelsaal" aus dem Jahr 1920, dessen Wände bis zur Decke mit Muscheln beklebt sind, es gibt immer noch (seit 118 Jahren!) Wattlaufen in Begleitung einer Blaskapelle, es gibt immer noch das Meerwasserwellenbad, in dem ich meinen Freischwimmer gemacht habe. Auch wenn es jetzt "Erlebnisbad Piraten Meer" heißt und Whirlpools hat, wird immer noch zur vollen und halben Stunde der künstliche Wellengang eingeschaltet, zehn Minuten lang, ich habe noch mein eigenes Kinderkreischen im Ohr und spüre noch das Brennen, das man in den Augen hatte, wenn man im Salzwasser nach Ringen tauchte.

Dass all das noch existiert, erfüllt mich mit einer Freude, die schwer zu beschreiben und noch schwerer zu rechtfertigen ist. Ich vermute, dass genau dann das Altern einsetzt, wenn man sich mehr über das freut, was geblieben ist, als über Neues. Ich finde es etwas besorgniserregend, dass ich neulich auf einem Sleaford-Mods-Konzert stand und dachte: Ich mag nicht mehr angebrüllt werden von Post-Punk-Bands und mag keine Ellenbogen mehr in die Rippen gehauen bekommen von Fleischtunnel-Trägern, die nicht mal richtig Pogo tanzen können. Vielleicht muss ich diese Erlebnisse Leuten überlassen, die bei der ersten Runde noch nicht geboren waren. Irgendwas ist da gerade vorbei mit mir.

Eben gerade – meine Eltern, 92 und 85, waren schon längst im Bett – saß ich mit dem Hund auf einer Bank vor dem Rathaus, gleich hinter dem für den Bürgermeister reservierten Parkplatz. Ich habe bestimmt 20 Minuten lang auf das Wasserspiel geschaut, auf das hohe, elegant mehrstrahlige in der Mitte und drei kleinere wild spotzende Strahlen drumherum, und mich dabei bestens unterhalten gefühlt. Vielleicht ist es so, dass irgendwann die Modelleisenbahn wieder zur großen Welt wird, die Vergnügungen überschaubarer sind, die Kreise kleiner, die Bewegungen langsamer.

Großtante Frida

Am letzten Wochenende habe ich meine Cousins und Cousinen getroffen, wir haben gegessen, getrunken, gelacht, uns erinnert. Unter anderem haben wir über unsere Großtante Frida mit ihren langen Röcken gekichert, die immer mit der Fliegenklatsche in der Hand in ihrem Sessel einschlief. Dann fiel uns auf, dass sie damals in ungefähr demselben Alter gewesen sein musste wie wir heute. Nur eine Frage der Zeit, bis wir selbst mit der Fliegenklatsche in der Hand einschlafen. Seit heute, seit dem Wasserspiel, habe ich keine Angst mehr davor.

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