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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Geliebtes Handy: Verlass bitte mein Bett!

Liebes Handy, es ist alles zu viel geworden, die Nähe, die Abhängigkeit, die verplemperte Zeit. Aber es ist nicht das Ende, es ist nur eine Trennung auf Zeit.

Geliebtes Handy: Verlass jetzt bitte endlich mein Bett!

Man checkt sein Handy 150-mal pro Tag

Mach dir bitte keine Sorgen, ich will nicht Schluss machen. Nicht total. Aber wir brauchen mal ein bisschen Abstand zueinander, findest du nicht? Eine Beziehungspause. Nein, es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Ich ertrage diese Abhängigkeit nicht mehr. Dieses Gefühl, nicht ohne dich leben zu können.

Deshalb lasse ich dich nicht mehr in mein Bett. Deshalb gilt dir nicht mehr mein erster Blick am Morgen und mein letzter in der Nacht. Ich gehe jetzt mit einem anderen schlafen. Nein, du kennst ihn nicht. Gut, ich verrate dir seinen Namen: Buch.

Man checkt sein Handy 150-mal pro Tag

Es wird nicht von Dauer sein, aber den Versuch ist es wert: eine Probescheidung vom Handy. Unsere Beziehungskrise nahm ihren Lauf, als ich ein drei Meter langes Ladekabel kaufte, das bequem von der Steckdose bis unter die Bettdecke reichte. Jeden Morgen tastete ich noch im Dunkeln nach dem Gerät, checkte das Wetter (zu faul, den Vorhang zu öffnen), Newsletter, Nachrichten, Facebook. Jeden Tag habe ich locker eine halbe Stunde verplempert, bevor ich auch nur aufgestanden bin. Der Tag begann mit Zeitvernichtung, und er endete nicht selten damit, dass ich einschlief, während mir das Handy auf dem Kopfkissen Podcasts vorspielte.

Und so ging es weiter: Ich will schnell was nachschlagen (ich wette, dieses Wort wird in der Post-Brockhaus-Ära binnen zehn Jahren ausgestorben sein) und schaue nach einer Stunde besinnungslosen Surfens wieder auf. Ich habe eine Menge gelesen, könnte aber nicht genau sagen, was. Eine Stunde ist still gestorben, sinnlos verdaddelt. Und die Fugen, die Zwischenräume im Eigentlichen und Wichtigen, werden breiter und breiter.

Man checkt sein Handy 150-mal pro Tag, heißt es. Die Tech-Giganten leben davon, dass wir so süchtig sind – nur so lässt sich in der Aufmerksamkeitsökonomie Anzeigengeld verdienen. Die Methode folgt der Glücksspielindustrie: Man fixt die Leute am leichtesten an, wenn es unterschiedliche Belohnungen für das immer gleiche Verhalten gibt. Also funktioniert das Handy wie ein einarmiger Bandit in der Hosentasche. Habe ich eine E-Mail bekommen? Eine Whatsapp? Finde ich was Interessantes bei Facebook? Mal ja, mal nein. Unser Diesel ist die Angst, etwas zu verpassen. Kann ja was Wichtiges dabei sein. Ist es natürlich selten bis nie, aber die Erwartung bleibt. Und die Sucht wird zur Normalität.

Ich habe einige Methoden des Drogenentzugs probiert, eine App namens Forest zum Beispiel: Man pflanzt virtuell kleine Bäumchen, die nur wachsen, wenn man die Pfoten vom Handy lässt. Nimmt man es in die Hand, verdorrt die Tanne. Für zehn Minuten Handyloslassen gibt es einen Busch, ab 25 einen Baum. Je länger man durchhält, desto mehr Punkte gibt es, für eine bestimmte Anzahl erhält man eine neue Baumart, eine Kirsche oder einen Ahorn für einen schönen Mischwald.

Ich vergesse das Ding. Manchmal.

Das funktioniert als Erziehungsinstrument bei mir ganz gut (wenngleich es natürlich irre ist, eine App zu benutzen, um das Benutzen von Apps zu verhindern), noch wirkungsvoller aber war die Entscheidung, die Farbe rauszudrehen, sodass nur noch Grautöne zu sehen sind (>Einstellungen >Allgemein >Bedienungshilfen >Display-Anpassungen >Farbfilter). Auf einmal sieht der Daddelautomat wie ein Fernseher von 1965 aus. Er macht auch nicht mehr ding-ding-ding, weil ich alle Mitteilungstöne abgeschaltet habe.

Ergebnis: Ruhe. Ich vergesse das Ding. Manchmal. Aber immer öfter. Und wenn ich es in die Hand nehme, habe ich dasselbe Gefühl wie früher nach dem Jahresurlaub: Man kommt zurück und stellt fest, man hat nichts verpasst.

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