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M.Winnemuth: Um es kurz zu machen: Nun soll auch noch eine neue Titanic gebaut werden - der seltsame Trend des Kopierens

Zu den vielen merkwürdigen Trends unserer Zeit gehört das Kopieren von nahezu allem. Aber wozu braucht man zum Beispiel eine weitere "Titanic"?

Replikas als neuer merkwürdiger Trend: Aus eins mach zwei

"Man könnte den Trend der Replikas als idiotischen Quatsch abtun, der beruhigenderweise nicht mal funktioniert, wenn dahinter nicht ein meschuggener Gotteskomplex stünde."

Vor Kurzem ging die Meldung durch die Medien, dass der australische Milliardär Clive Palmer eine Neuauflage der "Titanic" plant. Gebaut werden soll das Schiff im Mutterland aller Kopien, in China.

Die "Titanic II" soll in allen Details so aussehen wie das Original, inklusive der Dritte-Klasse-Kabinen unter Deck, und dieselbe Strecke fahren, Southampton–New York. Den Passagieren soll Kleidung im Stil der 1910er Jahre zur Verfügung gestellt werden, um ein möglichst authentisches Erlebnis zu garantieren. Aus der Meldung ging nicht hervor, ob Clive Palmer auch einen Nachbau des Eisbergs plant.

Traumreise auf der "Titanic II"

Palmer ist sich sicher, dass die Leute Schlange stehen würden, um auf der "Titanic II" mitzufahren, und ich befürchte, dass er damit recht hat. Das Wissen um die 1500 Menschen, die bei der Jungfernfahrt des Originals im April 1912 starben, wird den Thrill noch erhöhen, und vermutlich werden die Tickets mit festen Zeitfenstern versehen, zu denen man mit ausgebreiteten Armen am Bug stehen darf.

Ob es was wird, muss man sehen, Palmer spielt seit 2012 mit dem Plan und gilt als großmäulige, durchgeknallte australische Mischung aus Donald Trump und Boris Johnson (okay: noch großmäuliger und noch durchgeknallter), er hat schon etliche Projekte in den Sand gesetzt. Aber ist es nicht schockierend, wie unglaublich wahrscheinlich es klingt, dass dieses Schiff trotz oder wegen des ausgesprochenen Irrsinns der Idee tatsächlich vom Stapel läuft? Geschmack oder Moral waren noch nie Gründe, Leute vom Geldverdienen abzuhalten, aber es kommt noch etwas anderes hinzu: die Tatsache, dass es inzwischen komplett egal geworden zu sein scheint, ob etwas echt ist oder nur eine miese Kopie. Das Zweitbeste, der reine Abklatsch ist völlig ausreichend, in der Wahrnehmung vieler sogar besser: hey, die "Titanic"! Diesmal aber mit mehr Rettungsbooten!

Dass alles, aber auch wirklich alles kopiert wird, ob Kunstwerke, Kleidung oder Konsumgüter wie Luxustaschen oder Parfüm, ist längst Normalität. Früher bestand der Wert bestimmter Dinge darin, dass sie sich nicht jeder leisten konnte, heute im Gegenteil darin, dass jeder alles jederzeit haben kann. Die Einmaligkeit wird durch die Zwei- oder Dreimaligkeit (wenn nicht gar Dreimillionenmaligkeit) komplett pulverisiert.

Für das Habenwollen werden inzwischen sogar Naturgesetze ausgehebelt: Verstorbene Haustiere werden inzwischen in Südkorea gewerbsmäßig geklont. Barbra Streisand zum Beispiel hat ihren Schoßhund gleich doppelt nachbauen lassen, ein Unternehmerehepaar aus Sachsen zahlte für eine neue Version seiner toten Bulldogge Marlon 88.000 Euro. Das Charmante daran ist, dass Marlon II Marlon I überhaupt nicht ähnelt, er hat eine ganz andere Fellzeichnung. Er wird ihm auch charakterlich nicht gleichen, wenn man ihn nach sieben Monaten in einem koreanischen Labor in die Hände seiner Besitzer übergibt: Die ersten Wochen sind entscheidend für die Prägung eines Hundes, er wird zu einem ganz anderen Tier heranwachsen.

Idiotischer Quatsch?

Man könnte das alles also als idiotischen Quatsch abtun, der beruhigenderweise nicht mal funktioniert, wenn dahinter nicht ein meschuggener Gotteskomplex stünde, ein Bestreben, sogar die Geschichte auszuhebeln, die Herrschaft über die Zeit zu erlangen. Gerade heute las ich, dass der holländische Motivationstrainer Emile Ratelband eine Klage eingereicht hat, um sein Alter offiziell von 69 auf 49 senken zu lassen, der besseren Erfolgschancen auf dem Arbeits- und Paarungsmarkt wegen.

Jeden Tag gelangt eine neue Form von Schwachsinn in die Welt, und jeden Tag scheint es ein bisschen normaler.

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