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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Handyfotografie: Tourist im eigenen Leben

Seit wir Handys haben, machen wir reflexhaft Fotos – Bilder, die keiner anschaut, keiner braucht. Aber für Handyfotografie gibt es auch schon eine digitale Müllabfuhr.

Handyfotografie: Sich als Tourist im eigenen Leben fühlen

Handyfotografie verursacht eine Menge digitalen Müll

Auf meinem Handy sind 1854 Fotos, das erste stammt vom Oktober 2015, wie anscheinend das Handy selbst. Etwa die Hälfte der Bilder zeigt meinen Hund oder meinen Garten. Selfies: nur mit Freunden. Ich bin aus dem Alter raus, in dem man sich selbst rasend interessant findet.

Was auf den 1854 Fotos zu sehen ist, wusste ich bis eben nicht so richtig. Ein Phänomen der Handyfotografie ist ja, dass man reflexartig Bilder macht und Videos dreht, die man höchstens nach der Aufnahme noch mal kurz checkt und dann nie wieder anguckt.

Buddelnder oder stöckchentragender Hund

Unter anderem entdeckte ich das Foto eines Hotelflurs, wo ein Schild zu den Tagungsräumen "Humor", "Weisheit", "Zuversicht", "Heiterkeit", "Frohsinn" und "Gelassenheit" weist. Joah. Mittellustig, mäßig dokumentationswürdig, und trotzdem habe ich damals im November 2015 in Pforzheim das Handy gezückt. Das Foto sehe ich gerade zum ersten Mal. Ebenso wie das Bild einer bronzenen Gedenkplakette auf Helgoland: "Im Juni des Jahres 1925 gelang hier auf Helgoland dem 23-jährigen Werner Heisenberg der Durchbruch in der Formulierung der Quantenmechanik, der grundlegenden Theorie der Naturgesetze im atomaren Bereich, die das menschliche Denken weit über die Physik hinaus tief greifend beeinflusst hat." Wahrscheinlich wollte ich damals eine Sammlung der wortreichsten Bronzeplaketten der Welt anlegen, ich weiß es nicht mehr.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir uns über japanische Touristen amüsiert haben, die in sechs Tagen quer durch Europa getrieben werden, von einem Fotomotiv zum nächsten – Viertelstunde aussteigen, knipsen, wieder in den Bus –, und die erst zu Hause sehen, wo sie gewesen sind. Jetzt sind wir selbst zu Touristen unseres eigenen Lebens geworden. Gar nicht groß hingucken, abdrücken, schnell weiter. Man hat's ja auf dem Handy abgeheftet.

Nur wofür? All die Leute, die im Konzert ihre Smartphones über die Köpfe der vor ihnen Stehenden auf deren Smartphones und die Videoleinwand vorn über der Bühne richten, um den letzten, dieses Mal aber wirklich, nein wirklich allerletzten Auftritt der Stones mitzufilmen, die irgendwo da vorn in 100 Meter Entfernung spielen: Werden die in einer langen Winternacht dieses wacklige, durch Zoomen auch noch unscharfe Video mal anschauen? Vermutlich genauso wenig, wie ich die 30 Videos meines buddelnden oder stöckchentragenden Hundes anschaue.

Handyfotografie verursacht eine Menge digitalen Müll

Dass man so viel Bildmüll mit sich herumschleppt, hat natürlich damit zu tun, dass Fotografieren noch nie so leicht war wie heute. Das Handy sitzt locker, es steckt entsichert in der Tasche, ein Griff und klick. Dementsprechend häufen sich in meiner Sammlung Fotos aus der Kategorie "Zu faul, einen Stift in die Hand zu nehmen": Visitenkarten, Wasserstandsuhren, Ikea-Preisschilder von Dingen, die ich dann doch nicht gekauft habe (aber ich könnte! "Dieses Produkt finden Sie in Gang 12, Regal 5"), und ein Schild mit den Öffnungszeiten der Ausgabestelle für den Gelben Sack. Die Information muss man allerdings, wenn man sie braucht, erst mal finden unter 1854 Fotos.

Inzwischen gibt es die ersten Foto-Aufräum-Apps, die Duplikate und Verwackeltes automatisch löschen und unter zehn fast identischen Sonnenuntergängen den schönsten aussuchen. Man muss sie einfach lieb haben, die Menschheit: produziert digitalen Müll, aber produziert auch digitale Müllabfuhren. Wir wollen loswerden, was wir ohnehin nicht festhalten können: Für die Ewigkeit sind die Bilder nicht, kein Mensch weiß, welche Speicherformate in 20 Jahren noch existieren. Die Bilder, die wir meist sowieso vergessen haben, sind dann endgültig dahin.

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