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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Wackelkontakte des Lebens: Willkommen in der Diskomfortzone

Kaputte Jackentasche, kaputter Rücken, kaputte Beziehung – alles kein Grund, aktiv zu werden, wir haben uns doch längst arrangiert.

Kaputte Jackentasche, kaputte Beziehung – Wackelkontakte des Lebens

"Im Flur habe ich beispielsweise schon ewig eine kaputte Lampe"

Da ist ein Loch in der rechten Tasche meiner dicken Winterjacke. Es war dort den ganzen Winter, und der Winter dauerte bis vorgestern, dauert voraussichtlich sogar bis Mitte Juni, zumindest hier im Norden. Ich versuche hier vom Loch abzulenken, Sie merken es schon. Das Loch ist nämlich nicht neu, sondern existierte schon im letzten Winter. Ich vergaß es nur, ebenso wie ich meine Winterjacke vergaß, bis beides wieder Teil meines täglichen Lebens wurde. Das Loch hatte sich verrückterweise im Sommer nicht geschlossen, also begann ich im November dasselbe Ritual wie im Jahr zuvor: kleines Zeug wie Schlüssel und Labello in die heile linke Tasche, alles Sperrige, das nicht durchrutschen kann – Handschuhe, Handy, Hundeleine –, in die rechte Tasche. Reine Gewohnheitssache.

Duct Tape geht immer

Irgendwann war das Loch so groß, dass mein Handy durchrutschte. Jeden Tag grabbelte ich es fluchend wieder vom Jackensaum hoch und verpasste Dutzende von Anrufen, weil ich nicht schnell genug war, jeden Tag schwor ich mir, nun aber endlich mal dieses Loch zu flicken, das war ja nicht mehr zum Aushalten, wieso hatte ich nicht schon längst … Ich bin einfach eine elende Schlampe. Das Loch wurde einfach nur noch größer, eines Tages rutschten Hundeleine und Handschuhe durch, es war eigentlich keine Tasche mehr, sondern der direkte Durchgang zum Jackensaum. Ich gewöhnte mich daran, ich nahm es hin im irrigen Glauben, dass sich das Problem von selbst erledigen würde, bis zum nächsten Winter jedenfalls, denn es würde ja jetzt jeden Tag Frühling werden.

Nun. Tat es nicht. Ich bin deshalb nun endlich so knapp davor, mich um das Loch zu kümmern. Nähen ist ausgeschlossen, dafür müsste ich Nähzeug besitzen oder besorgen. Aber Duct Tape ginge. Duct Tape geht immer, damit habe ich schon Hosen umsäumt, Autorückspiegel repariert und Raumstationen geflickt.

Andererseits habe ich nun schon so lange mit meinem Loch ausgehalten, dass es ein gewisses Bleiberecht hat. Es ist inzwischen Teil meiner Diskomfortzone geworden. Jeder hat so eine, glaube ich: Die Diskomfortzone umfasst alles, was nicht richtig funktioniert oder kaputt ist oder wehtut, mit dem man es aber trotzdem aushält – und das, obwohl man es leicht beheben könnte.

Die Wackelkontakte des Lebens: kaputte Lampen, kaputter Rücken, kaputte Beziehung – man hat sich arrangiert. Das Leben ist Leiden, wie der Buddhismus lehrt. Je älter man wird, desto größer wird die Diskomfortzone: Man hört nicht mehr so gut, aber ein Hörgerät? Bleib mir weg damit! Ein Stock, ein Rollator gar? Was sollen denn die Nachbarn denken, dass ich alt werde oder was? Also schleppt man sich so durch und dreht den Fernseher auf Anschlag.

Im Flur habe ich schon ewig eine kaputte Lampe

Vorgestern war ich bei einer Freundin zu Besuch, ich erzählte von meinem Loch. Sie sagte: "Also mein Loch ist die Lampe im Flur, die ist schon ewig kaputt, und ich komme nicht ran, weil sie über der Treppe hängt, wie soll man da eine Leiter aufstellen? Also gehe ich nachts im Schein meines Handys die Treppe hoch." – "Lass mich mal gucken", sagte ich, schraubte von der Treppe aus die Leuchte auf, eine neue Birne rein, die Leuchte wieder zu. Eine Sache von drei Minuten. Sie stand kopfschüttelnd daneben.

Nur bin ich nicht sicher, ihr einen Gefallen getan zu haben. Ich habe nämlich vorhin mein Duct Tape gezückt und das Loch in meiner Tasche zugeklebt. Eine Sache von drei Minuten. Aber eben beim Spazierengehen fühlte es sich so ungewohnt an, so unangenehm heil, dass ich jetzt überlege, es wieder … Mir fehlt was. Mir fehlt mein Loch.

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