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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Wirklich warm, nicht? Warum wir mehr übers Wetter sprechen sollten

Gespräche übers Wetter sind selten intellektuell hochwertig. Das ist kein Grund, sie gering zu schätzen. Denn immerhin: Man redet miteinander.

Wettergesabbel: Warum wir mehr übers Wetter sprechen sollten

Das Wettergesabbel schafft eine "phatische Gemeinschaft"

Verzeihung, aber ich muss noch mal kurz auf das Wetter zurückkommen, auch wenn das Thema längst durch ist, wie Medienmenschen zu sagen pflegen. Es hat einen ARD-Brennpunkt gegeben, Titelgeschichten, besorgte Kommentare und circa 10.000 Interviews mit Klimaforschern. Und viele, viele Sätze mit "noch nie so". Noch nie so warm, noch nie so trocken, noch nie so viele Sondersendungen. Es ist alles gesagt und alles geschrieben. Eigentlich.

In Wirklichkeit ist das Wetter – speziell dieses Wetter – natürlich längst nicht durch. Erstens ist es immer noch da, um uns herum und in uns drin, und zweitens, wichtiger, ist es immer noch Gesprächsstoff. Und dadurch eine unendlich kostbare Ressource. Wetter ist einer der sehr wenigen verbliebenen gemeinsamen Nenner der Menschheit. Ach, machen wir's eine Nummer kleiner: der Deutschen. So wahnsinnig viele gemeinsame Themen gibt es ja nicht mehr, über die jeder mit jedem unfallfrei sprechen kann, in denen sich alle gleichermaßen auskennen und eine Meinung oder zumindest ein vages Gefühl formulieren können. Vielleicht gerade noch "Tatort" oder Nationalmannschaft, beides eher konfliktbeladene Felder. Okay, und Benzinpreise.

Wettergesabbel schafft "phatische Gemeinschaft"

Wetter funktioniert hingegen immer super. Wetter lässt Wildfremde miteinander sprechen oder wenigstens miteinander stöhnen, an der Bushaltestelle, an der Supermarktkasse und sogar im Aufzug, wo sonst prinzipiell strenges Redeverbot herrscht. "Puh, ist das wieder heiß heute", "Ja, und schon so lange", "Ich kann mich gar nicht erinnern, wann zuletzt ..." und so weiter, die Trockenheit, die Ventilatorenknappheit, das nächtliche Gießen von Straßenbäumen, die besten Badestellen et cetera et cetera. Man muss nur rechtzeitig aufhören zu reden. Klimawandel, da wird's schon wieder kompliziert. Bauernverbandsforderungen: gar nicht erst damit anfangen. Oder schnell umschwenken auf die prognostizierte Weinernte und die Frage, ob man demnächst Ananas in Schleswig-Holstein anbauen kann.

Reden über das Wetter sollte an Schulen gelehrt werden. Denn es dient als dringend benötigtes soziales Gleitmittel, als sprachliches Äquivalent einer bayerischen Biergartenbank: Alle rücken unterschiedslos zusammen. Wissenschaftlich betrachtet fällt das Wettergesabbel in den Bereich dessen, was Linguisten "phatische Gemeinschaft" nennen. Bedeutet: Kommunikation, die nicht dem Austausch von Information dient, sondern der Herstellung von Nähe. Was tausendmal wichtiger ist als Information, wenn Sie mich fragen. Informationen gibt es eh genug, Nähe bei Weitem zu wenig, und die Small-Talk-Bereitschaft und Small-Talk-Kompetenz haben in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen. Mit echten Menschen reden? Mit unbekannten zudem? Einfach so? Gott bewahre! Wozu hat man ein Smartphone?

"Und dieser Dauerregen!"

Der allgemeinen Maulfaulheit ist nur mit einer schönen Extremwetterlage wie der diesjährigen beizukommen. Darüber kann man nicht nicht sprechen. Extremwetter ist dabei genauso dankbar, wie es Extrempolitiker sind. Trump und Seehofer sind immer für ein schönes gemeinschaftsstiftendes Augenrollen gut, für ein Seufzen, Lachen, Grimassieren, für all das also, was dafür sorgt, dass wir unseren Nächsten zur Abwechslung mal wieder ein bisschen lieben. Und das ist alles andere als banal.

Ein Hoch auf die Hochdruckzone also. Und da wir jetzt so gut im Training sind, lässt sich das Thema mit etwas gutem Willen bis in den Herbst verlängern. "Bisschen frisch geworden, nicht?" – "Ach ja. Und dieser Dauerregen! Wäre schön, wenn wir mal wieder einen richtigen Sommer kriegen würden."

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