Großbritannien Streit um die Salz-Fett-Zucker-Ampel


Rote, gelbe und grüne Punkte auf den Verpackungen von Lebensmitteln sollen die viel zu dicken Briten zu gesünderer Ernährung erziehen. So viel Transparenz ist der Lebensmittelindustrie aber unheimlich - viele Firmen boykottieren das System.
Von Cornelia Fuchs

Im Fernsehtrailer sieht alles ganz harmlos aus: Ein kleines Strichmännchen spielt mit grünen, gelben und roten Punkten. Doch auch wenn die Werbekampagne noch so sorglos und fröhlich daherkommt: Die neue Gesundheits-Etikettierung in britischen Supermärkten hat einen Kleinkrieg ausgelöst.

Eigentlich ist die Idee einfach: Die Farben Rot, Gelb und Grün auf der Packung zeigen an, wie hoch der Salz-, Fett- oder Zuckergehalt eines Lebensmittels ist. Rot steht für besonders viel Salz, Fett oder Zucker, grün für besonders wenig. In einem Land, in dem bald eines von drei Kindern an Fettsucht leiden wird, wollte die Regierungsbehörde "Food Standard Agency" ein System etablieren, das schon Kindern beibringt, was gut für sie ist und was schlecht.

Angst vor den dicken roten Punkten

Und tatsächlich ist die neue Etikettierung bei den Supermarktkunden sehr beliebt. Doch 21 Nahrungsmittelhersteller und drei der größten Supermarktketten weigern sich, sie auch auf ihren Produkten anzubringen. Sie gehen sogar noch weiter: Mit einem Werbeaufwand von mehr als sechs Millionen Euro versuchen sie, ihr eigenes Ordnungssystem in den Markt zu drücken. Das wiederum zeigt an, wie viel Prozent des Tagesbedarfs das Produkt enthält. Mehr als ein Drittel der Kunden versteht die Zahlen nicht zu lesen, wie Untersuchungen zeigen.

Diese Verwirrung scheint der Sinn der Gegen-Etikettierung zu sein. Denn das Ampel-System der Behörde ist so simpel und einleuchtend, dass Hersteller wie Coca-Cola, Kellogg's, Cadbury Schweppes oder die Supermarkt-Kette Tesco riesige Einbußen fürchten müssen. Denn natürlich werden Produkte mit vielen roten Punkten für den Kunden plötzlich sehr unattraktiv. Im vergangenen Jahr untersuchte die Verbraucherorganisation "Which?" beispielsweise 275 Müsli- und Cornflakes-Produkte. 75 Prozent hatten einen sehr hohen Zuckeranteil; bei Produkten, die speziell für Kinder beworben wurden, waren es sogar 90 Prozent. All diese Packungen bekämen unter dem neuen Ampel-System dicke rote Punkte verpasst.

Unrealistisch kleine Portionen

So kämpfen einige Lebensmittelhersteller seit vergangenem Jahr einen Kampf, der stark an die Abwehrreaktion der Tabakkonzerne erinnert, als die Debatte um die Gesundheitsgefährdung des Rauchens begann. Seit Monaten sprechen Lobbyisten bei Parlamentariern vor, um zu verhindern, dass die Etikettierung zum Gesetz wird. "Es war unglaublich, sie schienen bei jedem Politiker schon vorgesprochen zu haben, bevor wir unser Ampelsystem überhaupt vorgestellt hatten", erzählt ein Vertreter der zuständigen Nahrungsmittel-Behörde.

Kellogg's flog eigens Journalisten mit einem Privatjet in seine Produktionsstätten bei London, um diese von der Sinnhaftigkeit des eigenen Etikettierungssystems zu überzeugen. Doch genau die widerlegte gerade eine Studie des "National Heart Forum": Die Portionsangaben auf den Packungen seien unrealistisch klein gewählt und berücksichtigten nur die Nahrungsaufnahme von Erwachsenen - auch wenn das Produkt für Kinder beworben wird.

Dickmacher-Werbung droht das Aus

Im nächsten Monat geht der Kampf für die Nahrungsmittelproduzenten in die nächste Runde: Dann sollen Werbefilmchen verboten werden, die Produkte mit hohem Salz-, Fett- oder Zuckergehalt Kindern schmackhaft machen sollen. Und bisher basiert die gesundheitliche Bewertung auf dem Ampelsystem der Regierungsbehörde. Allein für die Frühstücksflocken-Industrie steht damit ein Werbeaufwand von mehr als hundert Millionen Euro in Frage. Noch.


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