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FORSCHUNG: Deutschlands größtes BSE-Projekt

BSE-Kalb »Otto« steht seit einem Jahr im Stall der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten: vom Rinderwahn keine Spur. Ganz im Gegenteil, Otto ist ein prächtiger Bulle geworden.

Unbeeindruckt vom Streit um die Pannen bei BSE-Tests in Deutschland fristet der berühmteste Nachfahre eines BSE-Rindes auf der Ostseeinsel Riems ein unbekümmertes Dasein. Kalb Otto, Sohn der ersten in Deutschland entdeckten BSE-Kuh, ist in den Ställen der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere zu einem prächtigen Jungbullen herangewachsen. Von Rinderwahn keine Spur, versichert der BSE-Forscher Martin Groschup, Chef des Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger auf der Insel. Nur Ottos Manneskraft mache den Tierpflegern erheblich zu schaffen. Deshalb soll Otto in den nächsten Wochen kastriert werden.

Während der künftige Ochse nach Meinung der Wissenschaftler eher an Altersschwäche als an BSE verenden wird, wartet ab Sommer ein weitaus dramatischeres Schicksal auf 50 gesunde Rinder. Kollektiv sollen die Schwarzbunten mit dem BSE-Erreger infiziert werden. Der krank machende Cocktail besteht nach Angaben der Forscher wahrscheinlich aus einer Einmaldosis von 0,5 Gramm hochinfektiöser Gehirnmasse BSE-erkrankter und mittlerweile gestorbener Artgenossen: Die Planungen für das größte BSE-Forschungsprojekt laufen auf Hochtouren. In wenigen Wochen wird mit dem Umbau einer alten Lagerhalle zu einem BSE-Stall mit Dekontaminationsbereichen und eigenem Sektionsraum für die toten Tiere begonnen.

In dem Großversuch auf der idyllisch gelegenen, aber hermetisch gesicherten Insel wollen die BSE-Experten endlich herausbekommen, wie sich der hartnäckige Erreger im Körper des Rindes ausbreitet. »Bisher können wir nur vermuten, dass der Erreger über die Nervenbahn vom Darm in das Gehirn gelangt«, sagt der Präsident der Bundesforschungsanstalt, Thomas Mettenleiter. Beweise fehlen bislang. Von einer ziemlich sicheren Prämisse gehen die Tierseuchenforscher aber aus: »Der Erreger gelangt über Futter, das heißt über Tiermehl und Milchaustauscher, in den Organismus«, sagt Mettenleiter.

Tiere sterben im Dienste der BSE-Forschung

Die BSE-Erreger gehören zur Gruppe der Prionen, die den Human- und Veterinärmedizinern auch ein Jahr nach dem Höhepunkt der BSE-Krise große Rätsel aufgibt. Pathologisch veränderte Prionen gelten als äußerst aggressiv und sind unter anderem für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, ihre neuartige Variante sowie bei Rindern für BSE verantwortlich. Noch ist unklar, warum und unter welchen Bedingungen sich die eigentlich friedlichen Eiweiße zu pathologischen und todbringenden Mutanten verändern.

Die Forschungen auf Riems haben daher auch Grundlagencharakter: »Wenn wir wissen, wie der Erreger vom Darm ins Gehirn wandert, können kranke Tiere bereits in der Inkubationszeit erkannt werden«, sagt Groschup. Das wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Prophylaxe und Therapie.

Mit genauester Beobachtung und mit detektivischem Spürsinn wollen Tiermediziner und Mikrobiologen dem Prion auf die Schliche kommen. »In bestimmten Zeitabständen werden Tiere geschlachtet. Dann werden Blut, Nerven- und Lymphgewebe sowie die Gehirn- und Muskelmasse auf Veränderungen untersucht«, erklärt Groschup. Spätestens nach fünf Jahren sollen die letzten Tiere im Dienste der BSE-Forschung sterben.

Proben der experimentell infizierten Rinder sollen zudem in die nationale BSE-Datenbank eingestellt werden. Hier lagern bereits Proben aller fast 150 nachweislich an BSE erkrankten Tiere. Diese »Bibliothek des Rinderwahns« auf der Insel Riems könnte die BSE-Tiere noch posthum nützlich machen: Wissenschaftler anderer Institute sowie Pharmaunternehmen sollen auf die Proben zugreifen können, um an Therapiemöglichkeiten gegen die Krankheit zu arbeiten.

Mit dem Tierversuch auf Riems sind die deutschen BSE-Forscher in europaweite Forschungsprojekte eingebunden. In Großbritannien werden Ochsen experimentell infiziert, in Spanien Schweine. Norwegen, die Niederlande und Frankreich widmen sich den Schafen.

Martina Rathke, dpa

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