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Wissenschaft: Forscher untersuchten Einsteins Gehirn - das fanden sie über Genies heraus

Mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten verändern sie die Welt. Doch was macht sie zu genialen Überfliegern? Wissenschaftler suchen die Antwort, auch in Einsteins Hirn.

Von Claudia Kalb

Albert Einstein

Albert Einstein gilt als Genie. Forscher haben sein Gehirn untersucht.

Das Museum für Medizingeschichte in Philadelphia beherbergt einige seltsame Präparate. Bei einem Ausstellungsstück aber drücken sich die Besucher scharenweise ihre Stirn an der Vitrine platt. Das beliebteste Ausstellungsstück ist ein Holzkistchen voll mit Objektträgern: Albert Einsteins Gehirn, in 46 dünne Scheiben geschnitten. Über einem der Glasplättchen ist eine Lupe angebracht, durch das man ein briefmarkengroßes Gewebestück genauer betrachten kann. Die eleganten Strukturen und Verzweigungen sehen aus wie ein Flussdelta von oben.

In der Geschichte der Menschheit finden sich immer wieder einzelne Personen, die herausragende Leistungen auf einem bestimmten Gebiet erbrachten. "Das Genie", schrieb Arthur Schopenhauer, "trifft in seine Zeit wie ein Komet in die Planetenbahnen." Auf diese Art und Weise revolutionierte Albert Einstein die Physik. Sein einziges Werkzeug: die eigene Vorstellungskraft. Was unterschied sein Denkvermögen von dem "nur" hochintelligenter Mitmenschen? Was macht ein Genie aus?

Einsteins Gehirn faszinierte die Menschen schon immer. 1951 wurden seine Gehirnwellen aufgenommen. Nach seinem Tod 1955 präparierte ein Pathologe das Gehirn des Physikers. Einige der Objektträger befinden sich heute im Nationalen Museum für Gesundheit und Medizin in Maryland, andere im Mütter Museum für Medizingeschichte in Philadelphia.

Einsteins Gehirn faszinierte die Menschen schon immer. 1951 wurden seine Gehirnwellen aufgenommen. Nach seinem Tod 1955 präparierte ein Pathologe das Gehirn des Physikers. Einige der Objektträger befinden sich heute im Nationalen Museum für Gesundheit und Medizin in Maryland, andere im Mütter Museum für Medizingeschichte in Philadelphia.


Menschen beschäftigen sich seit Langem mit dem Ursprung von Genialität. Ein Genie wird erst im Laufe der Zeit erkennbar, wenn seine Ideen und Taten ihre Wirkung in der Welt entfalten. Und in ihm kommen so viele komplexe Eigenschaften auf einzigartige Weise zusammen, dass sie sich nicht auf einer Skala darstellen lassen. Intelligenz gilt oft als Maßstab für Genialität.

IQ von mindestens 140

Der Psychologe Lewis Terman von der Stanford University entwickelte einen Intelligenztest, der noch immer die Basis aller aktuellen IQ-Tests darstellt. In den 1920er-Jahren begann er mit der Langzeituntersuchung von über 1500 kalifornischen Schulkindern, die alle einen IQ von mindestens 140 aufwiesen – so definierte er "geniale oder genienahe" Intelligenz.

Terman und seine Mitarbeiter verfolgten nun den Lebensweg der Teilnehmer und dokumentierten diesen in der Schriftenreihe "Genetic Studies of Genius". Aus der Gruppe gingen Mitglieder der amerikanischen National Academy of Sciences, Politiker, Ärzte und Musiker hervor. Manche Teilnehmer der Studie scheiterten trotz ihres imposanten IQs. Andere Schüler dagegen, deren Intelligenz zunächst als "zu gering" galt, um zur Gruppe der Genies zu zählen, wurden später sehr erfolgreich, allen voran die Physik-Nobelpreisträger Luis Alvarez und William Shockley.

Solche Fehleinschätzungen kommen immer wieder vor. Für geniale Geistesleistungen braucht es neben Intelligenz auch Kreativität. Scott Barry Kaufman ist wissenschaftlicher Leiter des Imagination Institute in Philadelphia und hofft, dass kreative Menschen ihr Geheimnis selbst enthüllen: Kaufman lädt herausragende Persönlichkeiten zu Gesprächsrunden ein und fragt, wie sie auf ihre Ideen kommen. Bei den Gesprächsrunden wurde deutlich: Dem Aha-Erlebnis, geht oft eine Phase des intensiven Nachdenkens voraus. Informationen werden bewusst aufgenommen, dann wird das zu lösende Problem unbewusst weiter bearbeitet.

Keith Jarrett: "Ich schalte das Gehirn komplett ab"

Es ist möglich, zu untersuchen, wie solche Eingebungen entstehen. Kreative Prozesse im Gehirn hängen vom dynamischen Zusammenspiel neuraler Netzwerke ab, erklärt der Neurowissenschaftler Rex Jung von der University of New Mexico. Diese Netze arbeiten zusammen und nutzen verschiedene Teile des Gehirns simultan – beide Gehirnhälften und besonders den präfontalen Kortex. Dies lässt sich gut bei improvisierenden Jazzmusikern beobachten. Charles Limb ist Gehörspezialist und Chirurg an der University of California in San Francisco und hat ein kleines Keyboard ohne Eisenteile entwickelt, das in der engen Röhre eines Kernspintomografen gespielt werden kann.

Charles Limb

Blick ins Gehirn: Dank MRT-Aufnahmen erkannte der Gehörspezialist Charles Limb, dass die Selbstkontrolle in bestimmten Hirnarealen von Jazzmusikern und Rappern beim Improvisieren unterdrückt wird. Nun will Limb mit dem EEG die Aktivität in den Gehirnen von Komikern und anderen Kreativen messen. In seinem Labor an der University of California in San Francisco macht er auch Selbstversuche.


In einer Studie ließ er sechs Jazzpianisten zunächst eine Tonleiter und ein Musikstück aus dem Gedächtnis spielen. Anschließend sollten sie einem Jazzquartett zuhören und dabei Soli improvisieren. "Grundlegend anders" war dabei die Gehirnaktivität, sagt Limb. Das innere Netzwerk, das mit Ausdruck und Gefühlswelt assoziiert wird, war während der Improvisation besonders aktiv. Das äußere Netzwerk, zuständig für Konzentration und Kontrolle, beruhigte sich dagegen. "Es scheint, als ob das Gehirn die Fähigkeit zur Selbstkritik abstellt", sagt Limb.

Unterirdisches Gravitationswellenteleskop KAGRA

Hundert Jahre nachdem Einstein in seiner allgemeinen Relativitätstheorie die Existenz von Gravitationswellen vorhergesagt hatte, planen Wissenschaftler im japanischen Hida den Einsatz des ersten unterirdischen Gravitationswellenteleskops KAGRA.


Vielleicht liegt darin das Geheimnis der erstaunlichen Konzerte von Keith Jarrett. Der Jazzpianist improvisiert live bis zu zwei Stunden lang und kann nur schwer erklären, wie seine Musik entsteht. Wenn er spielt, verbanne er alle Noten aus dem Gedächtnis, seine Hände berührten die Tasten fast unabsichtlich. "Ich schalte das Gehirn komplett ab", erzählt er. "Da ist eine Kraft, die mich mit sich zieht."

Die Suche nach dem Ursprung von Genialität ist eine spannende Expedition, die wohl nie ans Ziel gelangen wird. Manchen Menschen kommt das sehr gelegen. "Ich will lieber gar nicht wissen, woher meine Musik kommt", sagt Pianist Keith Jarrett. "Wenn mir jemand eine Antwort anböte, würde ich sagen: Bloß nicht." Aber vielleicht ist die Suche nach dem Ursprung der Genialität schon erhellend genug. Und vielleicht lernen wir dabei so viel über unser Gehirn, unsere Gene und Gedanken, dass es uns tatsächlich gelingt, einen genialen Funken zu entdecken.

Aus dem Englischen von Sabine Schmidt


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