HOME

Gesichtstransplantation: Das fremde Lächeln

Zum ersten Mal haben Ärzte einer Lebenden die Züge einer Toten gegeben. Nach der Transplantation dankte die Patientin ihren Ärzten. Aber der Eingriff bleibt umstritten.

Nur langsam kommt Isabelle Dinoire in ihrem Krankenbett zur Besinnung. Unsicher und noch völlig entkräftet von der langen Operation starrt sie in den Spiegel, den die Ärzte ihr hinhalten. Erkennt die geschwollene Nase, die man ihr angenäht hat. Das Kinn. Die neuen Lippen, mit denen sie noch kein Wort sprechen kann. Wenig später greift sie zu einem Stift und schreibt auf ein Blatt Papier: "Merci".

Die 38-jährige Französin ist der erste Mensch, dem Ärzte ein in weiten Teilen fremdes Antlitz gaben. Noch nie zuvor haben Mediziner einem Toten ganze Gesichtspartien entnommen und sie danach einer lebenden Person implantiert - ein dreistufiger, insgesamt 21-stündiger Eingriff unter der Leitung der beiden Chirurgen Bernard Devauchelle und Jean-Michel Dubernard, der am 26. November um 22.30 Uhr begann.

Schon nach vier Stunden zirkulierte das Blut

Zunächst schnitten Ärzte in der Uni-Klinik der nordfranzösischen Stadt Lille aus dem Gesicht einer hirntoten Frau Nase, Mund und Kinn mitsamt Muskeln, Blutgefäßen und Nervenzellen heraus. Konserviert in einer vier Grad warmen Salzlösung traf das Transplantat noch in der Nacht im rund 120 Kilometer entfernten Amiens ein, wo sich mehr als ein Dutzend Ärzte an die Arbeit machte. Schon vier Stunden nach der Entnahme war die Verpflanzung so weit fortgeschritten, dass in Mund und Nase wieder Blut zirkulieren konnte.

Während in Amiens die Gefäße zusammengenäht wurden, arbeiteten die Mediziner in Lille an der anonymen Spenderin - einer ebenfalls 38-Jährigen, die sich das Leben genommen haben soll. Die fehlenden Teile ihres Gesichts wurden durch Silikonprothesen ersetzt, um sie mit würdigem Aussehen bestatten zu können. Am Nachmittag des 27. November vernähten die Ärzte schließlich die letzten Hautstücke an den Wangenpartien von Isabelle Dinoire - wenig später konnte sie das Resultat im Spiegel begutachten.

Lebenslang Medikamente nehmen

Auf der sicheren Seite ist die Patientin auch Tage nach dem Eingriff keineswegs. Es kann sein, dass ihr Körper das fremde Gewebe in den ersten Wochen abstößt. Und selbst nach Jahren sind noch Abwehrreaktionen möglich, eine so genannte chronische Abstoßung. Hinzu kommen die möglichen Nebenwirkungen der Immunsupressiva, die Isabelle Dinoire von nun an lebenslang nehmen muss, um ebensolche Komplikationen zu verhindern. Durch sie kann es zu Infektionen, Nierenversagen oder gar Krebs kommen. Und die psychischen Auswirkungen der Transplantation sind kaum kalkulierbar.

Die Zahl der Kritiker ist groß. Es sei hochproblematisch, so die französische Tageszeitung "Libération", "mit dem Gesicht einer Toten zu leben". Emmanuel Hirsch, Professor für medizinische Ethik in Paris, lehnt das "überstürzte Experiment" ab, da die Patientin sich, anders als etwa bei einer Herz- oder Lebertransplantation, nicht in einer lebensbedrohlichen Lage befunden habe. Denys Pellerin, Mitglied der französischen Ethikkommission, argwöhnt, eine Gesichtsoperation sei auch mit herkömmlichen Mitteln möglich gewesen. Chirurgen verwenden dabei zumeist eigenes Gewebe des Patienten, das sie beispielsweise aus der Hüftregion transplantieren. Zudem lassen sich Haut- und Bindegewebszellen heute schon in der Retorte vermehren, um ein größeres Transplantat heranzuzüchten.

Der Starchirurg Dubernard, der bereits 1998 mit der ersten Handtransplantation Aufsehen erregte und für die konservative Regierungspartei im französischen Parlament sitzt, sieht das ganz anders. Zunächst habe auch er Bedenken gehabt, räumt der gelernte Urologe aus Lyon ein, "doch als ich Isabelle zum ersten Mal sah, habe ich keine Sekunde mehr gezögert". Die geschiedene Mutter zweier Töchter aus einem Problemviertel der nordfranzösischen Industriestadt Valenciennes war im Mai durch Bisse ihres Labrador-Mischlings grauenhaft zugerichtet worden. Sie konnte nicht mehr richtig sprechen und essen. Wenn sie die Wohnung verließ, trug sie eine Gesichtsmaske.

Stabile Psyche ist Voraussetzung

Wie es zu der Hundeattacke kam, ist unklar. Die 14 und 17 Jahre alten Töchter hatten die Mutter nach einem Streit abends verlassen, um bei der Großmutter zu übernachten. Danach, so die ältere, habe die Mutter Schlaftabletten genommen und das Bewusstsein verloren. Dann sei sie von dem Hund, der sie aufwecken wollte, angegriffen worden. Sie unterstellt der Mutter Suizidabsichten. Dubernard bestreitet dies: "Es war kein Selbstmordversuch, Isabelle hat nur eine oder zwei Schlaftabletten genommen und wurde von dem Hund attackiert, als sie nachts aufstand."

Isabelle Dinoire, die erste Frau mit den Zügen einer Toten, wird wohl nicht lange die einzige bleiben. Auch in Großbritannien und den USA gibt es Mediziner, die Gesichter transplantieren wollen, die Fachwelt diskutiert seit Jahren über derartige Pläne. Am weitesten gediehen ist das Projekt von Maria Siemionow an der Cleveland Clinic in Cleveland (Ohio). Vom Ethikkomitee der Klinik hat sie bereits die Zustimmung bekommen, nun ist sie dabei, potenzielle Patienten zu sichten.

Eine wichtige Eigenschaft, die die Kandidaten nach Ansicht von Experten mitbringen sollten: Zuverlässigkeit und eine stabile Psyche. Was geschehen kann, wenn diese Basis fehlt, hat Jean-Michel Dubernard vor einigen Jahren schon erlebt: Der Neuseeländer Clint Hallam ließ sich die Hand, die Dubernard ihm 1998 transplantiert hatte, 2001 wieder entfernen. Es war zu einer chronischen Abstoßungsreaktion gekommen, nachdem Hallam seine Medikamente nicht mehr regelmäßig eingenommen hatte.

Tilman Müller / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity