VG-Wort Pixel

E.v. Hirschhausen: Sprechstunde "Ich rate dazu, sein Herz zu verschenken. Das ist gesünder, als es ängstlich zu beobachten."

"Wen liebt man, wenn man ein Herz verpflanzt bekommen hat?", fragt sich Eckart von Hirschhausen
"Wen liebt man, wenn man ein Herz verpflanzt bekommen hat?", fragt sich Eckart von Hirschhausen
© Silvio Quick
Unser Herz ist eher ein ruhiger Geselle, der sich so schnell nicht aus dem Takt bringen lässt. Eckart von Hirschhausen spricht mit seinem – und stellt eine tiefe Verbundenheit fest.

Hirschhausen: Sie sagen nichts?

Immer, wenn ich auf mich aufmerksam mache, kriegen die Leute einen Schreck, und dann rutsche ich in die Hose. Was will ich da? Dann besser ruhig Blut.

Verstehe ich Sie richtig, Sie wollen am liebsten in Ruhe Ihre Arbeit tun – weder galoppieren, stolpern noch pochen?

Manchmal muss ich auf mein Recht pochen. Gerade wenn Männer sich nach Jahren auf der Couch einbilden, sie seien Spitzensportler, und das Laufen anfangen. Ich muss ja immer mit!

Schütten Sie mir doch mal Ihr Herz aus.

Ich möchte wissen, ob ich der Sitz der Seele bin. In letzter Zeit macht sich das Hirn hier im Körper immer so wichtig. Sagen Sie mir ruhig die Wahrheit, Herr Doktor, Sie haben doch studiert.

Sie müssen jetzt sehr stark sein. Sie haben was mit der Seele zu tun, aber damit sind Sie nicht allein. Haben Sie schon mal was von Christiaan Barnard gehört? Er war ein Held der Medizin – und wohl auch der Frauen. Jedenfalls war er der Erste, der ein Herz transplantiert hat, 1967.

Bis dahin galt ich unangefochten als das Organ der Liebe.

Wen liebt man, wenn man ein Herz verpflanzt bekommen hat? Sind mit dem kaputten entfernten Herzen auch die Gefühle weg?

Die Leidenschaft des Spenderherzens wird nicht mitverpflanzt, nur das Leben. Das wäre ja fatal, wenn der Organempfänger plötzlich nur noch den Hinterbliebenen des Spenders attraktiv finden könnte.

Deshalb bleiben die Spender ja auch anonym! Was empfinden die Leute, wenn in ihnen plötzlich das Herz eines anderen Menschen schlägt?

Auf alle Fälle tiefe Dankbarkeit!

Warum heißt es eigentlich "das Herz", wo Sie doch so viele weibliche Eigenschaften haben?

"Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt."

Sie kennen Blaise Pascal? Das nenne ich Herzensbildung!

Ja klar, aber mal eine andere Frage. Warum malt ihr Menschen uns eigentlich immer in "Herzform", wenn wir doch gar nicht so aussehen?

Wie würden Sie sich denn selbst beschreiben?

Ich erinnere doch eher an einen Kegel. Vor allem ist meine linke Kammer viel kräftiger als die rechte. Die linke pumpt das Blut durch den ganzen Körper, die rechte muss nur den Druck für die Lunge aufbauen. Aber diese komische Kerbe und Symmetrie, die hab ich so nicht.

Zum Weiterlesen...

... "Hirschhausens stern Gesund Leben". Das Heft gibt es ab sofort am Kiosk oder hier zu kaufen.

Themen im Heft:

  • Starkes Herz: Wie wir den Motor unseres Lebens fit halten + 10 einfache Übungen für zu Hause
  • Klima: Wie sich das heiße Wetter auf den Körper auswirkt
  • Neurodermitis: Endlich Hilfe gegen den Juckreiz


Die Herzform stammt aus einer Zeit, als man noch gar nicht so recht wusste, wie der Mensch genau von innen aussieht. Daher erinnert das gemalte Herz an das Efeublatt, das schon im Mittelalter als Zeichen der Treue und Liebe galt.

Herr Doktor, mir kommen gleich die Extrasystolen. Wenn Sie mich jetzt noch auf Schmerz reimen, sind alle Klischees erfüllt.

Ich wäre schon froh, wenn alle Patienten wüssten, dass zwar das Herz in der linken Brust sitzt, aber man dort nicht unbedingt den Schmerz fühlt.

Wir haben halt unsere Verbindungen überallhin, und deshalb lässt sich bei einem Herzinfarkt gar nicht so einfach sagen, wo der genau empfunden wird. Mal im linken Arm oder hinter dem Brustbein. Aber auch zwischen den Schulterblättern oder im Bauch.

Da habe ich mich auch schon einmal als junger Arzt vertan. Gerade bei Frauen wird oft erst einmal nicht an einen Infarkt gedacht und so wertvolle Zeit vergeudet. Ihr Infarkt hatte halt lange das Image der Managerkrankheit.

Das war doch von Anfang an Quatsch!

Im Märchen kann man an gebrochenem Herzen sterben. Was macht Liebeskummer tatsächlich mit Ihnen?

Es geht in beide Richtungen. Wer sich geliebt fühlt, hat weniger Herzinfarkte. Und andersherum gilt: Liebeskummer schlägt aufs Herz. Das nennt sich Broken-Heart-Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie. Das trifft sogar Menschen, die bis dahin gar keine Beschwerden hatten. Wenn mit dem Blut nur noch Stresshormone bei mir ankommen, kann ich ja nicht anders als reagieren!

Was jeder kennen dürfte, sind Ihre Aussetzer bei freudiger Erregung. Welche Rolle spielen Sie beim Verlieben?

Ich muss höher schlagen, wenn wir den anderen sehen. Am besten gleich auf den ersten Blick. Und lustigerweise ist es dem Hirn ziemlich egal, ob ich durch den Anblick oder aus einem anderen Grund schneller poche. Deshalb verliebt man sich ja auch viel leichter, wenn man schon ein bisschen "vorerregt" ist, etwa beim Tanzen oder unter Druck auch am Arbeitsplatz.

Das Herz gilt als Symbol für die Liebe und wird gern an den Liebsten oder die Liebste verschenkt. Für wen schlägt wohl dieses aus Lebkuchen?
Das Herz gilt als Symbol für die Liebe und wird gern an den Liebsten oder die Liebste verschenkt. Für wen schlägt wohl dieses aus Lebkuchen?
© Marina Weigl / stern

Wie viel Abwechslung lieben Sie?

Ich bin eigentlich kein sprunghafter Typ, aber ein bisschen Varianz muss sein. Das messt ihr doch neuerdings immer: die HFV – die Herzfrequenzvariabilität. Hat ja eine Weile gebraucht, bis ihr Doktoren darauf gekommen seid, dass es ein Alarmzeichen ist, wenn ich immer gleich schnell schlage. Dann mache ich nämlich Dienst nach Vorschrift und habe innerlich schon gekündigt. Und wie in jedem Betrieb ist der nächste Schritt die Dauerkrankschreibung.

Apropos Variantenreichtum: Amerikanische Forscher haben Männer nach dem Herzinfarkt beobachtet, insbesondere daraufhin, ob Sex für diese gefährlich ist. Dabei kam heraus: Das Herz leistet gar nicht so besonders harte Arbeit beim Sex. Und daraufhin gaben sie die Empfehlung, dass die Betroffenen Sex haben dürfen, wenn sie noch Auto fahren können. Sprich: Straßenverkehr und Geschlechtsverkehr sind auf einem Stresslevel anzusiedeln.

Halt, Herr Doktor, da unterschlagen Sie aber die Botschaft einer anderen Studie. Männer überanstrengen sich sehr wohl beim Sex – aber nur, wenn sie nicht mit der eigenen Frau schlafen. Vor allem, wenn auch noch Tabletten ins Spiel kommen, die sie sich im Internet besorgt haben.

Dafür nehmen die meisten Herzpatienten die Medikamente, die ihnen der Doktor verordnet hat, höchst unregelmäßig oder gar nicht.

Ich nehme Tabletten nach Herzenslust und -laune. Und wenn ich mich gut fühle, sehe ich gar keinen Grund, ständig Chemie zu futtern. Jede Tablette erinnert mich doch nur wieder daran, dass ich nicht ganz gesund bin.

Sich ständig Sorgen zu machen ist sicher schädlich. Uns Ärzten ist bisher nicht gelungen, dafür zu sorgen, dass die Menschen sich mehr bewegen, weniger essen und mit dem Rauchen aufhören. Die meisten haben sogar zugenommen. Wahrscheinlich, weil sie versuchen, ihre Angst mit Chips und Schokolade zu besänftigen.

Aber Schokolade soll doch gut für mich sein. Stimmt das denn nicht?

Der Beweis ist noch lange nicht erbracht. Es ist denkbar, dass bestimmte Inhaltsstoffe im Kakao das Blut flüssiger machen und vor Infarkten schützen. Aber um das zu belegen, bräuchte man eine Langzeitstudie mit vielen Probanden, einer Kontroll- und einer Placebogruppe. Aber wie findet man jemanden, der sich verpflichtet, jahrelang keine Schokolade zu essen?

Herr Doktor, warum nehmen die Leute eigentlich Krebs immer viel ernster als meine Herzmuskelschwäche?

Das Image der Krankheiten hat mit ihrer realen Bedeutung und Gefahr oft wenig zu tun. Die Lebenserwartung mit einem schwachen Herzen ist in der Tat kaum höher als bei Krebs, die Lebensqualität oft erheblich schlechter.

Aber Krebs kommt gefühlt immer von außen, ein Feind. Als Herz kann ich ja schlecht der eigene Feind werden …

Das stimmt, dabei sind fast drei Millionen Deutsche von Herzinsuffizienz betroffen. Jedes Jahr erkranken 300.000 neu, 50.000 sterben daran. Haben Sie das Gefühl, von den Ärzten nicht ausreichend gewürdigt zu werden?

Doch, schon – was das Akute angeht. Aber das Seelische führt immer noch ein Schattendasein. Dabei ist das doch gar nicht voneinander zu trennen: Wer einmal einem Infarkt nahe war und echte Todesangst verspürt hat, vergisst das doch nie mehr.

Kein Wunder, dass manch Betroffener eine Angststörung bekommt oder gar depressiv wird. Ich habe beobachtet, dass Angst ansteckt: Wenn einer in der Familie einen Herzinfarkt hatte, entwickeln manchmal auch Angehörige Symptome, obwohl sie gar nicht krank sind.

Und was raten Sie denen?

In milden Fällen rate ich, sich ein Herz für andere zu nehmen, sich zu engagieren für Menschen, denen es wirklich schlecht geht. Sein Herz zu verschenken, statt es ängstlich zu beobachten.

Ja, wir Herzen sind eben am liebsten miteinander verbunden.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von "Hirschhausens stern Gesund Leben". Das Heft gibt es ab sofort am Kiosk oder hier zu kaufen. Sie wollen mehr von Eckart von Hirschhausen lesen und dabei die Hälfte sparen? Zum Angebot geht es hier. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker