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E.v. Hirschhausen: Sprechstunde Ein Streitgespräch mit meinem Rückenmuskel: "Mach dich doch mal locker!"

Eckart von Hirschhausen
Mach dich lang! Am "Pilz" trainiert Eckart seine Lateralflexion – die seitliche Beugung. Wichtig für die Stabilisation!
© Marina Rosa Weigl / stern
Ein Gespräch mit meinem "Musculus quadratus lumborum", der ganz schön ungehalten auf meine Lebensweise reagieren kann.
Von Eckart von Hirschhausen

Schön, dass wir uns mal an einen Tisch setzen.

Musculus quadratus lumborum: Ein Gespräch im Gehen wäre mir lieber.

Bevor wir gleich mit dem Streit anfangen, vielleicht machen wir erst mal eine kleine Vorstellungsrunde?

Na gut. Mein Name ist Quadratus lumborum, ich bin ein Muskel und arbeite an der Schnittstelle von unterer Wirbelsäule, Rippe und Beckenkamm. Weil ich eine für einen Muskel ungewöhnliche quadratische Form habe, heiße ich mit Vornamen Viereck – und mein Nachname deutet meine Herkunft an, sprich: Ich halte mich im Lendenwirbelbereich auf.

Mein Name ist Eckart von Hirschhausen, mein Vorname hat mit meiner Form nichts zu tun – ich habe zwar Ecken und Kanten, bin aber eher rundlich. Und mein Nachname ist ursprünglich auch eine Ortsbezeichnung, da haben wir ja schon mal was gemeinsam. Ich bin Arzt und Wissenschaftsjournalist und arbeite an der Schnittstelle von Medizin, Medien und Unterhaltung.

Von deinem Wissen bekomme ich aber wenig mit hier unten, du benimmst dich, als hättest du keine Ahnung, was die Arbeitskräfte hier für Rahmenbedingungen brauchen, um ihren Job zu machen – wir tun das ja nicht zum Spaß, dass wir so oft streiken!

Waren wir schon beim Du? Gerne, ich bin Eckart. Wir kennen uns ja schon wirklich lange. Im ersten Semester Anatomie kamst du ja gleich vor!

Na ja, als Jugendlicher warst du doch auch schon beim Orthopäden. Ich wurde doch schon mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, als du noch die Schulbank drücktest!

Na ja, Orthopäden wundern sich bis heute, dass man auf Röntgenbildern den Schmerz nicht sehen kann. Stimmt, mit dem Rücken hatte ich schon als Schüler zu tun. Und bekam alle möglichen Diagnosen, von Morbus Scheuermann über Bandscheibe bis Beinlängendifferenz. Ich bekam damals Einlagen für die Schuhe, weil mein Becken angeblich schief stand, und das sollte ausgeglichen werden. Damals hab ich auch noch Hockey gespielt, Bewegung soll doch gut sein.

Das war auch schon ganz schön schräg von der Körperhaltung. Und an das Aufwärmen und die Ausgleichsgymnastik hast du dich ja auch nie gehalten.

Warum bist du eigentlich so ungehalten? Um nicht zu sagen: Mach dich doch mal locker!

Wie denn? Ich habe mehr als einen Achtstundentag! Und wenn ich einmal verspannt bin, bleibe ich das auch, dann werde ich richtig sauer, durch die Milchsäure, die sich anhäuft, und die Durchblutung, die schlechter wird, wenn ich nicht wechsle zwischen Zusammenziehen und Dehnen. Eins vorweg: Die Sache mit dem aufrechten Gang war nicht meine Idee. Viel entspannter wäre ich geblieben, wenn ich nicht ständig etwas halten müsste, was aus meiner Position kaum zu halten ist.

Ich hab mir das auch nicht ausgesucht, aber durch irgendwas muss man sich ja von den Affen unterscheiden, um die Position im Tierreich zu rechtfertigen. Wie meinst du das aber mit deiner Position?

Du bist doch auch mal gesegelt. Stell dir vor, deine Wirbelsäule ist der Mast, dann wird das zentrale tragende Element stabilisiert durch die Drähte nach vorne und zur Seite.

Und was hat das mit dir zu tun?

Wenn ich den Menschen konstruiert hätte, wäre ich besser weiter außen statt so nah an der Wirbelsäule dran. Ich ziehe einfach immer den Kürzeren, weil ich auf einer kurzen Strecke etwas richten und stabilisieren soll, was viel größer ist als ich – die Wirbelsäule. Und diese schreckliche Hebelwirkung, gegen die ich ständig ankämpfen soll, zerrt an mir. Seit die Wirbelsäule in die Vertikale geht, geh ich in die Knie. Du könntest, wenn du schon so wenig für deine Rückenmuskeln tust, wenigstens was für deine Bauchmuskeln tun.

Was haben die denn damit zu tun?

Das sind die Querverstrebungen nach vorn beim Mast! Und historisch bin ich eigentlich auch ein Teil der Bauchmuskulatur.

Wie bitte? Ein Bauchmuskel im Rücken?

Ja, mein großer Bruder ist der Musculus transversus abdomini, der so eine Art Ring um den Rumpf bildet und dessen hinterer Ableger ich bin. Ich fülle das Gebiet zwischen dem hinteren Teil des Darmbeinkammes und der zwölften Rippe aus, bin unten breiter als oben. Ich bin vielseitig und vierseitig – deshalb heiße ich ja auch Quadratus.

Eckart von Hirschhausen
Da tut’s weh: Der Musculus quadratus lumborum ist ein tiefer Bauchmuskel, obwohl er im Rücken sitzt. Er ist ein Hilfsmuskel für die Einatmung. Bei Verspannungen spürt man ein Ziehen im Lendenwirbelbereich.
© Marina Rosa Weigl / stern

Könnte ich denn auch ein Sixpack am Rücken bekommen, wenn ich richtig trainiere?

Quatsch. Wir in der Tiefe sind viel wichtiger, aber uns sieht halt keiner. Mit dem Sixpack hat der Transversus nichts zu tun, das sind die oberflächlichen geraden Bauchmuskeln, die haben noch diese alte Streifung von der Zeit im Wasser, von den Fischen. Der gerade Bauchmuskel ist entstanden, als sich zugunsten der Beweglichkeit Rippen am Bauch zurückgebildet haben, sodass die Zwischenrippenmuskulatur zu einem großen Muskel verschmolz. Dieser große, gerade Bauchmuskel hat immer noch die Zwischensehnen, und wenn du trainieren würdest, kämen die Muskelbündel gegenüber dem Bindegewebe deutlicher zum Vorschein.

Das ist aber evolutionär schon einiges her, und bei mir gibt es am Bauch auch nicht nur Bindegewebe … Aber verrückt, wie sich manche Eigenschaften halten. Also, du verkannter ausgewanderter Bauchmuskel, wozu bist du noch so gut?

Ich helfe beim Atmen mit!

Jetzt machst du dich aber wichtiger, als du bist, oder?

Da sieht man wieder, ihr Mediziner lernt die Muskeln, die Nerven, den Verlauf – aber wie das Ganze funktional zusammenhängt, davon habt ihr keine Ahnung. Ich bin der Gegenzug zum Zwerchfell, weil ich die unteren Rippen bei der Einatmung stabilisiere. Nennt sich Atemhilfsmuskulatur – solltest du eigentlich verstehen, du Lachexperte.

Stimmt, das habe ich mir so nicht klargemacht, dass alles, was sich bewegt, in die anderen Richtungen stabilisiert werden muss. Und das Zwerchfell kann nur so gut funktionieren beim ruckartigen Zusammenziehen, wenn wir lachen, weil der Rest des Brustkorbs dabei nicht in sich zusammenfällt. Darf ich dich jetzt mal was Persönliches fragen?

Jetzt bin ich ja mal gespannt!

Warum tust du mir eigentlich immer weh? Du bist ja bei den meisten Schmerzen im unteren Rücken beteiligt und für einige der schlimmsten Schmerzen sogar hauptverantwortlich!

Denkst du, das macht mir Spaß? Ich muss so reagieren. Sonst hörst du ja auch null auf deinen Körper, deshalb muss ich mich bemerkbar machen.

Stimmt. Gesundheit ist das Schweigen der Organe. Wenn man seine Aufmerksamkeit für was anderes nutzen kann, ist man gesund.

Um ehrlich zu sein: Viele kommen gar nicht drauf, dass ich die Ursache für die Schmerzen bin, denn ich halte ein regelrechtes Feuerwerk an Symptomen für dich bereit. Mal sind es Schmerzen im unteren Rücken, genauso wie im Bereich des Gesäßes, des hinteren Oberschenkels und der Leiste. Und dann habe ich noch diese wunden Punkte, die Triggerpunkte, und wenn ich die aktiviere, fällt euch Medizinern die Unterscheidung zu Bandscheibenvorfällen und anderen ernsten Ursachen für Rückenschmerzen gar nicht mehr so leicht.

Fitness-Tipps fürs Home-Office: Bauch- und Rückenübungen.

Wenn der Körper nach Hilfe ruft, ist immer was faul.

Der Einzige, der hier faul ist, bist du!

Was soll ich denn tun?

Dich und mich mehr bewegen. Merk dir: Lumborum will Lambada! Mehr Schwung in der Hüfte, nicht immer so steif! Nicht so viel sitzen, erst recht nicht ständig vor dem Computer. Und seit du so viel auf dem Smartphone liest, bewegst du dich ja noch weniger.

Vor allem, wenn ich da Dinge lese, die einen eher runterdrücken als aufrichten. In der Schweiz gibt es ein tolles Wort für eine gute geistige Haltung: "uufgstellt". Also aufrichtig, geradeheraus und gerade im Rücken.

Na ja, klar spielt deine Psyche für mich auch eine Rolle. Wenn dir was im Nacken sitzt, hast du es halt auch im Kreuz.

Und was hilft dir dann?

Alles, was mit Streckung zu tun hat, tut mir gut: Pilates, Yoga, Schwimmen. Aber du gehst ja lieber direkt nach dem Aufstehen an den Schreibtisch. Wenn du wenigstens mal kurz auf den Gymnastikball gehen würdest!

Eckart von Hirschhausen
Mit dem Training am "Lastzug" erreicht man den breiten Rückenmuskel und auch den Quadratus lumborum. Der sitzt in etwa an der Stelle, wo Eckart seine Hände hat.
© Marina Rosa Weigl / stern

Und was soll ich da?

Nicht sitzen – liegen! Aber auf der Seite! Und wenn du dann spürst, wie die obere Körperseite sich dehnt, dann hältst du die Position eine Weile. Und dann ist die andere Seite dran – mich gibt es ja schließlich zweimal.

Und wenn ich keinen Gymnastikball habe? Ich hasse die Dinger eigentlich, weil ich beim Rumwippen keinen klaren Gedanken formulieren kann und das Ding dann in die Ecke hauen will, aber wie passt was Rundes in die Ecke? Diese Bälle nehmen immer viel zu viel Platz ein am Schreibtisch, dafür, dass man sie dann doch nicht nutzt. Und man kann nicht mal wie auf einem Ergometer wenigstens Wäsche drüberhängen!

Du kannst mich auch an einer Wand dehnen, aber das lässt du dir am besten von einem Physiotherapeuten mal zeigen, bevor du dich und mich verrenkst.

Die Quadratur des Quadratus ist also, dass man sich krumm machen muss, um dich mal wieder gerade zu ziehen?

Ich mag es, wenn du mir zuhörst. Vielleicht kommen wir doch noch irgendwie zusammen nach all den Jahren im Streit.

Ich glaube, unser Gespräch ist der Beginn einer langen Freundschaft.

Ich erinner dich morgen nach dem Aufstehen noch mal dran.

Danke – auf dich ist Verlass!

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von "Hirschhausens stern Gesund Leben". Das Heft gibt es ab sofort am Kiosk oder hier zu kaufen. Sie wollen mehr von Eckart von Hirschhausen lesen und dabei die Hälfte sparen? Zum Angebot geht es hier. 


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