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Psychiatrie: Umstritten, aber wirkungsvoll - wie die Elektrokrampf-Therapie bei Depressionen hilft

Das umstrittenste Verfahren der Psychiatrie kehrt zurück: die Elektrokrampftherapie. Gegner warnen vor gravierenden Nebenwirkungen. Studien aber sprechen dafür, dass die Stromstöße bei schweren Depressionen hochwirksam sein können.

Moderne Elektrokrampftherapie: Bevor der elektrische Strom durch ihr Gehirn fließt, wird die Patientin in Narkose versetzt und bekommt ein Mittel zur Muskelentspannung. Früher ertrugen Patienten die Therapie im Wachzustand und brachen sich wegen der Muskelkrämpfe nicht selten Knochen.

Moderne Elektrokrampftherapie: Bevor der elektrische Strom durch ihr Gehirn fließt, wird die Patientin in Narkose versetzt und bekommt ein Mittel zur Muskelentspannung. Früher ertrugen Patienten die Therapie im Wachzustand und brachen sich wegen der Muskelkrämpfe nicht selten Knochen.

Es wird in einer Dachkammer passieren. Die sieben Patienten, die an einem Donnerstag Mitte Januar im Aufenthaltsbereich der Krankenstationen warten, kennen sie gut. Es ist acht Uhr morgens, durch die Fenster der Münchner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie dringt das düstere Licht des Winterhimmels. An Tagen wie diesen fühlen sich viele ein bisschen depressiv. Den sieben Erkrankten aber würde mehr Licht nicht helfen. Auch keine Psychotherapie. Und keine Medikamente. Sie leiden an schwersten Depressionen. Vielleichthelfen ihnen epileptische Anfälle, ausgelöst durch Stromschläge. Das hoffen ihre Ärzte.

Die Macht der Bilder

Die Frauen und Männer sind von zu Hause angereist. Immer donnerstags werden an der Uniklinik ambulante Patienten behandelt. Einer ist der Briefträger Manfred F., ein 54-jähriger Mann mit Stirnglatze und Metallbrille. Die Krankheit schlich sich vor zwei Jahren in sein Leben, immer noch kann er nicht glauben, dass es ihn traf: "Früher habe ich gesagt, Depression ist keine Krankheit, das ist ein Schmarrn." Er habe tolle Kollegen, liebe seine Arbeit. Er sei glücklich verheiratet und stolz auf seine zwei erwachsenen Söhne. "Trotzdem. Es taugt mir nimmer." Es habe mit Magenschmerzen angefangen, der Hausarzt habe ihn zur Magenspiegelung geschickt. "Doch mein Magen war gesund. Dann hat er gesagt, deine Krankheit sitzt im Kopf, und mich in die Psychiatrie geschickt." F. hat schon an den Gleisen gestanden und überlegt zu springen. "Den Ort kenne ich genau. Aber ich tu's nicht, weil meine Frau dann allein wäre." Für das, worunter er leidet, findet er nur wenig Worte. Er habe "keinen Antrieb". Er treffe seine Freunde nicht mehr, mit denen er früher Berge bestieg und Fußballspiele besuchte. Morgens um drei Uhr wache er auf, gequält von innerer Unruhe. Zahlreiche Psychopharmaka probierten die Ärzte an ihm, in seinen Arztbriefen sind sie gelistet. Keines wirkte. Dann schlugen sie ihm an einem bayerischen Landeskrankenhaus vor, es mit EKT zu versuchen.

EKT steht für Elektrokonvulsionstherapie. Konvulsion bedeutet Krampf. Der frühere Fachbegriff "Elektroschock" klang nach Folter. Die lateinische Sprache würde dem Verfahren seinen Schrecken nehmen, hofften diejenigen Psychiater, die seit Langem für die Anerkennung der umstrittensten heute noch angewandten Therapie kämpfen. Und tatsächlich: Nach Jahrzehnten der Ächtung nimmt die Zahl der mit EKT behandelten Patienten stetig zu, mittlerweile wird sie an nahezu allen Unikliniken angeboten. Für ihre Befürworter ist sie die effektivste Behandlungsmethode für die ansonsten therapieresistente Depression. Den Betroffenen keine EKT anzubieten käme aus ihrer Sicht unterlassener Hilfeleistung gleich. Bei bis zu jedem dritten Depressiven wirken Medikamente und Psychotherapie nicht ausreichend. Nach Studienlage können die Stromstöße 50 bis 85 Prozent der Patienten zumindest vorübergehend aus dem Loch der Depression holen.

Michael Grözinger, Uniklinik Aachen:  "Die größten EKT-Kritiker haben selbst nie an Patienten den durchschlagenden Erfolg miterlebt"

Michael Grözinger, Uniklinik Aachen:

"Die größten EKT-Kritiker haben selbst nie an Patienten den durchschlagenden Erfolg miterlebt"

Den Befürwortern steht ein Heer von Kritikern gegenüber – neben Psychiatern auch Patienten-Selbsthilfeorganisationen wie der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener. Für sie stammt die Therapie aus dem dunklen Zeitalter, in dem man psychisch Kranke mit Eiswasserbädern und Hungerkuren malträtierte oder sie, an Drehstühle gefesselt, bis zur Bewusstlosigkeit um die eigene Achse wirbelte. Die Kritiker verfügen über die Macht der Bilder: Historische Schwarz-Weiß-Videos zeigen Patienten, die sich unter der Einwirkung des elektrischen Stroms aufbäumen. Szenen aus dem oscarprämierten Hollywood-Blockbuster "Einer flog über das Kuckucksnest" haben sich einer ganzen Generation ins Gedächtnis eingebrannt. Der rebellische Randle McMurphy, dargestellt von Jack Nicholson, mit Keil im Mund und Elektroden an den Schläfen wurde zum Sinnbild des Aufbegehrens gegen eine Psychiatrie, die auf Zwangstherapien, Technik und Medikamente setzte, anstatt sich die Nöte und Ängste der Patienten anzuhören.

Der Film entstand in der Hochzeit der antipsychiatrischen Bewegung der 1970er Jahre, der zahlreiche Philosophen, Soziologen und Psychotherapeuten anhingen, und er passte perfekt zur ihren Ideen, resümiert der Medizinhistoriker Edward Shorter in seiner "Geschichte der Psychiatrie". "Die Botschaft war klar: Insassen einer Psychiatrie sind nicht krank, sondern weichen nur von der gesellschaftlichen Norm ab." Solche Vorstellungen kursieren bis heute, sagt Oberarzt Cornelius Schüle von der Uniklinik München. "Und leider hat die falsche Darstellung der EKT ihren Ruf so beschädigt, dass wir bis heute gegen große Vorurteile ankämpfen."

Manfred F. hatte keine Vorurteile. "Wenn's hilft", habe er den Ärzten damals gesagt. Zwölf Stromstöße in vier Wochen erhielt er im Krankenhaus, zwei Monate später wurde er wieder eingeliefert. Im Vorgespräch für die EKT heute mit dem Assistenzarzt Philipp Kohl wird er laut: "Das ist jetzt die 28. EKT! Was soll's denn noch bringen?" Auch die Psychotherapie, zu der ihm geraten wurde, helfe nicht. "Aber Ihr Zustand hat sich doch schon deutlich gebessert", sagt Kohl. "Und nächste Woche startet Ihr Arbeitsversuch! Wenn Sie Ihre alte Struktur wiederhaben, erhoffen wir eine weitere Besserung." F. zweifelt: "Das klappt nicht. So gern ich arbeiten würde!" Die EKT mache er nur seiner Frau zuliebe, sie habe ihn "angebettelt" dranzubleiben.

Genaue Wirkweise bei Depressionen noch ungeklärt

"Es ging ihm eigentlich schon ganz gut", sagt Kohl später. "Aber nach seiner Entlassung hatte er einen Rückfall, das kommt häufiger vor. Bei uns bekam er noch mal zwölf Behandlungen, jetzt führen wir eine 'Erhaltungs-EKT' als Rückfallschutz über ein halbes Jahr fort." Zunächst jede Woche einmal, der Zeitabstand werde dann verlängert.

In der Dachkammer warten schon der Anästhesist, ein weiterer Pfleger und der Assistenzarzt auf Manfred F. Bald hantieren sie alle gleichzeitig an ihm, Elektroden an langen Kabeln werden ihm auf die Brust, Stirn und an beide Schläfen geklebt, eine Kanüle wird in die linke Handvene vorgeschoben. F. lässt es geschehen und redet über den Tabellenstand von 1860 München. Keine Angst? "Nein! Mir ist das alles wurscht." Die Atemmaske senkt sich über seinen Mund. Das Betäubungsmittel wirkt, seine Augen werden glasig. Der Anästhesist schiebt eine zweite Spritze an die Kanüle. "Succinylcholin", sagt Oberarzt Schüle. "Um die Muskeln zu entspannen."

Die Gliedmaßen des Patienten zucken kaum merklich. "Jetzt entladen sich alle Nervenbotenstoffe in den Muskeln, danach ist er für etwa fünf Minuten gelähmt. Wegen der Narkose merkt er nichts." Früher mussten die Patienten die EKT in wachem Zustand und ohne muskelentspannende Medikamente ertragen. Nicht selten brachen sie sich wegen der Muskelkrämpfe Knochen.

Als der Wechselstrom durch den bewusstlosen Körper des Postboten fährt, 180 Volt Spannung, 0,9 Ampere Stromstärke, 285 Millicoulomb Ladung, verzerrt sich sein Gesicht – eine Wirkung des Stroms. Eine Mullbinde in seinem Mund verhindert, dass er sich auf die Zunge beißt.

Sein Körper bleibt regungslos. Sechs Sekunden vergehen. Das EKT-Gerät, eine kastenförmige Apparatur mit zwei Digitalanzeigen, vier Schaltern und zwei Drehreglern, spuckt Papier mit grobzackigen Kurven aus. "Der epileptische Anfall. Man sieht ihn nur in diesen Hirnstrom-Kurven, nicht am Patienten. Wegen der Muskelentspannung", sagt Schüle. Bald gehen die Kurven in Linien mit kleinen Zacken über. "Der Krampf ist vorüber. 33 Sekunden hat er gedauert, das ist gut", so Schüle. Nicht der elektrische Strom selbst, sondern die Qualität des ausgelösten Krampfanfalls sei entscheidend für die therapeutische Wirkung.

Wie genau die EKT bei Depressionen hilft, ist nicht geklärt, doch Untersuchungen zeigten, dass vermehrt Nervenbotenstoffe ausgeschüttet und neue Nervenzellen gebildet werden. Nach drei Minuten beginnt F. zu röcheln, will sich aufrichten, der Pfleger drückt ihn sanft zurück auf die Matratze. "Wir überwachen ihn jetzt eine halbe Stunde im Nebenraum, dann ist er wach", sagt Schüle.

Erfunden, als es noch keine Psychopharmaka gab

Die Prozedur wirkt harmlos wie eine Magenspiegelung, anders als auf den Schwarz-Weiß-Bildern. Doch ist sie harmlos? Und wie kam man darauf, Patienten mit Stromstößen zu behandeln? Erfunden wurde die EKT 1938, als es noch keine Psychopharmaka gab und die Psychotherapie in den Kinderschuhen steckte. Damals probierte man alles Mögliche aus, um seelisch Kranke zu behandeln. So wurden sie etwa mit Insulingaben ins Koma versetzt, nicht selten mit tödlichem Ausgang, oder man spritzte ihnen für eine "Fiebertherapie" Malaria-Erreger ins Blut.

Auf die Idee mit den Elektroschocks kamen die Psychiater durch die Beobachtung, dass manche Schizophrene, die auch an Epilepsie litten, nach Krampfanfällen klarer im Kopf wirkten. Der italienische Psychiater Ugo Cerletti wollte deshalb Krämpfe per Elektroschock auslösen, er testete die Behandlung an Schweinen in einem römischen Schlachthaus.

Der erste EKT-Patient war ein Ingenieur aus Mailand, der am Bahnhof umherirrend aufgegriffen worden war. Er sprach Kauderwelsch, hatte Halluzinationen und fürchtete, telepathisch beeinflusst zu werden. Nach der ersten Krampftherapie richtete er sich "gelassen lächelnd auf, als wunderte er sich, was wir eigentlich von ihm wollten", erinnerte sich Cerletti später. Nach elf Stromanwendungen ging es ihm besser, er begann wieder zu arbeiten. Am Anfang stand also nicht der Gedanke, Patienten zu "bestrafen", sondern das, was wissenschaftliche Medizin ausmacht: klinische Beobachtung, Schlussfolgerung, Tierversuch, erste Tests am Menschen. Die internationale Fachwelt aber reagierte gespalten. "Und anders als heute noch vermutet waren ausgerechnet viele deutsche Ärzte, die der Nazi-Ideologie anhingen, zurückhaltend", so die Medizinhistorikerin und Psychiaterin Lara Rzesnitzek von der Charité. In den Augen der Ideologen waren viele psychische Leiden Erbkrankheiten, die es durch Zwangssterilisation der Kranken "auszumerzen" galt. Effektive Therapien stellten dieses Konzept infrage.

Cornelius Schüle, Uniklinik München:  "Leider hat die häufig falsche Darstellung der EKT ihren Ruf so stark beschädigt, dass wir bis heute gegen große Vorurteile ankämpfen"      

Cornelius Schüle, Uniklinik München:

"Leider hat die häufig falsche Darstellung der EKT ihren Ruf so stark beschädigt, dass wir bis heute gegen große Vorurteile ankämpfen"

    

Nach dem Krieg begann ein unrühmliches Kapitel der EKT. Es gab sie offenbar, Elektroschocks zur Disziplinierung unbequemer Patienten wie im Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Der 77-jährige Psychiater Michael von Cranach erlebte es zwar nicht mehr selbst, sprach jedoch mit vielen Zeugen. Im Jahr 1980 wurde er Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren. Er war entsetzt über das, was ihm Pfleger und Patienten aus früheren Jahren berichteten: "Es war so, wie man es sich vorstellt: Die Kranken lagen in großen Schlafsälen, Arzt und Pfleger gingen mit dem Gerät von Patient zu Patient und verabreichten Elektroschocks ohne Betäubung. Und ich kenne ähnliche Berichte von anderen Kliniken." Das Unbehagen hat von Cranach nie abgelegt. Im vergangenen Sommer entfachte er mit sechs Kollegen im Fachblatt "Der Nervenarzt" neuen Streit. Anlass war ein Artikel von Psychiatern, Medizinethikern und Juristen aus Göttingen, die forderten, die EKT in Notfällen auch ohne die Zustimmung nicht einwilligungsfähiger Patienten anzuwenden. Da war es wieder, das Gespenst der Zwangstherapie. Die Autoren benannten Situationen: wenn Depressive akut

selbstmordgefährdet seien, jegliche Nahrungsaufnahme verweigerten oder unter starken wahnhaften Ideen litten. Gerade dann sei die EKT besonders wirksam und oft lebensrettend. Von Cranach und seine Mitstreiter protestierten: Die Studienlage sei schlecht, die Wirksamkeit kaum erwiesen, die Hirnleistung könne dauerhaft Schaden nehmen.

Der Hälfte geht es später gut

"Das stimmt so nicht", sagt Michael Grözinger, Referatsleiter für "Klinisch angewandte Stimulationsverfahren" beider psychiatrischen Fachgesellschaft DGPPN. In einigen Studien werde nicht sauber unterschieden zwischen den Nebenwirkungen der EKT und den Folgen der Depression selbst. "Es handelt sich um chronisch kranke Patienten, die lange Zeit Psychopharmaka mit vielen Nebenwirkungen genommen haben." Klar gebe es Patienten, die nach der Behandlung unter Gedächtnis- oder Orientierungsstörungen litten, diese seien aber vorübergehend. "Bei den meisten Patienten verbessert die EKT neueren Studien zufolge sogar die Hirnleistungsfähigkeit." Außerdem entwickele sich die Technik weiter. Früher setzte man das Gehirn unter Dauerstrom, bis der Anfall ausgelöst wurde. Moderne Geräte feuern stattdessen eine Vielzahl kurzer Stromimpulse ab, jeder eine halbe tausendstel Sekunde lang. Insgesamt fließt also nur für höchstens eine Sekunde tatsächlich Strom durchs Gehirn. "So lassen sich die Nebenwirkungen deutlich verringern", sagt Grözinger. Eines räumt der Psychiater ein: Die Studien, die die Wirksamkeit bestätigen, entsprächen nicht neuesten wissenschaftlichen Standards. "Das ist aber bei vielen anderen, erwiesenermaßen effektiven Therapien auch der Fall." Gleichwohl sei die Wirksamkeit der EKT laut Leitlinien in Deutschland, den skandinavischen Ländern, Großbritannien und den USA anerkannt.

Nana B., Restaurantinhaberin:  "Ich habe seit 35 Jahren Depressionen. Früher halfen mir Psychotherapie, Medikamente und Yoga. Im Jahr 2011 war das anders. Die EKT aber wirkte. Es war, als ob ein Schalter in meinem Gehirn umgelegt worden sei. Als ich voriges Jahr erneut schwer depressiv wurde, rettete sie mich wieder."

Nana B., Restaurantinhaberin:

"Ich habe seit 35 Jahren Depressionen. Früher halfen mir Psychotherapie, Medikamente und Yoga. Im Jahr 2011 war das anders. Die EKT aber wirkte. Es war, als ob ein Schalter in meinem Gehirn umgelegt worden sei. Als ich voriges Jahr erneut schwer depressiv wurde, rettete sie mich wieder."

"Die größten EKT-Kritiker haben selbst nie an Patienten den durchschlagenden Erfolg miterlebt", sagt Grözinger. Von Dauer ist dieser Erfolg jedoch meist nur, wenn sich an vier Wochen stationäre Behandlung eine Erhaltungstherapie mit Medikamenten, weiteren EKTs oder beidem anschließt. Etwa der Hälfte der Patienten geht es dann dauerhaft gut, zeigten Studien – so wie der Münchner Restaurantbesitzerin Nana B., die seit 35 Jahren unter wiederkehrenden Depressionen leidet.

Im Jahr 2011 erlebte die heute 60-Jährige die EKT als ihre Rettung nach Monaten der Verzweiflung und war dann sieben Jahre gesund, sie brauchte keine Medikamente mehr. Als sich im Frühjahr 2018 der Nebel der Hoffnungslosigkeit wieder über sie senkte und sie nachts, getrieben von Existenzängsten, nicht mehr schlafen konnte, waren die Selbstmordgedanken so stark, dass sie auf eine "beschützte Station" eingewiesen werden musste. "Da wollte ich nicht noch mal monatelang Medikamente durchprobieren, wo ich doch schon wusste, was mir helfen würde: die EKT."

Ihr Mann Ludwig, der die Krampftherapie früher für "Brutalpsychiatrie" hielt, erinnert sich an die Wirkung. "Es war wie schon sieben Jahre zuvor: Nach zehn Anwendungen kam die Besserung schlagartig. Als hätte man einen Schalter in ihrem Gehirn umgelegt." Heute steht Nana B. wieder täglich in der Küche ihres Restaurants und plant Caterings für Geburtstage und Hochzeiten. "Die EKT war ein Segen", sagt sie. "Trotzdem muss man weiter an sich arbeiten. Ich brauche weiterhin meine Gesprächstherapie, Akupunktur und Yoga." Unter Gedächtnisstörungen leide sie nicht. Ganz im Gegenteil sei vieles aus der Vergangenheit hochgekommen. "Als würde die EKT den Schleier des Stumpfsinns und Vergessens der Depression heben."

Manfred F., Postbote:  "In meinem Leben stimmte eigentlich alles. Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei gute Söhne und verstehe mich super mit den Kollegen. Trotzdem bin ich seit zwei Jahren depressiv, habe keinen Antrieb mehr, keinen Appetit und will niemanden sehen. Nach 32 EKTs kann ich zwar wieder arbeiten, aber so ist das noch kein Leben."

Manfred F., Postbote:

"In meinem Leben stimmte eigentlich alles. Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei gute Söhne und verstehe mich super mit den Kollegen. Trotzdem bin ich seit zwei Jahren depressiv, habe keinen Antrieb mehr, keinen Appetit und will niemanden sehen. Nach 32 EKTs kann ich zwar wieder arbeiten, aber so ist das noch kein Leben."

Nach der jüngsten Statistik wurden 2016 in Deutschland 5700 Patienten mit EKT behandelt, siebenmal mehr als vor 40 Jahren. "Immer noch zu wenige", sagt Peter Falkai, Chefarzt der Münchner Uniklinik. "Angesichts der hohen Zahl therapieresistenter Depressionen könnten viel mehr Patienten profitieren." In einer gemeinsamen Stellungnahme der deutschen, österreichischen, italienischen und schweizerischen Fachgesellschaften für Psychiatrie forderte Falkai seine Kollegen auf, die EKT nicht mehr nur als Ultima Ratio oder gar nicht zu erwägen. "Spätestens nach zwei erfolglosen standardgemäßen Behandlungen mit Antidepressiva oder Psychotherapie sollten Patienten wenigstens über diese Möglichkeit aufgeklärt werden", sagt er. "Stattdessen erleben wir oft, dass sie uns selbst darum bitten, nachdem sie sich im Internet informiert haben." Auch unter psychotherapeutischen Gesichtspunkten sei es fatal, wenn Ärzte von der EKT als letzter Möglichkeit sprächen. "Dann muss man sich als Patient konsequenterweise fragen: Was passiert mit mir, wenn auch das nicht hilft?"

Fünf-Tages-Zyklus

Manfred F. arbeitet mittlerweile seit sechs Wochen wieder. Stolz erzählt er, dass er schon einen neuen Kollegen angelernt habe, in einem Revier, wo er seit zehn Jahren nicht mehr die Post ausgetragen habe. "Ich kannte immer noch die Namen der Bewohner fast aller Häuser." Er gehe auch wieder mit den Freunden ins Stadion, doch von einem glücklichen Leben sei er noch weit entfernt. "Immer fünf Tage nach der EKT wird seine Laune schlechter", sagt seine Frau. "Heute früh sah er wieder keinen Sinn mehr und wollte nicht in die Klinik. Ich hoffe, dass es irgendwann länger anhält."

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(