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Herzinfarkt: Der Tod lauert am Fließband

Lange galt der Herzinfarkt als typische Managerkrankheit. Nun haben Forscher herausgefunden, dass es genau umgekehrt ist: Je niedriger die soziale Stellung, desto höher das Infarktrisiko.

Soziale Konflikte, Einsamkeit, ungesundes Essen und Angst um den Arbeitsplatz sind Faktoren, die einen Herzinfarkt auslösen können

Soziale Konflikte, Einsamkeit, ungesundes Essen und Angst um den Arbeitsplatz sind Faktoren, die einen Herzinfarkt auslösen können

Das Risiko für Herzerkrankungen ist umso höher, je niedriger die soziale Stellung einer Person ist. Zu diesem Schluss kommt Johannes Siegrist, Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie der Universität Düsseldorf. Etwa zur Hälfte lasse sich dies auf einen häufiger gesundheitsschädlichen Lebensstil zurückführen, erklärt der Professor: Die klassischen Risiken seien ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung und Rauchen. Ebenso wichtig sei jedoch eine dauerhafte Stressbelastung vor allem im Beruf oder in der Familie. "Mit Stress ist dabei nicht einfach ein ab und zu hektischer Alltag gemeint, sondern zum Beispiel eine langfristig starke Arbeitsbelastung unter unsicheren, als bedrohlich empfundenen Rahmenbedingungen", sagt Siegrist.

Ein Berufsbild mit wenig Kontrolle über die eigene Tätigkeit sowie eine starke Beanspruchung ohne angemessene Belohnung durch Geld, Anerkennung, Aufstiegschancen oder Arbeitsplatzsicherheit verdoppeln demnach das Risiko für eine koronare Herzkrankheit. "Neben dem Gefühl fremdbestimmt zu sein, zum Beispiel an einem Fließband, spielt Enttäuschung eine große Rolle", erklärt Siegrist. Wenn auch starkes Engagement nicht zum Erfolg führe oder nicht fair honoriert werde, könne das sehr belastend sein.

Konflikte und Vereinsamung sind Risikofaktoren

Dabei sei Geld zwar ein Faktor, wichtiger seien jedoch oft das Gefühl der Anerkennung und die Sicherheit des Arbeitsplatzes. "Belastende Bedingungen sind bei Erwerbstätigen mit niedrigem Sozialstatus häufiger und können weniger gut ausgeglichen werden", betont der Wissenschaftler. Das gelte auch für dauerhafte Konflikte in der Familie sowie Vereinsamung.

Neuere Forschungsergebnisse zeigten laut Siegrist darüber hinaus, dass solche Belastungen den Konsum gesundheitsschädlicher Substanzen fördern: "Einige trinken mehr Alkohol oder rauchen viel, andere, die vorher ein Mal die Woche joggen gegangen sind, lassen das dann weg."

Gezielter Ausgleich gegen Stress

Ein Herzinfarkt sei damit keineswegs in erster Linie ein Problem für Führungskräfte: Während die koronare Herzkrankheit früher als typische Managerkrankheit gegolten habe, trete sie seit einigen Jahrzehnten bei Männern und Frauen aus niedrigeren sozialen Schichten wesentlich häufiger auf. Auf der körperlichen Ebene ist für das Herz an derartigen psychosozialen Belastungen die dauerhafte Aktivierung des so genannten autonomen Nervensystems riskant. Dieser Teil des Nervensystems kontrolliert lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel und beeinflusst das Blutgefäßsystem.

Der aktivierende Anteil des autonomen Nervensystems, das sympathische Nervensystem, ermöglicht es dem Körper unter anderem bei besonderen Belastungen oder in Gefahrensituationen, seine Leistungsfähigkeit zu steigern. Eine dauerhafte Aktivierung fördert jedoch Schäden am Herz-Kreislauf-System. "Das kann sich beispielsweise als dauerhaft erhöhter Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte oder größere Zähflüssigkeit des Bluts zeigen", sagt der Professor. Die Behandlung von Risikopatienten mit Arzneimitteln sei trotz der Bedeutung von mentalem Stress unverändert wichtig. Ärzte und Patienten sollten aber auch den Risikofaktor Stress ernst nehmen und gezielt für Ausgleich sorgen, forderte Siegrist.

Ursprung im Zentralnervensystem

Laut Florian Lederbogen vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim ist für die schädlichen Auswirkungen mentaler Stressfaktoren im Körper wahrscheinlich eine Störung der so genannten stressregulierenden Systeme verantwortlich. Nach dem Stresskonzept wird unterschieden zwischen "Eustress", der sogar einen positiven Effekt haben kann, und "Distress", der durch seine Schwere, seine Dauer und die fehlende Kontrolle des Betroffenen schädliche Wirkungen hat. Akute mentale Belastungen führten genauso wie körperliche Belastungen zu Reaktionen des Herz-Kreislauf-Systems, erklärt Lederbogen. Ziel dieser Reaktionen sei es, den Körper auf Flucht oder Kampf vorzubereiten.

Die Reaktion des Körpers auf akute oder chronische Stressfaktoren habe ihren Ursprung im Zentralnervensystem. Die ausführenden Organe würden über Nerven und Hormone gesteuert. Normalerweise gingen die körperlichen Veränderungen nach dem Ende der Belastung rasch wieder zurück. Bei einer Vorschädigung des Herz-Kreislauf-Systems oder bei verzögerter Abschaltung der Aktivierung könne diese jedoch schädliche Auswirkungen haben, erklärt Lederbogen. Warum manche Menschen mit einer längeren Aktivierung reagierten, sei jedoch unklar: "Einige reagieren auch auf einen bestimmten Stressor stark, andere lässt dieselbe Situation kalt."

Alexandra Hennemann/AP/AP

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