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Studie Warum es nach einer Corona-Impfung zu einer Herzmuskelentzündung kommen kann

Herzmuskelentzündung nach einer Corona-Impfung
Forschende haben herausgefunden, warum es nach einer Corona-Impfung zu einer Herzmuskelentzündung kommen kann.
© Rasi Bhadramani / Getty Images
Eine seltene Nebenwirkung nach der Corona-Impfung ist eine Herzmuskelentzündung. Schuld daran könnten spezielle Auto-Antikörper sein, die gegen einen körpereigenen Entzündungshemmer gebildet werden. Es wird eine Autoimmunreaktion ausgelöst.

Die Impfung gegen Covid-19 ist ein effektives Mittel gegen schwere Krankheitsverläufe. In seltenen Fällen kann es bei den mRNA-Impfstoffen zu einer Nebenwirkung kommen – einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis). Sie tritt vor allem bei jüngeren Männern auf, berichtet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Dem PEI wurden auf alle Altersgruppen und Geschlechter verteilt insgesamt 2704 Verdachtsfälle einer Myokarditis bei mRNA-Impfstoffen gemeldet (Zeitraum: 27.12.2020 bis 30.06.2022). Forschende haben nun eine mögliche Ursache der Myokarditis gefunden: spezielle Auto-Antikörper, die gegen einen wichtigen zentralen Entzündungshemmer gebildet werden. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachblatt "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

Die Forschenden haben 69 Patienten in der Studie untersucht, bei denen der Verdacht einer Myokarditis nach der Corona-Impfung bestand. Bei 61 Probanden führten die Wissenschaftler:innen eine Biopsie durch, um die Herzmuskelentzündung zweifelsfrei zu diagnostizieren. Das Ergebnis: Bei 40 Personen fand das Forschungsteam um Lorenz Thurner vom Universitätsklinikum des Saarlandes eine Myokarditis. Die Forschenden untersuchten die Patienten auch immunologisch und verglichen die Daten mit denen von 125 Personen, die durch eine andere Ursache eine Herzmuskelentzündung bekommen haben, und 214 geimpften und gesunden Probanden zum Vergleich.

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung – Ursachenforschung

Bei 75 Prozent der jungen Patienten fanden die Wissenschaftler:innen im Blut Auto-Antikörper gegen einen zentralen körpereigenen Entzündungshemmer. Er heißt Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist (IL-1-Ra). Das Molekül IL-1-Ra hat eine wichtige Funktion in der Immunreaktion des Körpers. Es dockt sich an den Entzündungsbotenstoff Interleukin-1 an – dadurch verhindert es überschießende Immunreaktionen. "Gerade bezüglich Entzündungen an Herzbeutel, Herzmuskel sowie Gefäßen wissen wir bereits um die zentrale Bedeutung von Interleukin-1. Unser Immunsystem reguliert sich jedoch normalerweise selbst und gerade hochpotente Interleukine haben natürliche Gegenspieler, die gegebenenfalls überschießende Entzündungsreaktionen bremsen können", erklärt Christoph Kessel, er leitet das Translational Inflammation Research Center der Abteilung Kinderrheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Münster.

Doch bei den jungen Patienten mit einer Myokarditis nach der Corona-Impfung hatte der Körper fälschlicherweise Antikörper gegen IL-1-Ra ausgebildet. Heißt: Im Körper werden Entzündungsreaktionen nicht wie normal reguliert. "Bei den Patienten mit Myokarditis findet sich meist eine atypische Form mit einer zusätzlichen Phosphorylierung des IL-1-Ra. Das Immunsystem bewertet diesen dann als körperfremde Struktur und bildet fälschlicherweise Antikörper dagegen. Dadurch wird der so wichtige körpereigene Entzündungshemmer neutralisiert und somit die Wirkung entzündungsfördernder Botenstoffe begünstigt", erklärt Dr. Lorenz Thurner die Zusammenhänge. Durch die Ablagerungen an IL-1-Ra erkennt der Körper seinen Entzündungshemmer nicht und greift ihn an – es wird also eine Autoimmunreaktion ausgelöst.

Corona-Impfungen guter Schutz gegen schwere Infektionen

Die Wissenschaftler:innen konnten zuvor bereits die gleichen Antikörper bei schweren Verlaufsformen von Covid-19 bei Erwachsenen und bei dem sogenannten Multisystemischen Entzündungssyndrom bei Kindern (MIS-C – "Multisystem Inflammatory Syndrome in Children" oder auch PIMS – "Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome" genannt) nachweisen. Eine Herzmuskelentzündung nach der Corona-Impfung verläuft allerdings meist mild. Und das Risiko, eine Myokarditis nach einer Covid-19-Infektion zu bekommen, ist deutlich höher.

Warum es nur bei einigen Menschen zu den Veränderungen an IL-1-Ra kommt, die die Funktion des Immunsystems stört, ist noch nicht bekannt. Dazu muss noch weitere Forschung betrieben werden. Die Studie mit einer kleinen Probandenzahl liefert aber erste Hinweise darauf, wie es zu einer seltenen Herzmuskelentzündung nach einer Corona-Impfung kommen kann.

"Man muss in diesem Kontext jedoch klarstellen, dass Impfungen gegen Sars-CoV-2 unzählige schwere Krankheitsverläufe verhindert und sehr viele Leben gerettet haben. Wir sind fest davon überzeugt, dass der Nutzen der mRNA-Impfungen mit dem daraus resultierenden Schutz gegen schwere Covid-19-Infektionen und schwere Komplikationen bei weitem das Risiko einer milden Myokarditis überwiegt, die durch die von uns beschriebenen, insgesamt sehr selten auftretenden IL-1-Ra-Auto-Antikörper hervorgerufen werden kann", stellt Co-Autorin Prof. Karin Klingel, Leiterin der Kardiopathologie und Infektionspathologie am Universitätsklinikum Tübingen, klar.

Quellen:  Studie New England Journal of Medicine,Mitteilung zur Studie, Sicherheitsbericht PEI

In der ersten Fassung des Textes war die Passage zur Häufigkeit der Myokarditis nach Imfpungen missverständlich ausgedrückt. Wir haben dies korrigiert.

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