Hirnforschung Wenn das Gehirn sich selbst belügt

Wenn die rechte Hirnhälfte durch eine Krankheit geschädigt wird, so springt die linke für sie ein. Doch wenn die dann übereifrig wird, kann das zu wahren Märchenstunden bei der Wahrnehmung führen.

Wer an Wahnvorstellungen leidet, bei dem lässt sich praktisch immer eine Schädigung in der rechten Gehirnhälfte feststellen, den die linke auszugleichen versucht. Als er Studien analysierte, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hirnschädigungen untersucht worden waren, hat der US-amerikanische Neurologe Orrin Devinsky diesen Zusammenhang festgestellt. Sein Fazit: Sobald das Gehirn aufgrund der Schädigung unvollständige oder falsche Informationen erhält, springt die linke Hirnseite ein, um diese Signale in einen sinnvollen Kontext einzuordnen.

Sie schießt dabei nicht selten übers Ziel hinaus. Als Folge kreiert sie Geschichten oder Zusammenhänge, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Wenn dann auch noch eine Schädigung des Hirnbereiches vorliegt, der falsche oder unrealistische Erinnerungen aussortiert, gelangen die falschen Eindrücke ins Bewusstsein. Seine These beschreibt der Forscher von der New York University im Fachmagazin "Neurology".

Devinsky wertete für seine Analyse eine Vielzahl von Studien aus. Darunter waren beispielsweise Untersuchungen von Schlaganfallpatienten und Menschen mit neurologischen Störungen wie dem Capgras-Syndrom. Bei dieser Erkrankung sehen die Patienten überall Doppelgänger von sich oder anderen. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle betrafen die Hirnschädigungen, die den Problemen zugrunde lagen, die rechte Hirnseite. Nur sieben Prozent der Patienten litten unter einer Verletzung in der linken Hirnhälfte, während bei allen anderen entweder beide Seiten oder nur die rechte Hälfte betroffen waren. Auch Schlaganfallpatienten litten bei Schäden der rechten Seite signifikant häufiger an Wahnvorstellungen. In den meisten Fällen war der Stirnlappen, der vordere Teil der Hirnhälfte, von den Schädigungen betroffen.

In der rechten Hemisphäre seien die Zentren für die Selbsterkennung, die emotionale Vertrautheit mit Dingen und Personen sowie das Erkennen der Grenzen des eigenen Ichs beheimatet, erläutert Devinsky. Gibt es dort durch beispielsweise eine Krankheit eine Schädigung, so wird die Beziehung zwischen dem psychischen, emotionalen und auch physischen Selbst und der Umwelt gestört. Diese fehlenden Funktionen versucht das Gehirn auszugleichen, indem es die linke Hirnhälfte, die unter anderem das Sprachzentrum enthält, auf den Plan ruft und aktiviert. Das führt häufig zu einer Überkompensation der linken Hemisphäre. In deren Verlauf erschafft eine Art "kreativer Erzähler", wie Devinsky es nennt, ausführliche und meist falsche Erklärungen für wahrgenommene Reize.

Eigentlich besitzt das Gehirn eine Art Korrekturleseprogramm, das solche Fehler normalerweise erkennt und entfernt oder korrigiert. Durch die Schäden im Stirnlappen wird dieser Korrekturmechanismus jedoch häufig in Mitleidenschaft gezogen und kann seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. Die Folge sind anhaltende Wahnvorstellungen. Diese verschwinden auch dann nicht, wenn dem Betroffenen die Realität deutlich vor Augen geführt wird. Dank des besseren Verständnisses der Denkvorgänge bei den Patienten hofft Devinsky nun neue Ansätze entwickeln zu können, um Wahnvorstellungen abzuschwächen oder sogar zu verhindern.

DDP DDP

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