Hirnforschung Wie Menschen die richtige Distanz wahren

So nah lässt man nur gute Freunde heran
So nah lässt man nur gute Freunde heran
© Colourbox
Der Mandelkern im Gehirn ist bei zwischenmenschlichen Kontakten ständig im Einsatz. Dadurch begründet sich, welche Distanz wir als angenehm empfinden und welche als zu nah. Forscher haben nun eine Frau untersucht, deren Mandelkern kaputt ist.

Eine Struktur im zentralen vorderen Bereich des Gehirns ist dafür verantwortlich, welche Distanz bei direkten zwischenmenschlichen Kontakten als angenehm empfunden wird. Das haben Forscher bei einer Frau entdeckt, bei der die Mandelkern genannte Hirnregion komplett geschädigt war. Mit diesem kleinen Kern fehlte der Patientin auch jedes Gefühl für angemessene Distanzen. Dies betraf reale Situationen genauso wie die Vorstellung, eine andere Person würde sich ihr nähern. Von den Ergebnissen erhoffen sich die Forscher Klärung möglicher Ursachen von Störungen wie Autismus, die ebenfalls mit einer mangelnden Fähigkeit zur Einschätzung zwischenmenschlicher Distanzen einhergehen. Daniel Kennedy vom California Institute of Technology in Pasadena und seine Kollegen berichten im Fachjournal "Nature Neuroscience" über ihre Untersuchungen.

Kultureller Hintergrund und die jeweilige Situation bestimmen, welche Distanz zu anderen Menschen als angenehm empfunden wird. Niemand will in der U-Bahn gleich viel Platz beanspruchen wie an seinem Arbeitsplatz - und niemand will seinem Chef so nahe kommen wie dem Ehepartner. Die Wissenschaftler quantifizieren die als angenehm empfundene Distanz zu einer fremden Person auf etwa 65 Zentimeter. Die Wohlfühldistanz der untersuchten Frau war hingegen wesentlich verringert, sie lag bei nur 34 Zentimetern.

Wolfühldistanz gleich Null

Die mit den Initialen MS bezeichnete Frau empfand keinerlei Unbehagen, wenn fremde Personen sehr nahe an sie herantraten. Sowohl in künstlichen Laborsituationen wie auch in spontanen Alltagsbegegnungen war ihre Wolfühldistanz gleich Null. Sie selbst besaß keinen Instinkt, der sie eine angemessene Distanz anderen gegenüber einhalten ließ. MS wisse laut den Forschern zwar sehr wohl um das Distanzbedürfnis anderer Menschen und könne dieses nachvollziehen und ungefähr einschätzen, nur habe sie keinerlei Gefühl dafür und müsse es bewusst tun.

Neben Verhaltensexperimenten mit mehreren Personen führten die Forscher auch Untersuchungen der Gehirnaktivität im Computertomografen durch. Dabei lag der Proband in der Röhre und musste sich die Position des Wissenschaftlers vorstellen, der mit ihm sprach. Er sah diesen nicht und hörte ihn nur über Lautsprecher. Dabei zeigten Probanden eine erhöhte Aktivität des Mandelkerns, wenn sich der Wissenschaftler vermeintlich nahe bei der Röhre befand. Nicht so MS: Sie zeigte in allen Fällen die gleichen Aktivitätsmuster. Kennedy erklärt, nur schon die Vorstellung einer anderen Person aktiviere offenbar in einem nicht geschädigten Gehirn den Mandelkern.

DDP DDP

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