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Hirnforschung: Schönheit liegt im Hirn des Betrachters

Was im Gehirn passiert, wenn wir ein Kunstwerk betrachten, haben italienische Forscher jetzt genauer untersucht. Eines ihrer Ergebnisse: Wir haben zwar einen objektiven Sinn für Ästethik - aber der bestimmt nicht darüber, was uns gefällt.

Italienische Hirnforscher glauben, im Gehirn eine Art objektive Instanz für Ästhetik gefunden zu haben. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Hirnregionen, die aktiv werden, wenn ein Betrachter bei einem Kunstwerk klassische harmonische Proportionen wie den Goldenen Schnitt betrachtet. Wie er das Kunstwerk subjektiv beurteilt, steht damit nur in einem indirekten Zusammenhang und wird in anderen Hirnregionen entschieden. Die Forscher stützen ihre Aussage auf Messungen der Hirnaktivität von Probanden, denen sie klassische Skulpturen und Figuren mit verfremdeten Proportionen zeigten. Über ihre Arbeit berichten Cinzia Di Dio von der Universität in Parma und ihre Kollegen im Fachmagazin "PLoS ONE".

Die Forscher ließen die in der Kunst unbedarften Probanden Bilder von Skulpturen aus der Klassik und der Renaissance betrachten und maßen dabei mittels funktioneller Magnetresonanztomographie die Aktivität der einzelnen Hirnregionen. In einem Fall bekamen die Probanden die Statuen im Original zu sehen, im anderen Fall waren die Bilder am Computer so verfremdet worden, dass sich die Proportionen - auf den ersten Blick unmerklich - verschoben hatten. Statt Körperproportionen nach dem klassischen Goldenen Schnitt hatten die Figuren beispielsweise ungewöhnlich kurze oder zu lange Beine.

Schönheit - ganz subjektiv beurteilt

Betrachteten die Freiwilligen die Bilder mit den ursprünglichen Proportionen, wurde bei ihnen die Insula besonders aktiv - eine Hirnregion, die an der Entstehung von Gefühlen beteiligt ist und beispielsweise auch auf Belohnungen reagiert. Viel schwächer fiel die Reaktion bei den verfremdeten Bildern aus. Besonders deutlich war dieser Gegensatz, wenn die Forscher die Probanden aufforderten, die Bilder möglichst unbefangen zu betrachten und sich noch kein Urteil darüber zu bilden. Die Wissenschaftler glauben daher, in dieser Reaktion eine Art objektive Instanz zur Beurteilung ästhetischer Kriterien zu erkennen.

Ganz anders war hingegen die Reaktion, als die Wissenschaftler die Freiwilligen ganz gezielt nach ihrer Meinung über die Schönheit und die Proportionen der Skulpturen fragten. Hier wurde bei den Probanden die Amygdala aktiv, eine Hirnregion, die für die gezielte emotionale Bewertung von Situationen benötigt wird. Die Forscher halten diese Reaktion daher eher für eine subjektive Bewertung von Ästhetik.

Die Bewertung von Ästhetik und Kunst wird immer durch ein Zusammenspiel dieser beiden Mechanismen bestimmt, schreiben die Wissenschaftler. Offen bleibt jetzt die Frage, ob die objektiven Kriterien fest im Gehirn verankert sind oder ob sie sich verändern können.

DDP / DDP
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